Kunst

Gedok – Künste. Frauen. Netzwerk

In der Wandelhallen-Galerie des Kunstmuseums Reutlingen ist die doppelte Jubiläumsausstellung der traditionsreichen Künstlerinnen-Vereinigung zu sehen

REUTLINGEN. Zur Vernissage am Montag vor Wochenfrist waren wohl an die dreihundert Menschen ins Untergeschoss der Wandelhallen – die vielleicht schönsten Ausstellungsräume der Stadt – gekommen. Trotz eher bescheidener medialer Ankündigung: Das Netzwerk funktionierte. Stolze 27 Bildende Künstlerinnen zeigen dort ausgewählte Arbeiten verschiedenster Stile, Techniken und Genres, die mehr oder weniger eindeutig verbunden sind durch das eine Thema: Frauen.

An diesem Donnerstagnachmittag hat die Goldschmiedemeistern Barbara Kollross die Aufsicht. Ihre Arbeit „eigenwillig, plastisch, verbunden“ passt als Angewandte Kunst, als ArtDesign ganz genau zu Ziel und Zweck, zum Thema der Ausstellung, die zugleich 100 Jahre des Bundesverbands und 75 Jahre der Regionalgruppe Reutlingen feiern will. Gemeinsam mit der Vorsitzenden Barbara Krämer führt sie durch die sehr sinnfällig unter den weißen Bögen arrangierten Arbeiten in den, trotz des grauen Winterwetters draußen, so licht wirkenden Räumen der Galerie.

Blick in die Bogenhalle der Ausstellung „Künste. Frauen. Netzwerk“ mit Barbara Kollross und der Gedok-Vorsitzenden Barbara Krämer (rechts) Fotos: Martin Bernklau

Man muss das vorausschicken: Die GEDOK wurde in den bewegten Zwanzigerjahren als „Gemeinschaft deutscher und oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen“ von Ida Dehmel (1870 bis 1942) gegründet, die eben mehr war als die Freundin (schon Stefan Georges), Muse und Witwe des Dichters Richard D.: Frauenrechtlerin, Künstlerin und Kunstförderin, Mäzenin, Publizistin, Netzwerkerin, einflussreiche Gesellschaftsdame. Der drohenden Deportation durch die Nazis als Jüdin entzog sie sich durch ihren Freitod im heutigen Dehmelhaus in Hamburg-Blankenese. Die Vereinigung zählt inzwischen knapp 3000 Mitglieder in 23 Regionalgruppen in Deutschland. In Reutlingen sind es seit dem Gründungsjahr 1951 über 90 Mitglieder aus allen Kunstsparten geworden. Männer gibt es auch in der Vereinigung, aber nur als „Kunstförderer“ im gewandelten Namen.

Farbe, Form, Figur. Foto: Martin Bernklau

Die Vielfalt der Techniken und Materialien imponiert – über die durchgängig hohe Qualität der Arbeiten hinaus. Das Collier und der Ring von Barbara Kollross, unter einer Plexiglas-Haube ausgestellt, aber eigentlich durchaus als Schmuck zu tragen, sind aus Wachsformen entstanden, die sie, mit Zwischenschritt, in Silber gießen ließ. Die großen Kettenglieder verband sie mit rotem Textil als Band und Faden in zweierlei Stärken.

Hinter der Trennwand finden sie in spannendem Bezug zueinander zwei spitze weiße Schnabel-Stöckelschuhe, beengende Pumps aus dem Atelier von Eva Funk-Schwarzenauer, und gegenüber ein flächig neo-expressionistisches Frauenporträt „Think Pink“ von Buket Aslantepe, dazwischen ein Ensemble von 21 weißen Quadraten mit chemischen Formeln darauf von Christine Dohms – die Assoziation mit benachteiligten Wissenschaftlerinnen wie Marie Curie oder Lise Meitner liegt nahe, auch wenn es den Titel „Eva und Adam“ trägt.

