Das Vokalensemble der Tübinger Stephanusgemeinde führte Bachs h-Moll-Messe vorab in der Uracher Amanduskirche auf – am heutigen Sonntag folgt die Hauptausgabe in der Stiftskirche des Heimatorts
BAD URACH/TÜBINGEN. Ein großes, gut besuchtes Musikereignis in der Stiftskirche St. Amandus Bad Urach: die Aufführung von Bachs h-Moll-Messe durch das Vokalensemble Tübingen samt Solisten und Instrumentalensemble am Samstagabend, geleitet von Marcel Martínez. Anlass ist das 50-jährige Jubiläum des Chors, eine zweite Aufführung findet am heutigen Sonntag um 19 Uhr in der Tübinger Stiftskirche statt.
Mit der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach haben sich Martínez und sein Ensemble ein ambitioniertes Geburtstagsgeschenk ausgesucht: Sie gilt als ein Höhepunkt geistlicher Chormusik und birgt außer theologischer Symbolik und komplexer Kontrapunktik auch sonst Geheimnisse. Ist es ein Kunstwerk autonomer Art, ein frühes ökumenisches Oratorium, womöglich schlicht ein Auftragswerk – oder all dies zugleich?
Eine vollständige lateinische Messe existiert nicht in der traditionellen protestantischen Kirchenmusik, eventuell hat Bach die Partitur um 1748 für einen Auftraggeber in Wien oder Dresden geschrieben, wobei er auf vorhandene Kompositionen zurückgriff. Kyrie und Gloria entstanden schon 1733, als „Missa brevis“ waren diese Sätze im lutherischen wie im katholischen Gottesdienst verwendbar.
Fotos: Susanne Eckstein
Das reichhaltige Werk verlangt einen gut geschulten Chor wie das Vokalensemble Tübingen. Gegründet im Jahr 1976 von Hans-Walter Maier, von diesem über 42 Jahre lang geleitet bis 2018, gehört der ambitionierte Kammerchor mit derzeit 30 Sängerinnen und Sängern nach wie vor zur Evangelischen Stephanusgemeinde Tübingen und steht seit 2019 unter der Leitung von Stephanuskantor Marcel Martinez.
Nun müssen die Beteiligten die hohen Erwartungen erfüllen, die Chorleiter Marcel Martínez zuvor im Gespräch mit dem Schwäbischen Tagblatt (30. April) geweckt hat: Da war von einem „Blick in die Sterne“ die Rede, von sphärischem, körperlosem Chorklang und von kosmischer Größe.
Den Instrumentalpart übernimmt ein „Collegium Stephani“, offenbar ein Projektensemble, besetzt mit „historisch“ Musizierenden aus der Region. Auch auf die Solisten darf man gespannt sein, besonders auf die international renommierte Sopranistin Núria Rial. Man muss es Marcel Martínez hoch anrechnen, dass er die prominente katalanische Landsmännin für die Mitwirkung gewinnen konnte.
Schon das etwa zehnminütige erste „Kyrie eleison“ stellt mit seinem fugierten 5-stimmigen Satz hohe Anforderungen. Geradezu ehrfürchtig nähern sich ihm Martínez und die Seinen, geleitet von einem rund schwingenden Dirigat. Ebenso weich wird die Partitur umgesetzt, der Gesamtklang wirkt wie weichgezeichnet, wozu auch der Kirchenhall beiträgt.
Das folgende „Christe eleison“ überrascht als Duett von Sopran und Altus, wobei Núria Rial und Tobias Hechler ein stimmlich sehr ungleiches Paar bilden. Die altertümliche, kühne Konstruktion des zweiten „Kyrie eleison“ danach erscheint wie mystisch verschleiert. In ähnlicher Weise werden die weiteren Chorsätze umgesetzt, statt linearer Kontur zählen leuchtender Klang und religiöses Gefühl.
Die Solisten wiederum gehen ihren eigenen, deutlicher artikulierenden Weg: die Sopranistin Núria Rial vergleichsweise zurückhaltend, umso prägnanter und ausdrucksvoller der Countertenor Tobias Hechler, der Tenor Stephan Frieß und Hans Porten (Bass).
Über Bachs Wechsel der Stile zwischen strenger Fuge und tänzerischem Concerto legt sich so ein steter Wandel der Interpretationsansätze; beinah impressionistisch der Chor, expressiv die männlichen Solisten, „historisch“ das Ensemble.
Aufhorchen lassen vor allem die perfekt intonierenden Bläser. Die drei Naturtrompeten verkünden barocken Jubel, die Barockoboen und Traversflöten begleiten die Vokalsoli mit Bachs Seelen-Musik, und als i-Tüpfelchen darf man (in „Quoniam tu solus sanctus“) ein von Ulrich Hübner exzellent gespieltes Naturhorn mit klarem, farbreichen Klang vernehmen.
Das Vokalensemble muss intensiv geprobt haben, seine träumerische Andacht lässt die Schwierigkeiten nur erahnen – zwei Stunden Fugen, Melismen und kühne Harmonik kosten Kraft. Zwar hilft wie auch anderswo die Digitalisierung beim Einzel-Üben, doch für die präzise Verzahnung aller Stimmen und Passagen fehlt meistens die Zeit, hörbar in kleinen Divergenzen.
Im abschließenden „Dona nobis pacem“ bringt das Vokalensemble noch einmal in tiefer, andächtiger Ruhe seinen Stimmklang zum Leuchten, bevor Stille und herzlicher Applaus einsetzen. Manche Zuhörer stehen auf, Marcel Martínez bedankt sich bei seinem früheren Mentor KMD Stefan Lust (Münsingen) – und bei Bach, indem er die Partitur in die Höhe hält.
