Musik

Festsaal – Besondere Balance

Das Göttinger Symphonieorchester spielte am Samstagabend im Tübinger Uni-Festsaal Beethoven, Mozart und Rolf Martinsson – mit einem außergewöhnlichen Horn-Solisten

TÜBINGEN. Zum zweiten Konzert der Saison war am gestrigen Samstagabend das Göttinger Symphonieorchester unter seinem Dirigenten Andreas Schüller im Festsaal der Tübinger Universität zu Gast. Sie hatten ein besonderes Programm aus Werken von Beethoven und Mozart dabei – und einen besonderen Solisten. Felix Klieser, ohne Arme geboren, spielte das ihm gewidmete Stück „Soundscape – A Walk in Colours“ des schwedischen Komponisten Rolf Martinsson. Zwar war das Auditorium nur zu rund einem Drittel gefüllt, dafür aber mit einem begeisterungsfähigen Publikum.

Es schien Andreas Schüller, dem Harnoncourt-Schüler und heutigen Generalmusikdirektor am Stadttheater Gießen, vielleicht auch darum zu gehen, Beethoven ein wenig zu ent-mozartisieren und umgekeht die Kantigkeit, einen gewissen eigensinnigen, leicht rebellischen Charakter schon des jungen Mozart herauszuarbeiten und beides in Bezug zu bringen.

Andreas Schüller leitet seine sehr aufmerksamen Göttinger Symphoniker. Foto: Martin Bernköau

Der Beginn mit Ludwig van Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre zeigte die Richtung schon: keine elegant perlenden Läufe, sondern die hart gemeißelten schlagfertigen Einzeltöne, Tuttischläge prägten den Charakter, dazu ausgeprägte Unisoni und Generalpausen, auch ein gewisser Suspensedas Rubato als Vorspiel zur neuen Figur; scharfe Kontraste zwischen weichen Kantilenen, die für Friedenswünsche der Frauen im Drama stehen, und den machtvollen Ausbrüchen für den eruptiven, aber auch zagenden Charakter der Hauptfigur stehen. Coriolans Sterben beschreibt Beethoven mit den drei abschließenden Pizzicati im Pianissimo. Das war vom Orchester sehr gut nachgezeichnet, auch wenn es dazu noch einer rhythmische Findungsphase bedurfte.

Der Hornist Felix Klieser hat so viele höchstrangige Preise gewonnen und Konzerterfolge gefeiert, dass man seine besonderen Bedingungen auch übergehen könnte. Die von seiner Geburt im Jahr 1991 an fehlenden Arme erfordern aber doch bestimmte Hilfsmittel und Wege, um den feinen Ton und die Virtuosität seines Hornspiels zu ermöglichen. Das leicht umgebaute Instrument ist auf ein Stativ montiert; die veränderten Ventile bedient er mit den Zehen seines linken Fußes; auch für das sogenannte „Stopfen“ zur Klangvarianz gibt es eine eigene Mechanik. Bei der Umsetzung von Rolf Martinssons „Sondscape – A Walk in Colours“ schien er sich aber ganz auf das zu verlassen, was im ansonsten zu Gebote steht: die feine Klangbildung durch die Lippen und den vom Zwerchfell gesteuerten Atem.

Vielleicht etwas verdeckt vom Notenständer, um die Spielweise des Solisten auch sehen zu können, und eingebettet ins Orchester gestaltete Felix Klieser Martinssons „Soundscape“. Foto: Martin Bernklau

Als „Klanglandschaften“ hat der schwedische Komponist sein durchgängiges, aber fünfteilig angelegtes Stück bezeichnet, das auf der Begegnung mit seinem Interpreten bei einem Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie und dem engeren Austausch – auch bei einem gemeinsamen Spaziergang – über Titel und Charaker des Auftragswerkes beruht. Es hat tatsächlich mehr mit einem neoexpressiven Tonpanorama nach Art der sinfonischen Dichtungen eines Richard Strauss zu tun als mit satztechnischer Arbeit der strengeren Art.

Die Möglichkeiten des solistischen Horns im Zusammenspiel mit allen Facetten eines Sinfonieorchesters auszumessen, gelang nicht nur deshalb so gut, weil der Interpret dazu seine Vorstellungen eingebracht hat, sondern zudem vielleicht auch deswegen, weil Dirigent Andreas Schüller (wie übrigens auch Strauss) studierter Konzerthornist ist. Das Göttinger Symphonieorchester durfte das hohe Level seiner einzelnen Instrumentengruppen, vor allem der Holzbläser mit seinen (vielleicht etwas schematisch verteilten) Beiträgen zu diesem klanglichen Bilderbogen – erweitert tonal und sehr zugänglich – vorführen. Für den großen Beifall gab es als Dank eine „O, sole mio“-Version von einem in Pavia produzierten Italien-Album Felix Kliesers.

Ganz großer Beifall im Festsaal für den Hornsolisten Felix Klieser, das Göttinger Symphonieorchester und seinen Dirigenten Andreas Schüller. Foto: Martin Bernklau

(später mehr)

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