Bühne

Lindenhof – Momo für alle

Am Melchinger Regionaltheater läuft die großartige Bühnenfassung von Michael Endes „Momo“ als echtes Familientheater – ein ganz großer Wurf

MELCHINGEN. Selbst wer den Stoff, die Story und die vom Kitsch triefende Moral von Michael Endes „Momo“ für eine aufgeblasene Kinderei hält (und solche Leute soll es geben), wird am Melchinger Lindenhof seine helle Freude haben können an einem fantastischen, generationen-übergreifenen Theater, das ganz großartig ist. Der Name von Regisseur Christoph Biermeier hat Klang und bürgt für Qualität. Und das Ensemble bietet – neben einer geradezu überwältigenden Ausstattung (Gesine Mahr) und Kostümierung (Katharina Müller) – von den alten Kämpen bis zu seinen jungen Wilden alles auf, über was es an schauspielerischer Substanz verfügt.

Noch kauert Momo im Kabuff zwischen Treppe und Schräge. Aber die ihre Entourage ist schon auf der Bühne versammelt: alle Neune. Foto: Martin Bernklau

Michael Endes Methode bei seinem „Momo“ ist schlicht und eigentlich die gleiche wie bei allen Märchen: Gut gegen Böse, das gute Kind (Hannah im Hof) und seine wenigen Helfer, Verbündeten und Freunde, die Schildkröte Kassiopeia (Linda Schlepps) , der Straßenfeger Beppo (Stefan Hallmayer) und der Geschichtenerzähler Gigi (Luca Zahn) gegen die Mächte der Finsternis. Es gibt da aber auch den weisen Meister Hora (Franz Xaver Ott), der das Rad der Zeit anschiebt. Und es gibt die „Stundenblume“, als eine Art Zauberstab und Erlösungssymbol.

Es geht zuweilen hoch her im Kampf gegen die zeitraubenden „Grauen“.
Foto: Martin Bernklau

Ende hat sein Märchen überhöht zu einer Art Zivilisationskritik und dabei den Kniff angewandt, den großen philosophischen Begriff der Zeit mit der banalen Erfahrungswelt zu verknüpfen: Es gibt da eine „Zeitsparkasse“. Und die bösen Mächte, „die Grauen“ in ihren Business-Anzügen, wollen den Menschen mit falschen Rendite-Versprechungen ihre Lebenszeit stehlen. Michael Endes Märchenroman von 1973 ist – vielleicht mehr noch als seine „Unendliche Geschichte“ zu einem Klassiker der Kinderliteratur, aber auch zu einem antimodernen Schlüsseltext geworden. Vita Huber hat aus dem Wälzer einen griffigen Bühnentext gemacht und die Geschichte behutsam der schönen neuen Medienwelt von Smartphones und gigantischen Cloud-Speichern angepasst.

Beppo (Stefan Hallmayer) kehrt, Meister Hora (Franz Xaver Ott) schiebt, und Kassiopeia (Linda Schlepps) beschützt ihre schlafende Momo. Foto: Martin Bernklau

Dramaturg Georg Kistner hat sich der Vorlage gemeinsam mit Christoph Biermeier angenommen. Es ist nicht nur ein furioses Wechselspiel für neun Schauspieler in zahllosen kleinen und großen Rollen daraus geworden, sondern in Tempo, Bewegung und szenischer Spannung ein ganz präzise getimetes Theater vor einer fantastischen Kulisse und in einem Feuerwerk an Fantasiekostümen. Natürlich sind die Figuren als Typen und Chargen, als Allegorien grob geschnitzt und geben nicht gar so viel her für eine schauspielerische Feinzeichnung zum Charakter, zumal sie sich einer kindlichen, schlimmer noch: der „kindgerechten“ Diktion Endes befleißigen müssen. Aber allen voran Hannah im Hof in ihrer Titelrolle als Momo, holt doch viel Subtiles heraus.

Kassiopeia, die schützende Schildkröte (Linda Schlepps) überreicht Momo (Hannah
im Hof, rechts) die Stundenblume vom weisen Meister Hora (Franz Xaver Ott).

Foto: Simone Haug/ LIndenhof

Die Bühne, die Gesine Mahr dem Ensemble gebaut hat, ist so praktisch, wie sie von schlichter Schönheit und starker Symbolkraft ist: Das schwarzweiß gemusterte, leicht angeschrägte Rad als wichtigste Spielfläche dreht sich, ist anschiebbar, kann stillstehen wie die Zeit. Die Treppe dahinter mit dem Kabuff darunter und der weiterführenden Schräge bietet eine weitere Raumebene. Die Projektionswand hat nur die Aufgabe, über die ausgefeilte Lichtführung wechselnde Atmosphären zu schaffen. Was Katharina Müller da an Kostümen entworfen und von Anne Dietl, Elisabeth Locher und Elina Tarasova hat nähen lassen, ist eine wahre Wucht. Unter den sparsam eingesetzten Requisiten fallen neben der Stundenblume Momos Fuchsschwanz-Säge und der Geigenbogen auf, mit dem sie daraus Musik zaubern kann (für die Julia Klomfaß zuständig ist).

Die Grauen belauern Momo und ihre Beschützerin Kassiopeia.
Foto: Simone Haug/Lindenhof

Die Mimen schlüpfen nebenbei behend in vielerlei Gruppen- und Nebenrollen. Ihre Typen geben sie je eigene Kontur. Berthold Biesinger als Gastwirt Nino bringt das schwäbisch-robuste Element herein. Dem Straßenkehrer Beppo gibt Stefan Hallmayer auf Hochdeutsch eine gewisse proletarische Würde. Franz Xaver Ott leistet nicht nur als Anschieber wahrhaftig Anstrengendes, er verleiht dem weisen Meister Hora auch majestätische Größe. Ganz stark Linda Schlepps als Gefährtin Kassiopeia oder Carola Schwelien etwa als Puppe Bibigirl. Aber auch Johanna Grässle, Kirandeep Heer und Luca Zahn als Gigi überzeugen mit ihrem sorgfältig ausgearbeiteten Timing.

Ein starkes Stück Familientheater, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene – selbst für solche, die nicht unbedingt ständig ihr „inneres Kind“ streicheln müssen, sondern Schauspielkunst in einer grandiosen Inszenierung zu schätzen wissen. Mit mindesten fünf, sechs, sieben Vorhängen feierte das Publikum das in der ausverkauften Nachmittags-Vorstellung am gestrigen Samstag.

Die Melchinger Lindenhof-Truppe wird von Jung und Alt gefeiert für ihren „Momo“. Foto: Martin Bernklau

Titelfoto: Simone Haug/Lindenhof

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