Kino

„Biermann“ – Gebranntes Kind

Die Tübinger „Blaue Brücke“ und das Reutlinger „Kamino“ zeigen die Doku über eine lebende und lachende Legende: den Liedermacher, den politischen Sängerpoeten Wolf Biermann

TÜBINGEN/REUTLINGEN. Als er, an den Hals seiner Mutter Emma geklammert, in Hammerbrook durch den Kanal schwamm und dem Fegefeuer des Hamburger Bombeninfernos unter der britischen „Operation Gomorrha“ entkam, so erzählt es Wolf Biermann seit Jahr und Tag und immer wieder, sei seine Lebensuhr stehengeblieben. Dieser Tage wird er 90. Anlass genug, der Jahrhundertgestalt einen Dokumentarfilm zu widmen, der – seltene Ehre – jetzt bundesweit in die Kinos kommt. Der schlichte Titel: „Biermann„.

Seinem Vater Dagobert Biermann, dem kommunistischen Werftarbeiter und Juden, ist er nur ein einziges Mal begegnet, als Kleinkind – bei einem Gefängnisbesuch an der Hand der Mutter. Dort soll er dem Häftling, der dann – als Jude – in Auschwitz in der Gaskammer starb und „als Rauch durch den Schornstein ging“, ein zweiter Fixpunkt in Biermanns Leben, ausgerechnet das Nazilied „Bomben auf Engellant“ vorgesungen haben. Der Mutter war es wohl recht, dass ihr Bub als 16-jähriger Kommunist in die DDR ging, wo ihm, 1953, „so viele entgegenkamen“.

Der Preußische Ikarus: Wolf Biermann 1973 auf der Weidendammer Brücke in Berlin. Fotos: Verleih Majestic

Er galt, gerade im Westen, als der bessere Kommunist in einem verkrusteten kommunistischen Staat, der nach der Nazi-Katastrophe als „das bessere Deutschland“ gegen die kapitalistische BRD angetreten war. Dass er diese DDR 23 Jahre später quasi im Alleingang zum Untergang gebracht habe, ist nur leicht übertrieben. Denn die Oberen waren es ja selbst, die das Debakel um seine Ausbürgerung anno 1976 ins Werk gesetzt hatten, was nicht nur eine weltweite Protestwelle ohnegleichen, besonders aber in der kulturellen Elite des Landes anschwellen ließ, sondern auch Menetekel für die Mächtigen und Fanal für die ganze Opposition war: Die Zündschnur brannte, noch 13 Jahre lang, bis zur Implosion des gescheiterten Arbeiter- und Bauernstaats.

Von seiner Wohnung in der Berliner Chausseestraße 131 (schräg gegenüber der „Ständigen Vertretung“) aus hatte er das Regime trotz Auftritts- und Publikationsverbot 13 Jahre lang mit seinen Liedern, die schließlich auch in den Gefängnisses wie Hymnen gesungen wurden („Warte nicht auf bessre Zeiten“), geärgert und untergraben, hatte seine Stasi-Bewacher verspottet und war doch „zu weit zu weit gegangen“. Nach seinem vierstündigen Kölner Auftritt auf Einladung der IG-Metall („So oder so, die Erde wird rot“) war Schluss. Sein „sozialistisches Vaterland“ verweigerte dem Unruhestifter die Rückkehr in die Heimat. Es begann ein schwieriges Exil, in dem seine starke Stimme nach eigenem Bekenntnis immer wieder zu verstummen drohte.

Wolf Biermanns umjubelter Abgang nach dem Kölner Konzert im November 1976. Am Tag danach kam der Schock der Ausbürgerung. Foto: © Wolfgang Steche

Aber auch im Westen bezog er weiter streitbar Position: für die Friedensbewegung, gegen Atomkraft. Für den Irakkrieg von Bush senior und für Israel, dessen Bewohner von den mit Giftgas gefüllten Scud-Raketen Saddam Husseins wieder in Bunker flüchten mussten. In dierser Zeit entstanden politische Essays von einer polemischen Brillanz und Durchschlagskraft ohnegleichen. „Bindet euer Palästinensertuch fester, wir sind geschieden Leute“, schleuderte er den früheren Genossen aus der Friedensbewegung entgegen.

Wenige Tage, nachdem die Mauer offenstand, war Biermann zu einem ersten Konzert in eine eisig kalte Leipziger Messehalle gereist, wurde gefeiert dort, unterließ es aber nicht, seine einstigen und neuen Landsleute wegen ihrer mehrheitlichen Feigheit vor dem nun fast gestürzten Regime zu beschimpfen. Gegen die russische Invasion in der Ukraine erhob er seine starke, nur altershalber geschwächte Stimme noch einmal vernehmlich.

„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ hieß der Satz, mit dem er aus dem Pariser, nicht dem westdeutschen Exil heraus, in den frühen Achtzigern seine Abkehr vom Kommunismus gerechtfertigt hatte. Dabei hatte er den Kommunismus geradezu mit der Muttermilch eingesogen. Bei dieser einen fundamentalen Wendung blieb es nicht. Biermann ließ sich von der CSU zu Kamingesprächen einladen, und Angela Merkel arrangierte einen Auftritt bei einer Feierstunde im Bundestag für ihn.

Jens Meurers Dokumentarfilm ist ganz konventionell gemacht – auf die denkbar angenehmste Weise: ruhig geschnitten mit so schönen wie passenden Einstellungen; in sinnfälliger Mischung der aktuellen Szenen mit dem sorgsam ausgewählten dokumentarischen Material; in klarer Chronologie und Gewichtung der Abschnitte dieses Lebens. Zeitzeugen, Wehggefährten, alte und neue Freunde äußern sich, durchaus auch mal kritisch über den charismatischen Egomanen („Ja, er hat immer genervt.“). Aber meist kommt Wolf Biermann selbst zu Wort – in diesen Zitaten, die zu geflügelten Worten geworden sind, in diesen oft eitlen, aber immer erhellenden Analysen und Bilanzen voll Witz und knitzer Dialektik der hegelschen, marxschen oder der jüdischen Art.

Wolf Biermann auf dem Cimetière de Montmartre, Paris, auf dem Weg zum Grab von Heinrich Heine.
© Majestic / Sebastian Ganschow, Bernd Fischer

Nur drei seiner fünf Lebensfrauen, mit denen er zusammen zehn Kinder hat, tauchen in der Doku auf. Die Französin Brigitte Soubeyran, Verehrerin von Georges Brassens, dem Chansonnier, brachte den Theaterversessenen Brechtianer dazu, Lieder und Gedichte zu schreiben (und dessen Schnurrbart nachzuahmen). Der gestrenge Marcel Reich-Ranicki sollte Biermann später zu den bedeutendsten Lyrikern deutscher Sprache zählen, in einer Reihe mit dem Vorbild Heine gewissermaßen. Eva-Maria Hagen, Mutter von Ziehtochter Nina, stärkte ihm mit ihrer Popularität in der DDR den aufrechten Rücken. Und Pamela Rüsche, 27 Jahre jünger als er und seit 1989 mit ihm verheiratet, tritt bis heute gemeinsam mit Biermann auf. Sie hat am Drehbuch mitgearbeitet.

Der Film hält eine feine Balance zwischen Privatem, Politischem und den Künsten. In zwei Stunden prägt er sein eindrückliches Bild von einer in vielerlei Hinsicht historischen Figur, in deren Lebensspanne sich eine ganze lange Epoche fokussiert wie in einem Brennglas. Absolut sehenswert.

120 min; FSK: o.A oder ab 12

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