Beim 5. Sinfoniekonzert der Württembergischen Philharmonie in der Reutlinger Stadthalle präsentierte Ariane Matiakh zwischen Tschechischem von Suk und Dvořák eine Uraufführung: Éric Tanguys Klavierkonzert mit Solistin Suzana Bartal
REUTLINGEN. Das war ein schönes, ja anrührendes Bild beim 5. Sinfoniekonzert am Montagabend in einer fast ausverkauften Reutlinger Stadthalle: Die Dirigentin nahm den kleinen Sohn der Klaviersolistin sanft und fürsorglich an die Hand, und Suzana Bartal, die junge Mutter, rief Éric Tanguy, den Komponisten des Klavierkonzerts, in den innigen Kreis, um gemeinsam den Jubel des Publikums entgegenzunehmen. Diese Uraufführung war umrahmt von tschechisch-böhmischer Sinfonik: einem funkelnden Scherzo von Josef Suk und der siebten Sinfonie seines Lehrers, Schwiegervaters und Freundes Antonín Dvořák.
Ja, das mag zu einem multikulturellen musikalischen Netzwerk geworden sein, was die Französin Ariane Matiakh als Chefdirigentin der Württembergischen Philharmoniker da geknüpft hat. Völlig legitim. Éric Tanguy, im französischen Nachbarland ein führender Komponist, Pädagoge und Professor, war nicht das erste Mal zu Gast in Reutlingen. Vergangenen September erklang zum Saisonauftakt ein „Affetuoso“, das der aus Caen stammende Normanne seinem Lehrer und Förderer Henri Dutilleux (1916 bis 2013) gewidmet hatte, der sich wiederum als Erbwahrer der Linie Debussy-Ravel verstand.
Sein Klavierkonzert, ein Auftragswerk der WPR und der britischen BBC, hat er Suzana Bartal gewidmet, einer gefragten Solistin, Kammermusikerin und gleichfalls Professorin in Paris *1). Die im rumänischen Temesvár geborene Pianistin hat nicht nur lebendige ungarische Wurzeln, sondern pflegt auch enge Partnerschaften mit Musikern dieser Herkunft wie dem damaligen Violinsolisten Kristóf Baráti, der in Venezuela aufgewachsen war, nach Budapest zurückkehrte (und die Stradivari „Lady Hemsworth“ spielen darf). Erste Garde allenthalben, international. Mit denen – und mit Ariane Matiakh – teilt sie auch das besondere Faible für ungarische Komponisten von Bartók bis Kodály und für tschechische Musik, insbesondere für deren Zentralgestirn Antonín Dvořák. So wird das eine wunderbar runde Sache. Und es wurde ein Konzertabend voll Glanz und Intensität.
Josef Suk (1874 bis 1835), dem Geigenvirtuosen und Kompositionsprofessor, gefiel sein 1905 entstandenes Scherzo fantastique opus 25 in späten Jahren nicht mehr. Er nannte es „ein geistvolles Nichts“, dem es an Begeisterung und Überzeugung mangele. Das mag insofern stimmen, als sich diese auf starke Wechsel in Klang und Charakter, aber eben auch temperamentreiches Musikantentum und schmeichelnde Melodik bauende Musik etwas schematisch, fast akademisch zeigt. Und das, obwohl Ariane Matiakh und ihr Orchester bei großer Genauigkeit doch viel klangliche und atmosphärische Flexibilität hineinbrachten: weitgespannte Lautstärken-Gegensätze mit ausgeprägten Straffungen und suspense-haften Verzögerungen, eine spannende und sehr transparente Aufteilung der instrumentalen Gewichte.
Éric Tanguys Klavierkonzert hat auch viel Traditionelles, vielleicht sogar eine Spur Schulmäßiges. Es ist dreisätzig, hat bei klassischer Besetzung zwei Solokadenzen klassischen Stils und bedient sich einer erweiterten Tonalität, die durch modale Skalen diese besondere kirchentönige Farbe bekommt, selbst wenn die Harmonik, auch was die Dynamik angeht, oft bis ins schmerzhaft Dissonante zugespitzt wird. Dasselbe gilt für den Rhythmus. Auf einer taktgebundenen Struktur – sie war an Ariane Matiakhs ungemein klaren Schlagvorgaben abzulesen – kämpfen wildeste Gegenrhythmen gegeneinander, extrem schwer zu spielen, nicht nur für die Solistin. Aber diese hochkomplexe Geschehen blieb – nach einer kurzen Suchphase für die klangliche Balance – fantastisch durchsichtig und klar.