Eva Dölker-Heims Installation „Was ich nicht darf“ im Hintergrund, vorne die „“Orangenbrüstchen“, mit denen Annette Hecht-Bauer vielleicht ironisch auf den Amazonen-Mythos verweist. Foto: Martin Bernklau

Im dritten Teilraum dominiert Eva Doelker-Heims Installation „Was ich nicht darf“ mit Putz-Utensilien, während an der Säule davor eine Art Rüstung von Annette Hecht-Bauer mit dem Titel „Orangenbrüstchen“ ironisch an den griechischen Mythos der männergleichen Amazonen gemahnen mag. Schräg rückwärtig gegenüber zeigt sich Xenia Muscat mit einer Assemblage von („99 Frauen und eine Rose“) Porträts auf transparenter Textilfolie, dass sie Malerisches (wie bei der Ausstellung in der „Pupille“) ebenso virtuos beherrscht wie bildnerische, auf den Raum bezogene Collage und die auf den Charakter und das Wesentliche reduzierte Zeichnung.

Schwarzweiße Arbeiten: Im Hintergrund Xenia Muscat, vorn rechts Katrin Fasnacht mit „Netzwerke -verwoben, vernetzt, verstrickt“. Foto: Martin Bernklau

Es gibt viel Bildhauerisches, erweiterte „Ready mades“ aus Alltagsgegenständen, oft originell und witzig betitelt wie „damals am Anfang – Kopfschmuck der 20er-Jahre“ von Birgit Hartstein oder Elke Pikkemaats Bodeninstallation „Der lange Abschied von Trees“ mit Netzstrümpfen und Bodensee-Kieseln. Bearbeitete Fotografie als Genre ist öfter zu sehen, aber auch klassiche moderne Malerei des abstrakt expressionistischen Stils, Reliefs und Material-Collagen.

Viel, sehr viel zu sehen, zu bestaunen und zu bedenken.

Info: Die Gruppenausstellung „Künste. Frauen. Netzwerk“ der Gedok (www.gedok-reutlingen.de) ist noch bis zum 15. Februar 2026 im Untergeschoss der Wandelhallen, der Galerie des Kunstmuseums Reutlingen, Eberhardstraße 14, zu sehen. Geöffnet ist donnerstags von 15 bis 19 Uhr, Sa und So von 11 bis 17 Uhr.

Es stellen aus: Buket Aslanteple, Regina Brenner, Heidi Degenhardt, Christine Dohms, Eva Dölker-Heim, Kathrin Fastnacht, Ulla Frenger, Eva Funk-Schwarzenauer, Ingrid Gebhardt, Sylvia Grauer, Birgit Hartstein, Annette Hecht-Bauer, Barbara Kollross, Lissi Maier Rapaport, Elke Pikkemaat, Dagmar Reiche, Tanja Robisch, Renate Quast, Miriam Saric, Anne Claire Schroeder-Rose, Brigitte Sailerr, Gerburg M. Stein, Ingrid Swoboda, Jacqueline Wanner, Christine Ziegler, Rowitha Zee und Xenia Muscat.

Damit er auf Smartphones auch lesbar ist, hier der Kommentar von Christine Dohms:

Danke für den umfassenden Beitrag. „Eva und Adam“ zeigt menschliche Hormone, die Frauen und Männern gemeinsam sind., jedoch in unterschiedlicher Konzentration vorkommen. Testosteron und Östrogen unterscheiden sich nur minimal durch eine OH Gruppe.
Die Arbeit geht der Frage nach, wie minimal die Unterschiede der Geschlechter auf molekularer Ebene sind und wie groß in der Gesellschaft.
Herzliche Grüße

1 Comment

1 Comment

  1. Christine Dohms

    30.01.2026 12:27 at 12:27

    Danke für den umfassenden Beitrag. „Eva und Adam“ zeigt menschliche Hormone, die Frauen und Männern gemeinsam sind., jedoch in unterschiedlicher Konzentration vorkommen. Testosteron und Östrogen unterscheiden sich nur minimal durch eine OH Gruppe.
    Die Arbeit geht der Frage nach, wie minimal die Unterschiede der Geschlechter auf molekularer Ebene sind und wie groß in der Gesellschaft.
    Herzliche Grüße

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

To Top