In der Metzinger Stadthalle spielte das Landesjugendorchester unter der Leitung von Mario Venzago und Sebastian Ickstadt mit dem Klaviersolisten Viktor Soos
METZINGEN. Die Warteschlange reichte bis vor die Sieben-Keltern-Schule. Der Saal war ausverkauft am Samstagabend, wie zuvor schon die Generalprobe in Ochsenhausen.

Man kann das als Beleg für erfolgreiche musikalische Breitenarbeit und deren Resonanz bei den Menschen werten; neben Freunden und Familien kamen zahlreiche Musikliebhaber. Um es vorwegzunehmen: Die im Publikum sitzenden Kinder lauschten ernsthaft, ebenso die Erwachsenen, keiner klatschte an der falschen Stelle. Dabei stellte das Programm besondere Anforderungen. Präsentiert wurden Originalwerke von Zoltán Kodály, Karol Szymanowski und Antonín Dvořák. Die Leitung teilten sich Mario Venzago und Sebastian Ickstadt, am Klavier gastierte Viktor Soos.
Auch die Bühne war fast zu klein: Knapp 80 junge Orchestermusiker konnte Bruno Seitz als Leiter der Metzinger Musikschule und Vertreter des Musikschulverbands begrüßen. Eigentlich umfasst das Landesjugendorchester um die 300 Mitglieder zwischen 13 und 20 Jahren als „Pool“, eine Auswahl der Besten im Land, getragen von Musikschulen und Sponsoren. Zusätzlich gefiltert wird für die Arbeitsphasen im Frühjahr und im Herbst – es soll ja ein zwar jedesmal neu, aber dennoch stimmig besetztes Sinfonieorchester antreten.
Arbeitsphase und Auftritte sind auf jeden Fall eine Auszeichnung und prägend für die ausgewählten Teilnehmer, angeleitet durch erfahrene Dirigenten. Aktuell ist es Mario Venzago, der normalerweise Spitzenorchester weltweit und nun – kurzfristig als Einspringer – erstmals die Frühjahrs-Arbeitsphase des LJO und damit nach langer Zeit wieder ein Jugendorchester leitet. Aber er hat Humor: „Das ist ein Riesenhaufen Talente“, bekennt er in der Begrüßung, „die ich wie im Fußball zum Team bilden musste.“ Zur Unterstützung hat er Assistenten an seiner Seite, einer von ihnen, Sebastian Ickstadt, übernimmt das erste Dirigat.
Den Auftakt bilden Zoltán Kodálys „Tänze aus Galánta“. In dieser ungarisch-slowakischen Kleinstadt hörte Kodály als Kind eine Zigeunerkapelle, deren Klang ihn nicht losließ, und den er später in die Komposition aufnahm, die auf alten Notenblättern basiert. Unbeeindruckt vom Glockengeläut draußen widmet sich das Orchester konzentriert der Partitur mit ihren Synkopen und Tempowechseln, ausdrucksvoll gelingt das Klarinetten-Solo, wie ein Prímás beim Csárdás entwickelt das Orchester rhythmische Schärfe und glühende Spielfreude, gebändigt durch das präzise Dirigat und die Disziplin aller Beteiligten.

Als weniger erfreulich erweist sich der zweite Programmpunkt, Karol Szymanowskis 4. Sinfonie bzw. „Symphonie concertante“, entstanden um dieselbe Zeit wie Kodálys „Tänze aus Galanta“. Dabei handelt es sich um ein dreisätziges Klavierkonzert (Szymanowski war Pianist); seine moderne Klangsprache verwendet zwar polnische Tanzrhythmen, ist in ihrer Modernität und Sprunghaftigkeit aber schwierig umzusetzen, zumal für ein Jugendorchester – jede und jeder Einzelne muss sicher und selbständig eine schwierige Achterbahnfahrt bewältigen.
Auch der Solist am Klavier ist noch jung und einer aus dem „Ländle“: Viktor Soos, gebürtig aus Backnang, unter anderem Student bei Konrad Elser, vielfach ausgezeichnet und international erfolgreich, nunmehr Lehrbeauftragter an der Musikhochschule Hannover. Für ihn ist Szymanowskis Klavierpart kein Problem: In jeder Hinsicht souverän (nicht einmal der aufs Hallendach trommelnde Wolkenbruch scheint ihn zu stören) meistert er mit differenziertem Anschlag und klug dosiertem Ausdruck alle Klippen des Werks und offenbart sich in der Solo-Dreingabe als sensibler Schumann-Interpret.

Das Orchester allerdings hat alle Hände voll zu tun. Es ist zwar unter Venzagos Leitung mit großer Hingabe bei der Sache, aber das Stück erweist sich als undankbar. Auch als Zuhörer hat man Mühe, ihm zu folgen und dem Wechsel zwischen feingeistiger Lyrik und ekstatischer Wucht etwas abzugewinnen.
Einen deutlichen Kontrast dazu bildet nach der Pause die Sinfonie Nr. 7 von Antonín Dvořák, die in ihrer „klassisch“ strengen, verdichteten Machart dem Klischee vom naiven böhmischen Musikanten direkt widerspricht. Dabei hat Dvořák fast unbemerkt ein „nationales“ Element einfließen lassen: Das Hauptthema des Kopfsatzes stammt aus dem tschechischen Wenzelschoral. Als zweites Thema stellt er ihm ein Brahms-Zitat gegenüber, und möglicherweise trägt die ganze 7. Sinfonie Dvořáks inneren Konflikt zwischen der tschechischen Herkunft und den Ansprüchen der europäischen Musikkultur aus (er selbst hat sich dazu nicht geäußert).
Hier zeigt das Landesjugendorchester unter Mario Venzagos Leitung, was es kann: Dem ersten Satz verleiht es lebhaften, jugendlichen Schwung und lupenreine Bläser-Soli, im langsamen zweiten überzeugt es mit geradezu schwelgerisch ausgemalten Phrasen und einem anrührend sanften Schlussakkord. Das Scherzo scheint dem LJO auf den Leib geschrieben: Da wird tänzerisch zugepackt und klar strukturiert, dass die Spielfreude aufs Publikum überspringt. Diese hält auch im Finalsatz an, so dass Dvořáks Kämpfe mit unbändiger Energie und konzentrierter Präzision musikalisch ausgetragen und zwischendurch mit böhmischen Tanzrhythmen aufgelockert werden. Lustvoll werden Linien gegeneinander geführt und Kontraste aufgebaut bis zum furiosen Finale, beantwortet vom einhelligen Jubel des Publikums. Der hält auch nach der Dreingabe (aus Dvořáks Scherzo-Satz) so lange an, bis sich die Orchestermitglieder voneinander verabschieden.

Info: Die nächsten Auftritte des Landesjugendorchesters finden statt am 17. April um 20 Uhr im Kronenzentrum Bietigheim-Bissingen, am 18. April um 19:.0 Uhr im Form Schönblick in Schwäbisch Gmünd sowie am 19. April im Graf-Zeppelin-Haus in Friedrichshafen.


