Im kleinen Saal der Reutlinger Stadthalle trat der Bratschist Nils Mönkemeyer mit seinem Klavierpartner William Youn auf
REUTLINGEN. Die Viola oder Bratsche enthält in ihrer Bau- und Spielweise noch viel von der „alten Musik“. Ihr Klang hat sich der Entwicklung zu Kraft, Ebenmaß und Brillanz, die im 19. Jahrhundert vonstatten ging, weitgehend entzogen. Ihr Metier ist nach wie vor die nuancierte, fast menschliche Klangrede in Altlage und gedämpfter Lautstärke. Diese wird auch von dem international renommierten Bratschisten Nils Mönkemeyer kultiviert, der am gestrigen Donnerstagabend (29. Oktober) im Reutlinger Kammermusikzyklus auf dem Podium des gut besuchten kleinen Saals der Stadthalle ein weiteres Mal zu Gast war, diesmal begleitet von William Youn am Flügel.
Aufgrund der altertümlich beschränkten Klangmöglichkeiten wurde im 19. Jahrhundert kaum Solistisches für die Viola komponiert. Nils Mönkemeyer weicht deshalb bei diesem Auftritt auf Arrangements romantischer Kompositionen für andere Besetzungen aus, nämlich für Horn, Violine beziehungsweise Klarinette und Klavier. Das hat grundsätzlich eine leichte Disbalance zur Folge: Seine im Vergleich zu diesen Instrumenten eher diskrete, nuancierte Tonsprache gerät in den Schatten des auf Brillanz und Stärke ausgelegten Flügelklangs.
Das Programm von Mönkemeyer/Youn trägt kein Motto, steht aber im Zeichen der Romantik. Als Auftakt erklingt Robert Schumanns Adagio und Allegro op. 70 für Horn und Klavier, nun in einer Bratschenfassung. Schon hier fällt bei allem gemeinsamen romantischen Schwung die Diskrepanz zwischen dem zärtlich-rauen Bratschenton und dem opulenten Klavierklang auf – die Viola braucht eigentlich ein anderes, gedämpfteres Begleitinstrument. Nur: welches?

Die Mitte bildet ein Wechselspiel zwischen den drei späten Klavier-Intermezzi op. 117 von Johannes Brahms https://de.wikipedia.org/wiki/Drei_Intermezzi_(Brahms) (1892) und den Sätzen 1 bis 3 der sogenannten F.A.E-Sonate, komponiert 1853 durch Albert Dietrich (Komponist und Schumann-Schüler), Schumann und Brahms zu Ehren des befreundeten Geigers Joseph Joachim https://de.wikipedia.org/wiki/F.A.E.-Sonate. Das Motto „frei aber einsam“ wird nicht nur in den Tönen f a e der Motive, sondern auch in den Tonarten der Sätze umgesetzt, wobei Dietrich sich mit einer Spieldauer von mehr als 10 Minuten eine Überlänge und Brahms sich mit der Tonart Es-Dur eine originelle Abweichung erlaubt.
Damit trifft immer wieder das abgeklärte, kompositorisch komplexe Alterswerk auf jugendlich-romantischen Überschwang, daneben aber auch Mönkemeyers nuancenreich verschattetes Bratschenspiel auf pianistische Opulenz, seitens William Youn technisch sicher und virtuos in Szene gesetzt. Man hört, dass die komponierenden Freunde das Stück für Joachims brillante Violine gedacht haben, wenn etwa der Bratscher im ersten Satz nicht umhin kann, in kantabler Kraft den geigerischen Charakter und das leidenschaftliche romantische Gefühl zu betonen. Auch das Abbiegen des Schlusstons nach unten im zweiten Satz verweist auf das Original. Der zentrale Programmblock endet mit dem wilden Ritt von Brahms‘ F.A.E.-Beitrag, die obsessive Motorik wird deutlich herausgekehrt.
Nach der Pause leitet das dritte, tief verinnerlichte Intermezzo op. 117 von Brahms zu einem Solitär im Programm über, der einzigen Originalkomposition für diese Besetzung an diesem Abend und einem absoluten Gegenstück zum romantischen Stil: Morton Feldmans „The Viola in My Life III“ für Viola und Klavier, komponiert 1970/71. Feldmans Kompositionsweise verlangt eine völlig andere Art der Wahrnehmung und der Interpretation; man muss sich tief einlassen auf weit gedehnte Zeit und Klänge, die isoliert aus der Stille kommen und wieder verschwinden. Dafür ist dieses etwa sechsminütige Stück fast zu kurz und wird hier eher oberflächlich und rasch ausgeführt. Zwar vernimmt man wundersam farbige, verhaltene, sanft verlöschende Saitenklänge, doch Stille und gemeinsamer Atem erhalten zu wenig Raum, so dass das Publikum etwas ratlos zurückbleibt.
Mit der späten Klarinettensonate op. 120,2 von Johannes Brahms ging es zurück in die Romantik. In Stil, Lage und Satzart kommt sie dem Charakter der Viola entgegen, und Nils Mönkemeyer überzeugte mit biegsamen Linien, warmer Tongebung und sensibler Durchgestaltung, sicher und bisweilen allzu dramatisch begleitet durch William Youn am Flügel. Der raue, verhaltene Saitenklang atmete Geheimnis und Dunkelheit und steigerte sich zum Schluss in exzessive Virtuosität zu zweit.

Dem anhaltend applaudierenden Publikum schenkten die beiden Künstler ein schlichtes Mozart’sches Frühwerk als Dreingabe – nicht nur als Gute-Nacht-Stück, sondern auch als erhellende Rückkehr in die Zeit vor Romantik und Brillanz.


