Die Tonne eröffnet die sommerliche Festspielsaison im Reutlinger Spitalhof mit der turbulenten Historienkomödie „Shakespeare in Love“
REUTLINGEN. Theater übers Theater. Historie und federleichte Fiktion. Eigentlich erstaunlich, dass der Stoff des anspruchsvollen und oscarüberhäuften Blockbusters „Shakespeare in Love“ von 1998 nicht viel öfter aufgegriffen worden ist, zumal eine Bühnenfassung auch schon lange vorliegt. Die Tonne hat es getan und mit dem Stück unter der Regie von Karin Eppler am gestrigen Donnerstagabend im Reutlinger Spitalhof bei besten Open-air-Bedingungen die regionale Sommertheater-Saison eröffnet.

Das ist ein ziemlich wilder Cocktail, der da in Hollywood vor gut einem Vierteljahrhundert zusammengemixt wurde. Im elisabethanischen London hat der junge Dichter Will (Constantin Gerhards) – in der Provinz warten Frau und Kind auf die Tantiemen – eine Art Schreibblockade. In der theaterverrückten Hauptstadt muss er aber liefern und verkauft seinen komödiantischen Romeo-Stoff samt geplanter Hundefigur und Piratentochter schon mal vorab. Zwei konkurrierende Theaterbesitzer rangeln mit harten Bandagen um Talente wie ihn oder seinen Kollegen Christopher Marlowe. Mit Viola de Lesseps (Trigal Sandberger Cañas), die das Bühnenverbot für Frauen als Thomas Kent verkleidet umgeht, beginnt Will eine heikle erotische Affäre. Denn die Dame ist samt Mitgift schon dem adligen Lord Wessex versprochen. So etwas arrangiert zuweilen Ihre Majestät Elizabeth I. höchstselbst.

Die Tonne hat ziemlich viel aufgeboten für ihr diesjähriges Sommertheater, schon der Menge an Figuren und Rollen wegen. Intendant Enrico Urbanek hat sogar selber die Fechtszenen choreografiert. Das Bühnenbild, zweigeteilt in ein Himmelbett oben und das mit einer Treppe verbundene Hauptspielfeld parterre, hat praktischen Erwägungen zu folgen. Dafür konnte sich Ausstatterin Sibylle Schulze tief im Kostümfundus und in der Schneiderei von Kathrin Röhm bedienen, um der ganzen Sache ihr prächtiges historisches Gewand zu geben.


Die doch etwas knifflige Geschichte in zwei Stunden zu verdichten, die noch dazu fast akrobatisch zwischen slapstickhaftem Komödiantentum und tragischen Akzenten jongliert, gelingt eigentlich ganz gut. Neben den Hauptdarstellern können auch Chrysi Taousanis, David Liske, Kristina Moiseieva, Rupert Hausner und andere in mancherlei Auftritten glänzen. Eine gewisse Einschränkung der klaren Linie bringt das Ambiente mit sich, und zwar mit einem Detail: Die Mimen sind mit Mikros ausgestattet, was wohl der Größe des Spitalhofs wegen nötig ist.Die ganze Breite der Bühne und die Vielzahl der oft rasant wechselnden Figuren aber schränken manchmal die akustische Orientierung und Identifizierung ein, weil alle sich dieselben Lautsprecher teilen, die am Rand aufgestellt sind.

Es tat der entspannten Stimmung bei diesem sommerlauen Theaterabend gewiss gut, dass Karin Epplers Inszenierung in ihrer Gewichtung ganz nah an dem blieb, was vor einem guten Vierteljahrhundert völlig normal war. Seinerzeit nahm man das heutige Thema Transgender noch weitaus spielerischer: als lockeren Wechsel der Geschlechterrollen, als launige Camouflage und lustvolles Verkleiden, als Spiel mit der Lust und Lust am Spiel, als künstlerisches Motiv, als komödiantischen Kick oder Kunstkniff und als (meist feministisch grundierten und auf Geschlechtergerechtigkeit ausgerichteten) Denkanstoß.
Inzwischen ist es über viele teils heftig (und oft gänzlich humorfrei) fanatisierte Aktivisten aus der LBGTQ+-Community hinaus zu einer absolut existenziellen Frage von höchster politischer und gesellschaftlicher Bedeutung geworden, wo es um Sein oder Nichtsein, um Freund oder Feind geht, um Glaube und Bekenntnis – und auch die Bühnenkunst manchen nur noch als missionarisches Mittel zum ideologischen Zweck gilt. Da wird keinerlei Spaß mehr verstanden.

Dem Premierenpublikum – ein paar Stühle blieben frei – gefiel dieser überwiegend verspielte, überwiegend komödiantische Ansatz. Es freute sich an vielen Szenen mit Lachern und feierte „Shakespeare in Love“ mit kräftigem und langem Applaus.
Titelfoto: Beate Armbruster/Tonne
Info: Weitere Aufführungen des Tonne-Sommertheaters „Shakespeare in Love“ gibt es im Reutlinger Spitalhof am morgigen Samstag, 20 Uhr, am Sonntag sowie dann täglich bis zum 2. August zwischen Mi und So.


