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WPR – Bonne année!

Ariane Matiakh gab mit der Württembergischen Philharmonie und dem Klaviersolisten David Kadouch in der Reutlinger Stadthalle ein umjubeltes und ganz und gar französisches Neujahrskonzert

REUTLINGEN. Solch lange Ovationen sind auch in der Reutlinger Stadthalle selten. Der Jubel galt am Montagabend Maurice Ravels unvergleichlichem „Boléro“, den Ariane Matiakh als fulminantes Finale eines rein französischen Programms mit ihren Württembergischen Philharmonikern ausgesucht hatte. Was Rang und Namen hat in der früheren Freien Reichsstadt, das war da zum festlichen Neujahrskonzert. Auf den oberen Rängen und den Galerien blieben allerdings ein paar Plätze leer.

Ariane Matiakh. Foto: Marco Borggreve

Zu den Verdiensten der seit drei doch großartigen Jahren amtierenden Chefdirigentin, die aus der französischen Hauptstadt stammt und überwiegend in Wien studierte, gehört es, dem Reutlinger Publikum immer wieder die in deutschen Sälen und Häusern doch ein bisschen unterbelichtete Musik ihres Heimatlandes nahezubringen. Sie tat das auch mit Namen, die hierzulande kaum ein Mensch kennt. Der Klaviersolist David Kadouch, in Frankreich ein Klassik-Star und – noch im Kindesalter – als Kammermusiker von Itzhak Perlman entdeckt und für ein gemeinsames Konzert nach New York eingeladen, gehört gewiss auch dazu.

Emmanuel Chabrier (1841 bis 1894) hingegen, als Staatsbeamter ein spätberufener Opernkomponist und Pianist, war eine feste Größe im Pariser Kulturleben, wurde zwischenzeitlich fast vergessen, aber dann wiederentdeckt. Seine Opern, darunter „L‘ étoile“, erlebten wie sein Konzertstück „España“ eine Renaissance. Auch „Le roi malgré lui (König wider Willen)“ kommt gelegentlich wieder auf die Spielpläne. Darin gibt es eine ungemein charmante „Fête polonaise“, die in Walzer- und Mazurka-Rhythmus und feinsten Klangfarben eine Ballszene beschreibt, die übrigens von Wagners vieldeutig schillernder Harmonik inspiriert ist. Etwas burlesk, sogar ein wenig ironisch in ihrem Humor, passte sie bestens zum festlichen Anlass und wurde von den sprühend spielfreudigen Philharmonikern mit Hingabe gemalt.

Ariane Matiakhs hochexaktes, aber auch suggestives Dirigat war danach auch bei Maurice Ravels Klavierkonzert G-Dur aus dem Jahr 1931 gefragt, zu dem sich David Kadouch an den Flügel setzte. Denn neben den fast mönchisch asketischen Solo-Passagen im zweiten Satz muss Ravels ungemein filigrane und vielschichtige Satzkunst und Instrumentierung von dieser kristallinen Transparenz bleiben, dieser französischen Clarté, die seine Musik so einzigartig macht. Es ist auch ein französischer Weg mit ausgeprägter, aber antiromantischer Melodik und hochdissonant erweiterter Tonalität, den er dem Strukturalismus oder Serialismus der von Wien ausgehenden deutschen Moderne entgegensetzt, sinnlich und von Facetten schillernd wie ein präzise feingeschliffener Diamant.

David Kadouch. Foto: Marco Borggreve

Es war wunderbar, mit welcher Vielfalt von Anschlagskultur David Kardouch seinen Solopart gestaltete, in ganz enger und genauer Zwiesprache mit Ariane Matiakh und dem Orchester, das nichts nur Begleitendes, sondern eminent Eigenständiges zu konturieren hatte, vor allem in den Holzbläsern, denen das besondere Faible des Komponisten galt. Vielleicht mag die verträumte Lyrik des Mittelsatzes dem Pianisten ein wenig weit in romantische Melodik abgeschweift sein. Es könnte aber Ravels Absicht durchaus gerecht geworden sein, der sein Konzert im Charakter zwischen Mozart und Saint-Saëns angesiedelt wissen wollte. Ganz großartige Technik und Geläufigkeit, nebenbei, die Kardouch gerade im Finale zeigte, ein wunderbares, passagenweise funkelndes und flirrendes Jeu perlé. Großer Beifall und Lili Boulanger als Zugabe – und Überleitung.

