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Vielklang – Laute und Liebe

Bariton Klaus Mertens und sein Lauten-Begleiter Thorsten Bleich sangen beim Vielklang-Festival in der Tübinger Jakobuskirche ihre „Canti amorosi“

TÜBINGEN. Die zentrale Figur war John Dowland, der seine Melancholie zu einer Marke der europäischen Spätrenaissance machte. Dem Bariton Klaus Mertens und seinem Lautenisten Thorsten Bleich gelang beim Vielklang-Konzert am gestrigen Mittwochabend in der Tübinger Jakobuskirche noch etwas ganz Besonderes mit ihren „Canti amorosi“, diesen Liebesliedern: den Epochenbruch zum Barock, von der Polyphonie zur Monodie, von Kirchentönen zu Dur und Moll den gut hundert Zuhörern hörbar, spürbar und erfahrbar zu machen. Ihren zwei elisabethanischen Engländern John Danyel und John Dowland, beide vor genau 400 Jahren gestorben, stellten sie im zweiten Teil Italienisches gegenüber aus jenem Umfeld der Florentiner Camerata, wo der vor allem mit Monteverdi, dem Namen des Cremonesers, Mantuaners und Kapellmeisters am venezianischen Markusdom verbundene neue Stil entstanden war.

Die zarte Laute, weitgehend aus den Konzertsälen verschwunden oder – bis hin zu Folk und Rock – durch die verwandte Gitarre ersetzt, kann in ihrer Bedeutung für die Alte Musik gar nicht überschätzt werden. Weil sie tragbarer war als die Tasteninstrumente oder gar eine Orgel, entwickelte sie sich in vielen Varianten zum wohl wichtigsten Begleitinstrument für die weltliche Liedkunst der Madrigale, Songs, Chansons und Canzonen des hohen Mittelalters und nahm auch später noch für die geistliche Chormusik und für die aufkommende Oper eine fundamentale Rolle ein. Der Virtuose Thorsten Bleich nahm für den ersten Teil den Nachbau eines englischen Instruments zur Hand, mit 14 teils schon in einem zweiten Wirbelkasten gedoppelten Saiten. Für die italienische Hälfte spielte er auf einem langhalsigen Chitarrone, auch als Theorbe bekannt, mit dessen erweiterter Tabulatur nun die Triller, Verzierungen und Dissonanzen, Akkorde und Arpeggien besser spielbar und die Continuo-Basslinie klangstärker wurden.

Lautenist Thorsten Bleich. Fotos: Martin Bernklau

John Dowland (1563 bis 1626) war ein Star seiner Zeit. Aus seiner vermeintlichen Erfolglosigkeit als Lautenist, Sänger und Composer – nie erlangte er seine Traumstelle als Hofkomponist des englischen Königshauses – und auch in der vergeblichen Liebe machte er sein Markenzeichen: die Melancholie. Diesem unverwechselbaren Ton empfindsamster Traurigkeit widmete noch Jahrhunderte später Sting (mit dem Lautenisten Edin Karamazov) sein Dowland-Album „Songs from the Labyrinthe“. Dabei war Dowland an vielen europäischen Höfen hochbegehrt. Er folgte dem englischen Gesandten nach Paris, reiste durch Italien und seine musikalischen Metropolen, diente deutschen Herrschern in Hessen und Braunschweig, war auch am dänischen Hof in Kopenhagen, kehrte aber ins elisabethanische England zurück, wo seine Konversion zum Katholizismus alle Karriereträume freilich vollends zunichte gemacht hatte. All des ungeachtet war er ein „sensationell guter“ Komponist, wie Sänger Klaus Mertens ihn begeistert vorstellte.

Das Duo begann allerdings mit Songs seines Zeitgenossen John Danyel (1564 bis 1626), zu denen dessen Bruder Samuel die Lyrik beigesteuert hatte. Auch ihn, gleichfalls Londoner Lautenist, Sänger und Komponist, plagten offenbar die Qualen unerfüllter Liebe, vor allem zu seiner Schülerin Anne Grene, die Hauptadressatin seiner 1606 veröffentlichten Sammlung von Lautenliedern gewesen sein dürfte, darunter das mythologisierende und rhythmisch komplexe „Coy Daphne fled“, den die beiden Musiker als Schluss und Höhepunkt ihrer fünf Danyel-Lieder ausersehen hatten. Klaus Mertens führte seinen lyrischen Bariton so geschmeidig wie schlicht – nur auf langen Noten gab er etwas Vibrato. Das später hörbare Volumen in den Tiefen erreichten die gelegentlich geforderten tenoralen Höhen manchmal trotz meisterlicher Stütze nicht ganz. Ausgezeichnet und geschmackssicher auch die Textdeklamation.

