Ariane Mathiak dirigierte das Festkonzert der Württembergischen Philharmonie, Juri Tetzlaff moderierte
REUTLINGEN. Vor ausverkauftem Haus ging im großen Saal der Stadthalle am Dienstagabend das Weihnachtskonzert der Württembergischen Philharmonie Reutlingen im Rahmen der Kaleidoskop-Reihe über die Bühne. Die Moderation übernahm Juri Tetzlaff, die Leitung hatte Chefdirigentin Ariane Matiakh.
Damals in der Listhalle war mehr Lametta. Heute gibt es weder einen Christbaum noch Blumen für die Künstler, dafür leistet die WPR einen Beitrag zur Nachhaltigkeit in Form ihres „Orchesterwaldes“ auf der Alb. Der Gaststar ist kein Musiker bzw. keine Musikerin, sondern „nur“ ein Moderator, in diesem Fall Juri Tetzlaff, bekannt vom KiKA, dem TV-Kinderkanal von ARD und ZDF. Wer vor 1993 geboren wurde, kennt ihn eher nicht.
Als ungeschriebenes Motto des Abends konnte man „Weihnacht – Fest der Kinder“ ausmachen. Das Programm bezog sich auf Märchenstoffe in Film und Ballett, Text und Ablauf der Moderation waren kindgerecht.
Der Auftakt jedoch verspricht Großes: Das voll besetzte Orchester begeistert mit einer brillanten Interpretation von Tschaikowskis „Marsch“ aus der Nussknacker-Suite Nr. 1; die Eleganz und Präzision des Dirigats spiegelt sich in lebhafter Musizierfreude und einem farbig ausdifferenzierten Klangbild.
Moderator Juri Tetzlaff scheint sich in der Folge an Grundschulklassen zu wenden. Mit heller Stimme und munterer Gestik will er „den Weihnachtsturbo anwerfen“, führt in die Handlung des „Nussknackers“ ein, ohne die zugrunde liegende Erzählung von E.T.A. Hoffmann zu erwähnen, und beschreibt eher die magischen Aspekte: „Wir tauchen ab ins Spielzeugland“, wo die Spielsachen lebendig werden.
Der Komponist Peter I. Tschaikowski ist mehrfach vertreten mit Nummern aus „Nussknacker“ und „Schwanensee“. Manche erinnern sich vielleicht, wie vor Jahren diese Ballette live in Reutlingen zu erleben waren, als noch russische Ballettkompagnien Europa bereisten. Das ist passé. Immerhin ist die Werkfolge weltpolitisch ausgewogen: Vier russische wechseln mit vier US-Musikbeiträgen, hinzu kommt die tschechische Filmmusik zu „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ aus DDR- und CSSR-Zeiten.
Dabei handelt es sich neben Ballettmusik hauptsächlich um Filmmusik: „Babes in Toyland“ von Victor Herbert, „Der Schneesturm“ von Georgi W. Swiridow (ursprünglich eine Novelle von Puschkin sowie eine Tondichtung) und „The Polar Express“ von Alan Silvestri. Auch ohne Kino versetzen Musik und Moderation die Zuhörer in eine kindliche Wunderwelt, wo der Weihnachtsmann die Geschenke verpackt und der Prinz die Prinzessen freit; während die Saal-Leinwand im Gehäuse und das Ballett in Moskau bleibt, öffnet das Orchester die Tür zur musikalischen Zauberwelt.
Es musiziert unter Ariane Matiakhs inspirierender Leitung wie stets durchweg akkurat, lebendig und klangschön, die Soli sind schlichtweg fabelhaft, das tiefe Blech lässt die Puppen aufmarschieren, Flöten und Celesta streuen Himmelsharmonie und Glitzerstaub über das Ganze. Juri Tetzlaff greift diese Passagen auf und präsentiert eine unterhaltsame kleine Instrumentenkunde.
Am Ende des ersten und zweiten Teils erfreut Unterhaltsames von Leroy Anderson das Ohr: der „Sleigh Ride“ als glöckchenklingelnde Schlittenfahrt und „A Christmas Festival“, ein Potpourri angloamerikanischer Weihnachtslieder.
Dass nach der Pause die Werkfolge umgestellt wird, fällt zunächst kaum auf. Vor der kompositorisch etwas blassen Orchestersuite aus „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ steht nun Tschaikowskis „Tanz der kleinen Schwäne“, zwischendrin darf eine Zuhörerin das Kazoo blasen, und den dramatischen, weil musikalisch eigenständigen Höhepunkt bildet die Schlussszene aus „Schwanensee“.
Etwas irritiert ist das Publikum allerdings, als das gemeinsame Lied „O du fröhliche“ nicht das traditionelle Ende bildet: Alle bleiben nach dem Singen wie gewohnt stehen, um die Schlussovation darzubringen, und viele wundern sich, dass danach noch „A Christmas Festival“ folgt. Entsprechend fällt der zweite Schlussapplaus gegenüber dem ersten etwas ab.
