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Vielklang – Historisch modern

Mit einem Klaviertrio von der Pariser Nationaloper eröffnete das ambitionierte Musikfestival seine aktuelle Ausgabe im Saal der Tübinger Westspitze

TÜBINGEN. Es ist ein kleines Kulturwunder, dass es das Vielklang-Festival trotz Coronakrise und Geldnöten immer noch gibt. In einem gut besuchten Saal 1 der Tübinger Westspitze begrüßte Intendant Felix Thiedemann ein befreundetes Klaviertrio von der Pariser Nationaloper am Freitagabend zum Eröffnungskonzert der diesjährigen Ausgabe.

Felix Thiedemann, Gründer und Teamchef des Vielklang-Festivals, begrüßt seine
musikalischen Freunde und Gäste.
Fotos: Martin Bernklau

Vielklang hat sich vor allem als internationales Treffen zu Fragen des historischen Praxis einen Namen gemacht. Thematisch stehen heuer zwei markante historische Persönlichkeiten im Zentrum des musikalischen Geschehens: der evangelische Kirchenmusiker, Tübinger Stiftsmusikdirektor, Pfarrer, Nazigegner und Judenretter Richard Gölz aus dem nahen Wankheim – als Gefährte seiner Frau Hilde knapp noch der KZ-Haft in Welzheim lebend entronnen, später zum russisch-orthodoxen Glauben übergetreten und nach Amerika ausgewandert. Er wird bei Vielklang ausführlichere Würdigung erfahren.

Dazu Dmitri Schostakowitsch (1906 bis 1975), der sich trotz schwacher Konstitution und wiederkehrender depressiver Verdunkelung dem Stalin-Terror so tapfer widersetzte und sein epochales, wirklich epochales musikalisches Genie im stillen Widerstand auf einzigartige Weise entfalten und verewigen konnte. Auch und gerade in seinem Undogmatischen, seiner reinen Musikalität. Wäre er dem Publikum bekannter, geläufiger: Das Ohr würde Schostakowitschs Ton sofort so erkennen wie allenfalls den von Bach, Mozart, Schubert, Wagner oder Strawinsky, seinem früh nach Paris emigrierten kongenialen älteren Antipoden.

Foto: Martin Bernklau

Die drei Gäste von der Pariser Opéra Garnier und ihrer Bastille-Filiale – der Solo-Cellist Aurelian Sabouret, Thibault Vieux (Violine) und Pianist Simon Zaoui – werden bis zum Ende des Festivals am 14. September noch weitere Auftritte auch als Kursleiter haben. Die Kammermusiker stellten ihr faszinierendes Programm um, das eigentlich über QR-Codes hätte abgerufen werden sollen – was aber nicht wie geplant funktionierte.

Sie begannen mit Schostakowitschs zauberhaften „Fünf Stücken“, die von 1933 an für verschiedene theatralische und filmische Anlässe (darunter einen Zeichentrick) entstanden sind und im Arrangement für Klavier und zwei Streichinstrumente ein gewisses Eigenleben als beispielhaft zugängliche und charmante Werke, als echte Schostakowitschs entwickelt haben – mit unüberhörbarer Verbeugung vor russischer Romantik, russischem Ballett, russischem Volkstanz. Und das bei gelegentlichem Aufleuchten avantgardistischer Tonsprache.

Der Konzertraum war quer ausgelegt worden, was ein paar akustische Hilfsmittel der Architekten ins Leere gehen ließ. Der Geiger fremdelte zunächst am meisten mit dem heiklen, trockenen, fast dürren Raumklang, der sich sein Instrument bei diesem wunderbaren kammermusikalischen Teamwork am ungeschütztesten ausgesetzt sah.

Die beiden Streicher aus Paris. Foto: Martin Bernklau

Es folgte ein 1925 entstandenes Duo der beiden Streichinstrumente von Erwin Schulhoff. Der 1894 in Prag geborene böhmisch-jüdische Komponist, so begeisterter wie begnadeter Zwölftöner und Eleve der Wiener Schule von hinreißend plastischer Ausdruckskraft, starb 1942 in einem bayerischen Internierungslager an Tuberkulose.

Erwin Korngold, ebenfalls böhmisch-mährischer Jude der Herkunft nach, kam besser davon: Schon als Opernkomponist in den Goldenen Zwanzigern zu Ruhm gekommen, emigrierte der moderne Klassizist schon 1934 in die USA und feierte neue Erfolge als Filmkomponist für Hollywood. Zum Beispiel mit zwei Oscars – eine Art Vorgänger von Hans Zimmer also. Und ähnlich einfallsreich und effektsicher wie sein Nachfahr. Thibault Vieux, mit seiner Violine mittlerweile mit den Klangbedingungen vertrauter geworden, und sein Kollege Simon Zaoui am Flügel zauberten den ganzen Reichtum dieser Musik hervor. Staunen machten der Anschlag und die Geläufigkeit des Pianisten. Weder der zarten Romanze abhold noch der großen Geste, die Korngold ganz frei in den differenzierten Satz einbaut, wusste Zaoui mit absoluter Präzision und explosiver Kraft zu glänzen.

Nicht minder großartig war das nach der Pause in Schostakowitschs hochexpressiver Cello-Sonate aus dem Jahr 1934 zu hören, in der sensibelste Sanglichkeit mit unerbittlicher Motorik – meist Ostinati, zuweilen aber auch die maschinenhafte Energie in Strawinskys Art – zu ringen scheint. Die „Vogelfänger“-Motivik kann das kaum anders gedeutet werden als ironisch, gebrochen, sarkastisch. Zynisch nicht, denn das lag dem Wesen des großen Humanisten Dmitri Schostakowitsch völlig fern.

Es folgte ein Bravourstück für das Cello von Aurelien Sabouret ohne alle zirzensischen Effekte: die Solosonate opus 72, die der polnische Schostakowitsch-Freund und -Verehrer Mieczyslav Weinberg (1919 bis 1996), als Jude vor den Deutschen in die Sowjetunion geflohen, in späteren Jahren seinem Virtuosen-Freund Mstislav Rostropowitsch gewidmet hat. Die Musik – trotz aller Dissonanzen und Harmonie-Abenteuer unbeirrbar tonal gebunden – ist genauso unglaublich wie Schostakowitschs mutiger Brief, mit dem ihm vielleicht die Befreiung des jungen Freundes aus (unverhohlen antisemitisch begründeter) Stalin-Haft gelang, jedenfalls nach dem Tod des Gewaltherrschers. Grandios, virtuos, furios, wie Aurelien das Stück spielte.

Das Programm war eine symmetrische Ringkomposition um Schostakowitsch. Mit dem einsätzigen Klaviertriosatz voll von romantisierenden Anspielungen, dem der jugendliche Dmitri Schostakowitsch 1925 den Titel „Gedicht“ geben wollte und darin doch einen vollen ersten Ausdruck seiner ganzen Genialität fand, endete ein absolut faszinierendes Eröffnungskonzert des Vielklang-Festivals. Chapeau!

Ganz langer Beifall dafür.

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