Judith Mohr und ihr Südwestdeutscher Kammerchor gaben in der Tübinger Stephanuskirche ein Konzert „…zu unseren Zeiten“
TÜBINGEN. Der Zustand der Welt gibt „…zu unseren Zeiten“ mit all den Kriegen, Konflikten und Katastrophen jeden Grund zu klagen – und für Christen zu bitten. Judith Mohr und der Südwestdeutsche Kammerchor nahmen das am gestrigen Sonntagabend zum Anlass für ein engagiertes Konzert zum Thema Frieden und Demokratie in der ganz gut besetzten Tübinger Stephanuskirche. Frauenrechte kamen sogar noch hinzu. Die für den fast 40 Stimmen starken Kammerchor ausgewählten Werke reichten quer durch die Epochen und bis zur Achtstimmigkeit, unbegleitet, a cappella. Es waren auch viele zeitgenössische Entdeckungen dabei.
„L‘ homme armé“, der bewaffnete Mann, war ein französisches Chansons, das am Ausgang des Mittelalters europaweit bekannt und verbreitet war. Es warnte und rief zur bewaffneten Verteidigung auf. Das Thema im mixolydischen Kirchenmodus hat auch Giovanni Perluigi da Palestrina (1525 – 1594), Hochmeister der Vokalpolyphonie der Renaissance, als Grundlage in eine seiner berühmtesten Messkompositionen aufgenommen. Verteilt ins Rund des Altarraums intonierte der Chor diese Melodie wechselstimmig und kam wieder zusammen, um ein sehr durchsichtiges und klangfeines „Kyrie“ dieser Missa darzubieten, gerade als die Bitte „Herr erbarme dich“. Diese Vielstimmigkeit atmete in Bewegung.

Fotos: Martin Bernklau
Dieser zeitlos erhabenen alten Musik aus Italien folgte zeitgenössisch Skandinavisches zum selben Thema. Der Schwede Thomas Jennefelt (* 1954), jüngst erst in Schwäbisch Gmünd mit dem Preis für Europäische Kirchenmusik ausgezeichnet, hat den Luther-Choral „Verleih uns Frieden gnädiglich“ vor zehn Jahren aufgenommen und das musikalische Material zu teils scharf dissonanten Clustern geschichtet, die von einem Altsolo – gegenüber hinter dem Publikum postiert – überwölbt wurde. Als Kontrast kam danach Felix Mendelssohn Bartholdys dramatische Motette „Warum toben die Heiden“ für vierstimmigen Doppelchor, die stellenweise fast solistisch besetzt klang, aber auch sehr plastisch am Text entlang deklamiert war.
Für fünf Stimmen hat Heinrich Schütz (1585 – 1672) seine Motette „Gib unsern Fürsten“ (SWV 373) gesetzt, auch als innige Friedensbitte gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, rhetorisch affektstark ganz nah am Text und doch ganz in der polyphonen Bewegung des strengen alten Stils („prima prattica“). Die 1946 geborene Afroamerikanerin Ysaye Maria Barnwell fragt in ihrem sechsstimmigen durchaus pathetischen Werk von 1994, zu dem sich der Chor wieder im Raum verteilte, für alle Ausgegrenzten und Benachteiligten „Would You Horbor me?“ Oft monochordisch und ohne Vorbehalte gegen Dur-Akkorde, endet das eindringliche Stück doch dissonant.

Der Brite Benjamin Britten (1913 – 1976) hat sein energisches „Advance Democracy“ als junger Mann während der Krise um die Tschechoslowakei geschrieben, wo der Diktator Hitler seine Eroberungsziele am Ende im München gegen die Friedens- oder „Appeasement“-Politiker unter der britischen Führung von Premier Chamberlain durchsetzte. Fast parolenhafte Appelle („Time to rise, democracy“) werden cantus-firmus-artigen Kantilenen entgegengestellt, die quer durch die acht Stimmen wanderten. Die drei „Fest- und Gedenksprüche“ für vierstimmigen Doppelchor von Johannes Brahms (1832 – 1897) verloren in der Kammerbesetzung ein wenig von ihrem Pathos. Manches wirkte dabei allerdings etwas unruhig.

Auch ganz nach musikalischem Manifest klingt „Speeches – I. The Rights of Woman“ von Anna-Karin Klockar (*1960) für vierstimmigen gemischten Chor. Der Text der Italo-Schwedin, 2016 im Spiel zwischen Dur und Dissonanz auch mit Glissandi gesetzt, richtet sich explizit an Männer („Tell me man“) und fordert ihren Sinn für Gerechtigkeit heraus. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hat Kurt Hessenberg (1908 – 1994) seine Motette „O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens“ nach jenen im frühen 20. Jahrhundert weltweit populär gewordenen Worten komponiert, die fortan Franz von Assisi zugeschrieben wurden – passend, aber wohl ein frommer Irrtum. Hessenberg, ein reuiger Nazi, wollte die evangelische Kirchenmusik, wie Distler oder Pepping, in eine gemäßigte, erweitert tonale Moderne führen. Ein ausdrucksstarkes Stück im repetitiven Wechsel zwischen Frauen- und Männerstimmen.
Den Abschluss machte ein der Muttergottes gewidmetes Klangstück der Ukrainerin Hanna Hawrylez (1958 – 2022), mit seiner Unbefangenheit gegenüber klassischer Harmonie und der eindringlich wiederholten Hauptzeile „Vse upovaniie moie“ (All meine Hoffnung) vielleicht etwas sentimental in seiner frommen Sehnsucht nach Frieden.

Nicht nur das beeindruckte die Zuhörer aber tief. Langer Stille folgte begeisterter Beifall. Zum Dank gab Judith Mohr mit ihrem Chor ein modernisiertes Arrangement von „Die Gedanken sind frei“ zum Besten. Auch das passte zur engagierten Vielfalt an Wünschen und Appellen um Frieden, Demokratie, Solidarität mit Entrechteten und auch um Frauenrechte.
Info: Das Chorkonzert „… zu unseren Zeiten“ des SWDK erklang schon einmal am Samstagabend in der Metzinger Martinskirche. Am 8. November gibt es auf der Ergenzinger Liebfrauenhöhe um 17 Uhr eine weitere Aufführung.


