Im Museum und dem Reutlinger Kamino läuft die sensible Musikdoku über den Tübinger Local Hero Dieter Thomas Kuhn und seine Band an
TÜBINGEN/REUTLINGEN. Es wird viel geknutscht und viel gepichelt in diesem Film. Aber das hat schon seine Ordnung. „Und es war Sommer“ ist als Musikdoku schließlich auch ein Roadmovie über eine Never ending tour und ein Melodram über eine große Freundschaft. Dieter Thomas Kuhn, „DTK“ und seine Band sind ein Kulturphänomen. Ihnen ist es in nunmehr gut dreißig Jahren gelungen, den Schlager vom Trash für die Unterschichten zum Kult auch und gerade für die gebildeten Akademikerkreise der Geistesstadt Tübingen zu adeln. Dass Juliane Sauters Film – neben der Open-air-Tour von 2024 – auch in Tübingen gedreht und produziert wurde, von Carsten Schufferts „Bewegten Bildern“, ist nur normal.

Der Film ist kein Biopic. Er focussiert sich auch in den vielen Einschüben aus dem Archiv ganz auf diese wundersame Laufbahn – und deren generationenübergreifend hingebungsvolles Publikum, das sich für Bad Taste und Tränenseligkeit nicht mehr schämen muss. Auch das zeigt Juliane Sauter (Jahrgang 1995) mit derselben nahen wie einfühlsamen Kamera und taktvollen Interview-Fragen, mit der DTK und sein an Krebs erkrankter Freund Philipp Feldtkeller gezeigt werden, das musikalische Mastermind der Band. Da kommt Schwere in die – bei aller erschöpfenden Anstrengung – übermütig ausgelassene Leichtigkeit des Tour-Lebens.

„Und es war Sommer“ hat aber auch in dieser Konzentration auf das Kulturphänomen und diese einzigartige Karriere gewisse Lücken. Zwar nimmt die Regisseurin keinesfalls die Fan-Perspektive ein, aber gewisse Misserfolge spart sie recht gnädig aus. Der gescheiterte Ausflug vom Covern zu eigenem Deutsch-Pop wird recht genau geschildert und erläutert. Doch das Debakel mit Brechts „Dreigroschenoper“, vom Suhrkamp-Verlag wegen zu großer Werkverfremdung rüde gestoppt, ist keiner Erwähnung wert. Erst im Nachspann zum Abspann – eine etwas seltsame Dramaturgie – gibt Dieter Thomas Kuhn immerhin einen gnadenlosen eigenen Filmverriss zum Besten, der seinem schauspielerischen Ausflug zum katastrophalen Komödien-Flop „Der Trip – die nackte Gitarre 0,5“ gilt.

Die Kunstfigur DTK mit Föhnwelle, Brusthaar-Toupet und gnadenlos geschmacklosen Glitter-Klamotten auf der einen Seite und der als Thomas Kuhn *1) geborene Tübinger auf der anderen scheinen sich nicht ganz unähnlich, wie der Retro-Schlagerbarde nachdenklich bekennt: Sie seien allmählich doch irgendwie zusammengewachsen. Freundlich, nicht zwanghaft witzig, sondern humorvoll, selbstironisch, dabei empathisch, zugewandt den Fans wie den Kollegen gegenüber, mit Bodenhaftung und unverdrossen gut gelaunt zeigt ihn der Film. Dass dies mehr ist als Image, dass solche Menschlichkeit nicht aufgesetzt sein kann, erweist sich in der dramatischen Zwischengeschichte um seinen Freund Philipp Feldtkeller („Howie“), der während der Dreharbeiten eine Krebsdiagnose bekommt.

Noch vor wenigen Jahren wäre eine solch ehrliche Offenheit im Umgang mit einer unheilbaren Krebserkrankung noch völlig undenkbar gewesen, schon gar nicht in der breiten Öffentlichkeit eines solchen Films. Wie Kuhn und sein Freund, der Gitarrist, Komponist und Arrangeur der Band, vor Juliane Sauters sensibler Kamera damit umgehen, ist ebenso beklemmend wie berührend. Indiskret, übergriffig oder gar obszön wirkt es jedenfalls nicht.
Die Kontrapunktik von Rückblenden und Gegenwart ist gut geschnitten, sinnfällig auch in den Tempowechseln, wobei Kuhns relativ langsames Altern auf die 60 zu, das auch ein selbstironisches Thema ist, die zeitliche Zuordung binnen dieser dreißig Jahre durchaus ein wenig erschwert.

Der Rücktritt von 1999 nach kräftezehrendem Turboleben auf Tour hatte sich als seinerzeit scheinbar als ebenso unausweichlich erwiesen – DTK fand die Kunstfigur ausgereizt und fürchtete auch beim Publikum Übersättigung – wie das Comeback dann doch unvermeidlich schien: Zu sehr war die ironische Kunst auf den Bühnen großer Arenen (wie der legendären Berliner Waldbühne) zum Leben aller Bandmitglieder geworden, zu dessen Kern und Zentrum.

Natürlich ist das sauber abgestimmt: Der Film kommt zu einem Zeitpunkt, wo der Vorverkauf für die nun wohl wirklich allerletzte Tournee beginnt – mit dem Vorbehalt wegen Feldtkellers Gesundheit. Für alle Tübinger ist „Und es war Sommer“ quasi ein Muss. Zumal der Film um den Local Hero – bis auf minimale Längen gegen Ende – keinerlei Langeweile aufkommen lässt.
95 min, FSK 12
*1) Er setzte seinem Vornamen den Dieter voran wie – umgekehrt – das ironische Vorbild, ZDF-Hitparaden-Guru Dieter Thomas Heck, den Thomas dahinter anfügte.