Das hat auch mit Tanguys Tonsprache zu tun, die weder polyphon noch homophon ausgerichtet ist, sondern fast immer dialogisch: Frage und Antwort, Aufschlag und Return wie beim Tennis oder auch mal ein Rennen um den Spitzenplatz. Tanguy sucht und findet auch Themen, die wiedererkennbar sind und teils leitmotivisch die drei Sätze durchziehen. Verarbeitet, verwandelt, verfremdet und variiert, verbinden sie drei mehr im Charakter als im Tempo verschiedene Sätze: das Maestoso („intensiv und hoch expressiv“), ein Sospeso („verträumt…gequält…heiter“) und das kraftstrotzende Risoluto, das stellenweise auch („… verspielt“) sein darf.
Das ist großartige Musik, ganz in jener französischen Tradition, die in der Linie Debussy-Ravel auf Klang, Melodik und Gestalt, auch auf tänzerische Wurzeln im Rhythmus setzt, also gewissermaßen auf rhetorische Techniken, auf Gestus und Gefühl – im Gegensatz zu jenen Schulen der Moderne, die zwischen Zwölfton und Serialität der reinen Struktur, einem in diffuse Farben verschwimmenden Klang oder auch einem bis zum Geräusch erweiterten Material den Vorzug geben. Hier mögen Rationalität und Mystik die Pole sein, dort romanische Form, mediterrane Schönheit und südliche Ausdruckskraft.
Das kam eindrücklich herüber in einem hochkonzentriert geleiteten und doch spielfreudigen Orchester mit einer Solistin, die in ihrem Spiel in einen immer feineren, immer intensiveren, immer genaueren Dialog fand. Schien ihrem Ton zunächst im Akkordischen ein donnernder Anschlag zur vollen Gegenkraft fast gar zu fehlen, so gaben kristallklare Töne über alle Lagen hinweg ihrem (auch in sich oft dialogischen) Part immer mehr Leuchtkraft. Alle wurden gefeiert. Suzana Bartal bedankte sich genau in dieser glitzernden und zärtlichen Genauigkeit mit einem späten Schumann als Zugabe: Dem „Vogel als Prophet“ aus den „Waldszenen“.
Dass nach einer solchen Intensität und Konzentration die Sinfonie Nr. 7 in d-Moll von Antonin Dvořák nur noch als längere, lockere Zugabe genommen worden wäre, hätte man verstehen können. Aber im Gegenteil: Mit derselben Kraft und Genauigkeit ging es weiter im Takt jener Sinfonie aus dem Jahr 1885, in der Dvořák nicht nur in eher düster-ernsten, manchmal heroisch-trotzigen Ton wechselt, sondern auch dem strengen thematisch-motivischen Stil des Freundes und Förderers Brahms, diesem organischen Wachsen aus kleinster Saat heraus in große Form, seine Reverenz der Dankbarkeit erweist. Dvořáks unvergleichlichen melodischen und rhythmischen Erfindungsreichtum konnte das nicht bremsen.
Das Zusammenspiel in klarem klanglichen Konzept und einvernehmlich agogischer Dynamik war einwandfrei, schon praktisch makellos. Keinen Augenblick lang ließen Temperament, Ausdruckskraft und Disziplin nach. Die einzelnen feinen Einlagen der Solisten und Gruppen zu loben oder zu vergleichen, fehlt hier der Platz. Einen Anhaltspunkt mag da das Aufrufen durch die Dirigentin im frenetischen, langen Schlussapplaus geben: Oboen und Klarinetten waren als erste dran, beim Paukisten brandete der Beifall noch einmal besonders auf.
*1) Auch Ariane Matiakh ist übrigens Professorin. Schon im Jahr 2018 berief sie das „Conservatoire national supérieur de musique et de danse de Paris“, mit Lyon zusammen die führende Musikhochschule Frankreichs.
