Die Württembergischen Philharmoniker spielten in der Reutlinger Stadthalle unter der italienischen Dirigentin Nil Venditti mit Violinsolistin Mira Foron
REUTLINGEN. Eine junge Überfliegerin an der Geige, eine Dirigentin aus Italien – das 4. Sinfoniekonzert der Württembergischen Philharmonie Reutlingen am Montagabend stellte neue Gäste vor. Violinsolistin war Mira Foron , die Leitung hatte die italienische Dirigentin Nil Venditti .
Auch das Programm bot Attraktionen: Das Violinkonzert von Jean Sibelius wurde gerahmt von der „Helios-Ouvertüre“ von Carl Nielsen und der Sinfonie Nr. 5 op. 70 des türkischen Komponisten Ahmed Adnan Saygun .
Die „Helios“-Ouvertüre des Dänen Carl Nielsen führt mit dem Komponisten im Jahr 1903 unter die Sonne des Südens, die in der Partitur geradezu naturalistisch ihren Tageslauf vollzieht. Lupenrein lassen die Hörner sie aufgehen, in weicher Bewegung formt Dirigentin Nil Venditti den Zeitraffer-Bogen von Morgen bis Abend, kraftvoll leuchtet das Mittagslicht, die Streicher bleiben im Schatten der Bläser.

Gen Norden geht es mit dem Violinkonzert d-Moll op. 47 des Finnen Jean Sibelius, der einst betonte: „Meine Musik hat nichts, absolut nichts von Zirkus; was ich zu bieten habe, ist klares, kaltes Wasser.“ Etwas anders sieht das offenbar die junge Geigerin Mira Foron, die schon mit sechs Jahren ihr Violinstudium begann, mit 14 Jahren in Zürich mit dem Mendelssohn-Konzert debütierte und seither Erfolge feiert. Sie beeindruckt nun mit strahlender Bühnenpräsenz sowie brillanter Technik und zelebriert das Sibelius-Konzert so selbstverständlich als Virtuosenshow mit glühendem Sentiment, dass schon nach dem ersten Satz Spontanapplaus einsetzt und die Dirigentin mit einem Sprung in die Höhe (offenbar ihr Markenzeichen) das Orchester zum Aufstehen anweist.
Danach wirkt der langsame Satz vergleichsweise blass, Mira Foron fremdelt ein wenig mit Sibelius‘ langen Phrasen. Beim Finalsatz ist sie jedoch wieder in ihrem Element und macht aus dem Totentanz einen temperamentvollen Kehraus mit akrobatischer Note. Für den Jubel des Publikums bedankt sie sich mit dem tonschön gespielten ersten Satz der Bach’schen Solosonate Nr. 1.

Publikum umjubelt: Mira Foron. Foto: Susanne Eckstein
Wenn ein junger Dirigent oder eine junge Dirigentin ein unbekanntes Werk binnen kurzem mit einem fremden Orchester einstudieren muss, kann das Ergebnis durchaus hinter den Erwartungen zurückbleiben. Dies war der Fall bei Ahmed Adnan Sayguns Sinfonie Nr. 5 aus dem Jahr 1985.
Wobei die Erwartungen des Publikums wohl eher vage waren. Wer kennt türkische Sinfonik? Weder die hiesigen Konzertbesucher noch unsere türkischen Mitbürger, die mehrheitlich kein „klassisches“ Konzert aufsuchen. Dabei kann, wer mag, einen türkischen Klassiksender streamen oder kennt namhafte Künstler wie Fazıl Say oder das Klavierduo Önder.
Um das Ganze einzuordnen, sollte man den historischen Hintergrund kennen: Mitteleuropäische „Klassik“ kam in die Türkei, als 1923 nach Gründung der türkischen Republik der Präsident Mustafa Kemal Atatürk das Musikleben umstrukturierte, Fachleute ins Land holte und Auslandsstipendien an junge Musiker vergab. Unter diesen war damals Ahmed Adnan Saygun, der zuvor (unter anderem) als Stummfilmpianist gearbeitet hatte; er studierte um 1930 in Paris.
Seine sehr viel später entstandene Sinfonie Nr. 5 soll angeblich türkische Elemente enthalten; doch die typischen mikrotonalen Stimmungen lassen sich nur schwer ins gleichstufig gestimmte Orchester verpflanzen; deshalb hat auch Saygun darauf verzichtet. Wenn man seine 5. Sinfonie in älteren Einspielungen hört, klingt sie wie Filmmusik. Bei dieser Aufführung nun gewinnt man den Eindruck einer zerklüfteten Collage aus prallen, hochdramatischen Einzelmomenten, dominiert von brachialen Bläsereinsätzen und krachenden Schlägen, jedoch ohne erkennbare Kontinuität.

Um diese Partitur angemessen zu interpretieren, braucht es vermutlich mehr Probenzeit, eine präzise Vorstellung und detailgenau abwägende Gestaltung. Ein temperamentvolles Dirigat reicht nicht aus, auch wenn die sympathische Dirigentin am Ende erneut einen Luftsprung vollführt und das Publikum lebhaft und lang applaudiert.