Mit oft lyrisch zurückgenommener Baritonstimme: Klaus Mertens. Foto: Martin Bernklau

Den teils bis heute berühmten Songs von John Dowland, darunter „Flow my tears“ und „Come again“ aus dem waren Instrumentalstücke beigefügt, auch sie noch ganz polyphon im Satz. „Semper Dowland, semper dolens“ hieß einer der Texte, und der Tonsetzer dürfte sein Leiden wohl keineswegs selbstironisch verstanden haben. Aber kaum je wurde schöner und ergreifender über den Liebesschmerz geklagt. Und die sangliche Kontur unterlegte der Lautenist hochvirtuos mit seinen zarten polyphonen Linien in der flachen Handhaltung und Daumenposition der Zeit, die sich später ändern sollte.

In Italien, das sich spätestens mit Claudio Monteverdis „L’orfeo“ (1607) ganz dem Ausdruck der von Basslinien gestützten Melodie (und damit auch der Dur/Moll-tonalen homophonen Harmonik anstelle alter Polyphonie gleichberechtigter Stimmen) geöffnet hatte, erfand und verbreitete ein gewisser Giovanni Kapsberger (1580 bis 1651), ein deutschstämmiger Venezianer aus dem Wirkungskreis Monteverdis, den heute eher als Theorbe geläufigen Chitarrone, mit dessen Tabulatur und Stimmung Triller und Dissonanzen, Verzierungen, Arpeggien und Akkorde – hin und wieder schlug der Solist seine Darmsaiten sogar an wie bei einer Rhythmusgitarre – leichter spielbar waren als mit bis dato gebräuchlichen Lauten. Er trat später als berühmter Virtuose und Komponist in päpstliche Dienste und starb auch in Rom. Neben einer Toccata führte der Lautenist auch zwei Passacaglien in diesem neuen Ton vor. Der Schreittanz im ostinaten Dreiertakt muss damals auch recht lang in höchster Mode gewesen sein.

Girolamo Frescobaldi (1583 bis 1643) ist zwar heutzutage eher für seine virtuose, ebenso affektstarke wie zierreiche Tastenmusik bekannt, aber er war auch ein bedeutender Wegbereiter der neuen vokalen Monodie, der frühbarocken Madrigalkunst und der bald schnell aufblühenden Oper. Koloraturen, wie sie in der Schäferlyrik von „Voi partite mi solo“ oder dem fast übermütigen szenischen Kleindrama „Cosi mi disprezzate“ zu hören sind, wären in der nur wenige Jahre älteren englischen Musik der Spätrenaissance eines Dowland oder Danyel noch ganz undenkbar gewesen. Da wurde der Epochenbruch ganz deutlich.

Zwei weitere große Liedkünstler des italienischen Frühbarock vervollständigten das Panorama an lautenbegleiteten Liebesliedern. „Amarilli mia bella“ könnte das berühmteste Madrigal von Giulio Caccini ((1551 bis 1618) sein, der den neuen Stil seiner „nuove musiche“-Monodie verbreitete, ja propagierte wie kaum ein anderer. Noch subjektiver, noch ornamentaler, noch ausdrucksstärker entwickelte der fünf Jahrzehnte jüngere Römer Giacomo Carissimi (1605 bis 1674) diesen neuen Stil weiter und zog etwa in dem hochdramatischen „Che lege é questo, o Dio“ alle Register. Ein glanzvolle Schluss-Stück, in der Klaus Mertens seinen Bariton auch in kraftvollen Tieflagen noch einmal ein wenig von der lyrischen Leine lassen konnte.

Bariton Klaus Mertens und der famose Lautenist Thorsten Bleich durften sich am Ende lang feiern lassen. Foto: Martrin Bernklau

„Canti amorosi“ – ein wundervoller, dazu höchst aufschlussreicher Liederabend mit Musik aus einer fernen Zeit, in der eine neue Epoche anbrach. Ganz sicher ein Höhepunkt für Felix Thiedemanns diesjähriges Vielklang-Festival.

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