Im Tübinger Museum und im Reutlinger Kamino läuft Doris Dörries Tragikomödie „Frau Winkler verlässt das Haus“ mit Angela Winkler über Altern, Sterben, KI und Tschechow
TÜBINGEN/REUTLINGEN. Es geht noch immer um Leben und Tod. Wir schreiben das Jahr 2030, ungefähr. Die KI hat viel vom Alltag smarter gemacht. Das Gequassel des fürsorglichen Kühlschranks lässt sich leider nicht abstellen. Das und das Essen auf Rädern und die Pizza bringen Roboter. Die Autos fahren von allein durch Hamburg. Frau Winkler, die großartige Angela Winkler, ist alt und ziemlich hinfällig, erst recht nach einem schweren Sturz.
Sie will aber ihrer Tochter Emi (Laura Tonke) nicht im Wege stehen, als diese, schon relativ spät, noch einmal ein Engagement am Lübecker Theater bekommt, als die Olga aus Tschechows „Drei Schwestern“, Glanzrolle auch ihrer einst so erfolgreichen Schauspieljahre. Die Karriere hat sie abgebrochen, nachdem ihr Mann Bruno in noch jungen Jahren plötzlich, ausgerechnet in seinen geliebten Bergen, gestorben war. Emi war seinerzeit ungefähr so alt wie nun die fürsorgliche Enkelin Billie (Zoë Baier). Emis Verhältnis zur dominanten, vereinahmenden Mutter aber bleibt fortan zwiespältig.
Nun ist Frau Winkler lebensmüde und sterbenswillig. Doch die Tochter weist den Todeswunsch empört zurück. Ein Pflegeroboter wäre die Lösung, wie ihn die junge Vertreterin (Via Jikeli) anpreist und als Superviserin zu beaufsichtigen verspricht. Frau Winkler jedoch zickt zunächst heftig. Aber schließlich willigt die widerspenstige Alte ein. Der Roboter (von Josef Ellers gespielt, der auch den Bruno der Rückblenden gibt) kann wahnsinnig viel, sogar Anflüge menschlicher Gefühle generieren und den Dichter zitieren.
Frau Winkler nennt ihn Pawlowitsch, nach Tschechows zweitem Vornamen, und freundet sich tatsächlich allmählich mit dem zusehends unverzichtbaren Humanoiden an. Zu dessen Skills gehört allerdings auch, beim Versiegen der Vitalkräfte und bei klar geäußertem Todeswunsch dem Pflegling beim Sterben zu helfen.
Doris Dörrie hat keine Dystopie, sondern einen lebensklugen, fast schon weisen, sanft melancholischen, doch gerade in den Dialogen federleichten Filmplot geschrieben – mit einigen autobiografischen Anklängen – und die Story ganz ungekünstelt inszeniert. Von Licht und Ausstattung (Bernd Lepel und Sabine Keller) angefangen, von Kameraführung (Leah Striker), Bildkomposition und Farbgebung her bis hin zum Schnitt und zur Musik (Hania Rani und Polly Lapkovskaia sowie leitmotivisch „Ideal“) zeugt jedoch alles von ihrer immensen Erfahrung am Set und auf dem Theater – nicht zuletzt und gerade in der Schauspielerführung.
Auch die Nebenrollen sind großartig besetzt. So zum Beispiel der Emis Bühnenpartner Paul (Eugène Boateng) oder die Nachbarin in ähnlicher Lebenslage (Doris Kunstmann), mit der Frau Winkler so lange nur über Vorhangzeichen kommuniziert. Sie wird den Pflegeroboter übernehmen, der nach dem – vielleicht etwas gravitätisch geratenen – Finale in den kalten, schneeverwehten Bergen auch ein Reset braucht. Den Tschechow-Namen Pawlowitsch darf er behalten.
Info: 115 min, FSK ab 12.
