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Westspitze – Morton Feldman zum 100.

Ein Ausnahmekonzert: Die Hommage an Morton Feldman zum Hundertsten von der Pianistin Florence Millet und dem JACK Quartet bei den Contemporary Concerts in der Tübinger Westspitze.

TÜBINGEN. Es ist Sebastian Solte von „Contemporary Concerts” hoch anzurechnen, dass er das JACK Quartet aus New York mit der französischen Pianistin Florence Millet nach Tübingen holen konnte, um ein Schlüsselwerk der Neuen Musik vorzustellen: „Piano and String Quartet“ für Klavier und Streichquartett von Morton Feldman, komponiert 1985.

Aufgrund seiner Überlänge von mehr als 80 Minuten wird dieses Werk nur selten aufgeführt und steht für einen Sonderweg der Neuen Musik. Entsprechend gut besucht war die Aufführung am Samstagabend im „Saal eins“, Gespräche inklusive; auch der SWR war dabei, um das Konzert aufzuzeichnen.

Das Equipment vor Konzertbeginn. Foto: Susanne Eckstein

Während die zeitgenössische Musik hierzulande seit Langem vorwiegend versucht, die Ausdrucksmöglichkeiten mittels neuer Spieltechniken zu erweitern und sie mit Live-Elektronik zu verbinden, geraten frühere, andersartige Ansätze aus dem Blickfeld. So der von Morton Feldman, den er in seinem „Piano and String Quartet“ betitelten Werk – auch als Gegenentwurf zur europäischen Avantgarde – verwirklicht hat.

Hier geht es zwar ebenfalls um Klangfarbe, doch in erster Linie um den Umgang mit Zeit und um das Entstehen von Zusammenklängen. So einfach die Faktur zunächst anmutet, so schwierig ist das Notat zu lesen und umzusetzen: Dafür braucht es engagierte Künstler wie das JACK Quartet, bestehend aus Christopher Otto und Austin Wulliman (Violine), Jay Campbell (Violoncello) und John Richards (Viola). Gegründet 2005 und benannt nach den Vornamen der ersten Besetzung, hat es sich mit zeitgenössischer Musik ein internationales Renommee erspielt.

Vor das Hauptwerk des Abends stellten die Mitwirkenden ein paar „Appetizer“ zum Einhören: Zwei Stücke von Bunita Marcus rahmten eins ihres Gefährten Morton Feldman. „Sugar Cubes“ für Klavier schrieb sie, als sie 1996 in eine Krise geraten war und John Cage ihr riet, dem Komponisten in ihr wie einem Pferd Zuckerwürfel zu geben. Ergebnis sind die vier Töne c-a-g-e, variiert in traditioneller Kontrapunktik. Unter dem makellosen Anschlag von Florence Millet klang das trockene Stückchen allerdings nicht horizontal-linear, sondern wie romantische Klaviermusik.

Florence Millet (am Flügel) und Austin Wulliman als Duo. Fotos: Susanne Eckstein

„Vertical Thoughts 2“ (1963) hat Morton Feldman Violine und Klavier zugedacht als brüchige Wechselrede der vertikalen Zusammenklänge zwischen rundem Anschlag und hauchigem Bogenstrich, nun konzentriert umgesetzt durch Millet und Wulliman. Ganz ähnlich wirkt Bunita Marcus‘ „Untrammeled Thought“ für Cello und Klavier (1980): Scheinbar unregelmäßig fallende Einzeltöne und Pausen verbinden sich zum Kontinuum.

Nach der Pause sind Geduld und Disziplin auf allen Seiten gefragt: 85 Minuten höchste Konzentration seitens der fünf Musizierenden und absolute Stille im Auditorium. Als Klangereignis ist „Piano und String Quartet“ zugleich schlicht und raffiniert, das Grundmuster immer wieder dasselbe, basierend auf einem wie in Zeitlupe gedehnten Zeitmaß: Das Klavier rollt einzelne Akkordtöne aus wie goldene Kugeln und lässt sie nachklingen, aus dem Streichquartett folgen ihnen wie graue Schatten zeitlich versetzte, fast gehauchte Striche, aus denen stets neue Zusammenklänge entstehen. Die Tonhöhen variieren schrittweise wie in einem sacht gedrehten Kaleidoskop.

Den Spot auf die große französische Pianistin: Florence Millet mit dem JACK Quartet. Foto: Susanne Eckstein

Dabei wird auf all das verzichtet, was „mitreißende“ Darbietung sonst ausmacht: Entwicklung, Steigerung, Kontrast, Emotion. Ganz im Gegenteil verharrt diese absolute, fast abstrakte Musik über die ganze, scheinbar unendliche Zeit hinweg in sehr engen Grenzen: die Lautstärke ist reduziert, der Streicherklang trocken und fahl, die Bewegung gebremst. Damit scheint das Stück Saties „Vexations“ verwandt.

Wer genau hinhört, kann immer wieder kleine Überraschungen erleben, wer sich dem Fluss der Klänge hingibt, darf Versenkung erfahren. Das Ende wird eingeleitet durch eine Verlangsamung der Bewegung, die Streicher schweigen, das Klavier bleibt allein. Stille, Seufzer, dann lang anhaltender Applaus.

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