Musik

Silcher – Vom Vergessen bedroht

In Tübingen gründete sich am heutigen Samstag eine Friedrich-Silcher-Gesellschaft für das Erbe des ersten Universitätsmusikdirektors, Komponisten und Chorpädagogen

TÜBINGEN. Der Anlass zur Gründung einer Friedrich-Silcher-Gesellschaft am heutigen Samstag in Tübingen ist besorgniserregend: Die Erinnerung an den großen Chorpädagogen verblasst, das Museum in seinem Geburtshaus in Weinstadt-Schnait wurde geschlossen, die Sammlung verteilt. In den Vorstand des neuen Vereins wurden die beiden Initiatoren gewählt, UMD Philipp Amelung sowie Chorleiter und Sprecherzieher Alexander Stein. Rund um die Gründungsversammlung veranstalteten sie einen „Silcher-Tag“ mit offenem Singen als „Akademische Liedertafel“, Workshops und einem Abendkonzert mit der Camerata Musica Limburg, deren Leiter Jan Schumacher (UMD an der Goethe-Universität Frankfurt/M.) zusammen mit anderen namhaften Musikforschern und Chorleitern zu den Gründungsmitgliedern zählt.

Der Männerchor Camerata Musica Limburg unter der Leitung von Jan Schumacher (UMD der Universität Frankfurt am Main) beim Festakt im Pfleghofsaal am Tübinger Schulberg. Fotos und Faksimiles: Susanne Eckstein

Bei dem kleinen Festakt im Pfleghofsaal am Samstagnachmittag fehlten wichtige Institutionen: zum einen der Schwäbische Chorverband als bisheriger Träger des Silcher-Museums, zum anderen die Universität, als deren erster Musikdirektor Friedrich Silcher in die Geschichte eingegangen ist.

Zu Beginn berichteten UMD Philipp Amelung und Alexander Stein über ihre Beweggründe. Sie wurden früh von Silchers Musik angesprochen; für sie baut sie immer noch Brücken, auch international, sie ist Teil eines großen kulturellen Zusammenhangs, und das bei der Schließung des Museums entstandene Vakuum bewog sie zur „längst überfälligen“ Gründung der Silcher-Gesellschaft.

Der Chorleiter und Sprecherzieher Alexander Stein, zusammen mit UMD Philipp Amelung
Initiator der neugegründeten Friedrich-Silcher-Gesellschaft. Foto: Susanne Eckstein

Wie diese Musik in einer originalen Chordarbietung klingt, zeigte zwischendurch das bestens geschulte und besetzte Männervokalensemble Camerata Musica Limburg unter Leitung von Jan Schumacher mit „Hab‘ oft im Kreise der Lieben“. Dessen Schlussvers „und alles war wieder gut“ hat den Silcher-Anhängern im Publikum sicher die Seele berührt, zugleich konnte man es auf die Vereinsgründung beziehen.

Der Camerata schloss sich Matthias Ehm vom Kulturamt Tübingen an, der im März in den Vorstand einer ebenfalls neu gegründeten Josephine-Lang-Gesellschaft gewählt worden ist, und referierte über die Bezüge zwischen der lange vergessenen Tübinger Komponistin und dem berühmten Pädagogen des Volksgesangs – sie waren quasi Nachbarn.

Wie Silchers Musik und Ideen ins pädagogische Heute übertragen werden können, zeigten in einem Referat Dr. Bernd Breyvogel vom Stadtarchiv Weinstadt und Christiane Wegner-Klafszky von der Freien Kunstschule Weinstadt. Ihre Ideen konnte man später im Rahmen des Tübinger „Silcher-Tags“ in Workshops unter dem Titel „Zeitgeist und Zukunft“ selbst komponierend und an der Druckerpresse ausprobieren.

Dr. Bernd Breyvogel vom Stadtarchiv Weinstadt, Geburtsort Friedrich Silchers,
und Christiane Wegner-Klafszky von der Freien Kunstschule Weinstadt beschrieben
in einem Referat Friedrich Silchers Bedeutung. Foto: Susanne Eckstein

Die Gründungsformalitäten gingen reibungslos über die Bühne; aus der Friedrich-Silcher-Gesellschaft „i. Gr.“ wird in Bälde eine gemeinnützige Friedrich-Silcher-Gesellschaft „e. V.“. Interessenten können sich beim Collegium musicum der Universität Tübingen als Mitglieder anmelden.

Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung. Archivbild: Cul-tu-re.de

Diese Gründung und ihre Umstände geben Anlass zu einem weiteren Rückblick auf Silcher und die von ihm mitbegründete Chor-Tradition. Ist sie vom Vergessen bedroht?

Wie ist Friedrich Silcher einzuordnen?

Geboren 1789 zu Beginn der Französischen Revolution, ab 1817 erster Universitätsmusikdirektor in Tübingen bis zu seinem Tod 1860. Neben seiner Tätigkeit als Universitätsmusikdirektor und Chorleiter schuf er ein umfangreiches, „klassisch“ gewordenes Repertoire für die damals in großer Zahl gegründeten Laienchöre, indem er zahlreiche Volkslieder mehrstimmig bearbeitete und neue komponierte. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galten die Silcher-Lieder als eine Art landestypisches Kulturgut in Württemberg. Übersehen wurde und wird dabei, dass die umfassende Singbewegung, die ab etwa 1824 das Land erfasste, nicht nur auf einzelne Persönlichkeiten oder Vereine zurückging, sondern auch auf staatliche Singförderung, etwa das General-Synodal-Reskript vom 29. November 1823, das vierstimmiges Singen zwecks Hebung des Gemeindegesangs in ganz Württemberg befahl. Gestört wurde die Tradition des Volksgesangs durch ihre Vereinnahmung seitens der Nazi-Herrschaft und die (auch) darauf beruhende Vernachlässigung.

Wo singt man noch Silcher?

Vor 40 Jahren hätte wohl kaum jemand geahnt, dass man die Silcher-Lieder dereinst genauso vor dem Vergessen bewahren muss wie etwa die Erinnerung an NS-Verfolgte oder Komponistinnen. Aber danach sieht es jetzt aus: Die Gesangvereine erleben ein Chorsterben, manche haben sich auf englischsprachige Popmusik verlegt, das Silcher-Museum in Schnait wurde Anfang 2023 geschlossen. Auch den Chorverband Friedrich Silcher gibt es nicht mehr, er ist 2024 im Chorverband Rems-Fils aufgegangen.

Schulen, Straßen und ein paar Chöre tragen noch seinen Namen, aber seine Musik ist gefährdet: in erster Linie durch die Veränderungen des Musikgeschmacks und in der musikalischen Bildung. Während die Vereine früher auf den schulischen Singunterricht aufbauen konnten, fehlt heute diese Basis. Traditionelle Männerchöre lösen sich auf, dafür erwachsen sporadisch neue aus Knabenchören. Daneben sind seit Längerem ambitionierte Kammerchöre entstanden wie etwa die Tübinger „Semiseria“, die 2010 an Silchers 150. Todesjahr erinnerte.

Warum wurde Friedrich Silcher in Sachen „Gesellschaft“ übersehen?

Für alle möglichen Komponist/innen gibt es seit langem Gesellschaften, die sich um Werk und Nachleben kümmern, angefangen bei den großen Klassikern bis hin zu „kleineren“ wie Joseph Martin Kraus und neuerdings Josephine Lang. Mit dem Werk von Franz Schubert beispielsweise befassen sich allein in Deutschland gleich drei Gesellschaften. Aber eine Friedrich-Silcher-Gesellschaft gab es bisher offenbar nie – seine Popularität schien offenbar ewigwährend und ungefährdet.

Ein neuer Hort der Silcher-Pflege: die Friedrich-Silcher-Gesellschaft

An der Wirkungsstätte von Silcher als erstem Tübinger Universitäts-Musikdirektor wurde und wird sein Andenken bislang zwar durch seine Amtsnachfolger gepflegt, doch die Ausstrahlung ihrer Aktivitäten ist begrenzt. Nun haben UMD Philipp Amelung und Alexander Stein – völlig unabhängig von jeglichen Gedenktagen – sozusagen der Not gehorchend eine eigene Gesellschaft gegründet, die Friedrich Silchers Schaffen erforscht und lebendig hält.

Titelbild: Friedrich Silcher und seine Braut Rosine aus dem „Hochzeitsabild“ von Christoph Friedrich Dörr (1782–1841), Universitätszeichenlehrer zu Tübingen.

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