Denn die zweite Hälfte begann mit der so frühvollendeten und so früh gestorbenen Französin, die als Komponistin wahrscheinlich weit genialer war als ihre berühmte Schwester Nadia Boulanger (1887 bis 1979), Lehrmeisterin so vieler großer Tonsetzer. Lili Boulanger schrieb „D’un matin de printemps (An einem Frühlingsmorgen)“ als eines ihrer letzten Werke. Der Gewinn des „Prix de Rome“ hatte schon die Jugendliche berühmt gemacht. Das filigrane Stück mit dem beziehungsreichen Titel, von Licht und Optimismus strahlend bis zum kraftvollen Schlussakkord, entstand im Todesjahr der von Kindheit an schwerkranken Musikerin,1918. Auch ihre Instrumentationskunst, dem Impressionismus zugeordnet, ist wie die von Ravel (oder dem nachfolgenden Albert Roussel) ein wahres, sehr französisches Wunder.

Albert Roussel (1869 bis 1937), der sich von seinem Beruf als Marineoffizier für die Musik freigeschwommen hatte, destillierte seine musikalische Fabel „Le festin de l’araignée (Das Festmahl der Spinne)“ als siebensätzige Suite aus dem etwas skurrillen Insekten-Ballett „Souvenirs entomologiques“, einer erfolgreichen Auftragsarbeit des Jahres 1913. Staunenswert seine bildhaft feingezeichnete Musiksprache mit langen melodischen Girlanden und ihrem Reichtum an rhythmischen Einfällen, dazu die höchst fantasievolle Instrumentierung – ein Festmahl für alle Instrumentengruppen der Württembergischen Philharmonie, die von Ariane Matiakh fein abgestimmt und virtuos präzise geführt wurden.

Links neben der Harfe stand auch eine Celesta, das Tasteninstrument
mit Glockenklang. Foto: Martin Bernklau

Harfe, Celesta und vielerlei Schlagwerk waren schon vorher dabei. Zum Finale mit Maurice Ravels „Boléro“ trat dann als volles Tutti alles auf die Bühne, was die WPR aufzubieten vermag. Die vielleicht wichtigsten Instrumente waren auch räumlich ganz ins Zentrum postiert: die beiden Trommeln. Wenn eine Snare-Drum flüstern könnte, müsste man die Delikatesse so bezeichnen, mit der sie ihren durchgängigen, mit so betörendem Gleichmaß über eine gute Viertelstunde gesteigerten Rhythmus begann, über den Ravel zunächst die Kantilene der Flöte legt.

Der Boléro gilt zwar als genialste Begleitmusik zu gutem Sex, was wegen der stetigen Steigerung bis zum Höhepunkt auch seine Berechtigung haben mag. Er zieht seine berauschende, narkotisierende Wirkung vielleicht aber auch aus seinem stoisch durchzuhaltenden Metrum von 72 Schlägen die Minute, auf die Ravel selber allerhöchsten Wert legte. Das ist gewissermaßen der Grundtakt allen menschlichen Lebens, der durchschnittliche Herzschlag. Nach seinem Diktum „keine Musik“, ist der Boléro als reines Crescendo aber auch fast mathematisch durchstrukturiert.

Die Stimmführerpulte der Violinen. Foto: Martin Bernklau

Wie der 169 mal wiederholte Rhythmus wird auch diese Melodie, das Thema, nicht variiert oder entwickelt, sondern – mit der Flöte beginnend – zunächst durch die Bläserstimmen geführt; wobei in dieser Sektion von Piccoloflöte über Klarinetten, Hörner, Saxophone und Posaunen bis zur Tuba Ravels besonderes Faible für den Oboenklang auch in den Varianten d’amore und Englischhorn auffällt. Ein jeder mag seinen eigenen Boléro im Ohr und auf der Wunschliste haben. Dieser hier war von phänomenaler Präzision und ungeheurer Suggestionskraft: eine Beschwörung, ein rauschhafter Zauber.

Der frenetische, tatsächlich nicht endenwollende und immer wieder von fast orgiastischen Jubelschreien durchsetzte Beifall, die stehenden Ovationen des Publikums, sie waren der vollkommen verdiente Lohn dafür – auch für das gesamte Bonne année! dieses frankophilen Neujahrskonzerts von Ariane Matiakh und ihren Württembergischen Philharmonikern überhaupt.

Ariane Matiakh und die Württembergischen Philharmoniker dürfen nach einem überwältigenden Ravel-„Boléro“ im Jubel des Reutlinger Publikums baden: Minutenlange stehende Ovationen. Fotos: Martin Bernklau

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