Das erste Kaleidoskop-Konzert der Saison gestaltete die Württembergische Philharmonie unter Ariane Matiakhs Leitung mit Spanisch-Südamerikanischem und der Gitarrensolistin Gaëlle Solal
REUTLINGEN. So voll wird es bei der Württembergischen Philharmonie Reutlingen sonst nur im Sinfoniekonzert – der große Saal der Stadthalle war am gestrigen Donnerstagabend (15. Oktober) bis auf wenige Plätze besetzt. Das erste Kaleidoskop-Konzert dieser Saison präsentierte unter dem Titel „Spanien trifft Südamerika“ die französische Gitarristin Gaëlle Solal. Die Leitung hatte Chefdirigentin Ariane Matiakh, die zwischendurch auch die Moderation übernahm.
Gleich zwei Werke für Gitarre und Orchester aus der Feder brasilianischer Komponisten prägten das Programm: das Gitarrenkonzert von Heitor Villa-Lobos aus dem Jahr 1951 und eine Suite für Gitarre und Streichorchester von Ernesto Nazareth; das Arrangement von Élodie Bouny erfuhr hier ihre deutsche Erstaufführung.
Diese Besetzung hat ihre Tücken, weshalb sie und damit auch die Gattung des Gitarrenkonzerts erst nach der Verbreitung von Mikro, Tonabnehmer, Verstärker und Boxen (also ab etwa 1930) aufkommen konnte: Der Klang des intimen Zupfinstruments kommt gegen den des Orchesters nicht an, der erstere muss verstärkt und die Lautstärke des großen Klangkörpers heruntergedimmt werden.
Den Rahmen bilden Orchesterwerke spanischen Kolorits: Als Ouvertüre sorgt die „Navarraise“ aus der Ballett-Suite der Oper „Le Cid“ von Jules Massenet für gute Laune, spielfreudig und präzise inszeniert vom Orchester, inspiriert durch das lebhafte Dirigat der Chefdirigentin.
Laut Programmflyer für die zweite Stelle vorgesehen, rückt „El amor brujo” nach hinten und macht dem Gitarrenkonzert von Heitor Villa-Lobos Platz. Das ist dermaßen vertrackt und kantig gesetzt, dass man sich bei der ersten Begegnung schwertut, Gitarre und Orchester zusammen zu hören; beide müssen sich konzentriert und strikt koordiniert aufeinander einlassen. Und es braucht eine souveräne Solistin: Gaëlle Solal erfüllt ihren Part mit makelloser Technik und hoher Musikalität. Kein Nebengeräusch stört ihren warm perlenden, differenziert artikulierten und ausdrucksvollen Saitenklang, das Orchester legt ihr im zweiten Satz einen seidenen Klangteppich zu Füßen. Zum Glanzlicht des Konzerts wird ihre Solokadenz: hier entfaltet sie nicht nur virtuoses Können, sondern auch so intensive wie stilbewusste Gestaltungskraft.
Die Orchestersuite „El amor brujo” (Liebeszauber, 1915) des Spaniers Manuel de Falla setzt danach einen deutlichen Kontrast: Mit ihren präzise umgesetzten obsessiven Rhythmen und harten Akzenten erinnert sie an die Ballette Strawinskys, die wenige Jahre zuvor Furore gemacht hatten, und wird unter den Händen von Ariane Matiakh und den Ihren zum farbig gehärteten Klangzauber.
Nach der Pause knüpft Miklós Rószas Liebesthema aus dem Film „El Cid” an den schon zu Beginn gestreiften Legendenstoff an. Rószas Musik ist nicht „spanisch”, sondern Kino-Breitwandsound mit seelenvollen Soli und breiten Melodien, die vergangene Größe evozieren. Spanische Tanzrhythmen hingegegen verwendet Camille Saint-Saëns 1880 in seiner „Jota Aragonese“ (op. 64), die in dieser Aufführung fein und klangbewusst als transparente Orchesterkunst zelebriert wird.
Den Schlussteil des Programms nimmt die deutsche Erstaufführung des Arrangements einer „Suite für Gitarre und Streichorchester“ des Brasilianers Ernesto Nazareth (1863–1934) ein, der die Tanzlustigen seiner Zeit mit Tangos, Walzern und Polkas beliefert hat. Dass es sich bei der hier erstaufgeführten sogenannten Suite um eine lose Folge von Tanzstücken handelt, merkt man daran, dass die gedruckte Satzfolge umgestellt wird und zwei Sätze fehlen. Zu hören sind nun Odeon, Gotas de ouro, Perigoso, Plangente und Brejeira – Odeon meint ein Kino, Gotas de ouro goldene Tropfen, die weiteren Titel bedeuten Gefahr, Klage und Frechheit, erläutert durch Solal und Matiakh. Es sind populäre Klavierstücke im neuen Klanggewand, aufgeteilt auf Gitarre und Orchester, teils brasilianisch, teils Ragtime.
Foto: Susanne Eckstein
Wesentlich mehr als die Tanzstücke selbst beeindruckt das Spiel von Gaëlle Solal auf ihrer Konzertgitarre. Zwar fehlt ihnen das perkussive Element des Klaviers, doch die Solistin verleiht ihnen soviel Klangschönheit, Perfektion und Ausdruck vom launigen Spielspaß bis zum schmeichelnden Sentiment, dass das Publikum ihr nach dem fein gezupften Schlusston lebhaft applaudiert und sich über eine Wiederentdeckung als Zugabe freuen darf: ein Stück (ein Choro, ähnlich Milhauds „Le boeuf sur le toit”) von Chiquinha Gonzaga (1847–1935), einer brasilianischen Komponistin, die auch ins Hauptprogramm gepasst hätte. Gaëlle Solal verabschiedet sich mit einer kurzen Solo-Dreingabe vom jubelnden Publikum.
