In der Reutlinger Tonne feierte am Donnerstagabend „Ein Freund, ein guter…“ über die Comedian Harmonists seine umjubelte Premiere
REUTLINGEN. Sie können das. Die Frage, ob sich die Comedian Harmonists covern lassen, ob diese Gesangskunst kopierbar ist, hat das ganze Team der Tonne bei der Premiere am Donnerstagabend glanzvoll beantwortet. Vor allem die hauseigenen Musiker, das Sängerquintett und sein Pianist, machten das hinreißend. Stehende Ovationen für die musikalische Tragikomödie „Ein Freund, ein guter…“ um das unsterbliche Vokalensemble der goldenen Zwanziger und düsteren Dreißiger im fast ausverkauften Saal. Sowas gibt’ s sonst nicht auf dem Theater: „Mein kleiner grüner Kaktus“ als Zugabe.
Der hochspannenden, kometenhaft kurzen und am Ende tieftraurigen Geschichte dieser Truppe hat sich Hausautorin Karen Schultze schon 2013 für ein Sommertheater gewidmet und rund um viele Gesangsnummern, Gassenhauer bis heute, mit historischer Akkuratesse und höchstem dramaturgischen Gespür einen „musikalischen Bilderbogen“ gemalt, der Aufstieg und – von den Nazis – erzwungenen Verfall des legendären Ensembles zu einem stimmig harmonischen Bild zusammenfasst. Die Regie hatte Irfan Kars übernommen. Catrin Brendel besorgte eine zweckmäßig schlichte Ausstattung von hoher Bildkraft. Die musikalische Schulung der Stimmen oblag Ulrike Kristina Haerter – mit meisterhaftem Ergebnis. Tolle Klamotten (Schneiderei: Kathrin Röhm), die fliegenden Wechsel gewährleisten mussten.
Die Koffer, die da – als Intro – anno 1985 aus einer Berliner Wohnung entrümpelt werden sollen, tauchen am Ende des Stücks wieder auf: das Reisegepäck einer weltberühmten deutsch-jüdischen Vokalcombo, deren Sänger in alle Welt verstreut wurden. Die Nazis, obwohl selber bis in ihre höchsten SS-Kreise hinein Fans dieses unvergleichlichen Schlager-Sounds, hatten das allmähliche Ende dieser Legende erzwungen, ein ruhmloses Zerbröseln.
Dürftig und bescheiden hatte es auch begonnen. Mitten im Elend der Massenarbeitslosigkeit, am 18. Dezember 1927, sucht der talentierte junge Sänger Harry Frommermann (David Krahl) per Anzeige („schönklingende Stimmen“) Mitstreiter für seine Idee, in Berlin ein Männerensemble nach dem Vorbild der amerikanischen Revelers aufzubauen. Casting für die erste europäische Boyband der Geschichte. Das Defilée der Bewerber – lauter Verarmte, viele Verrückte, alles Verlierer – ist im Stück so erschütternd wie ernüchternd. Einer von ein paar kleinen, dazuerfundenen Gags: Einem feinen Pinkel, dem arroganten Schnösel namens Jopie Heesters, ist die ganze Chose viel zu popelig.
Irfan Kars inszeniert das im Wortsinn tragikomisch. Sogar eine Prise Slapstick darf dabeisein. Erst der Letzte aus der trostlosen Reihe macht mehr her, auch äußerlich. Im Stück ist es der Bass Robert Biberti (Jonas Breitstadt), der noch ein richtiges Engagement an der Oper hat. In Wirklichkeit war wohl der Pianist Theodor Steiner der erste Kompagnon in der Mansardenwohnung in Berlin-Friedenau. Schließlich wird es ein Sextett: drei hochvirtuose Tenören eben Frommann auch Eric A. Collin (Magnus Pflüger) unter der hellen Stimmführung des bulgarisch-stämmigen Countertenors Ari Leschnikoff (Samuel Meister); der Bariton und jüdische Kantorensohn aus dem polnischen Schtedtl Roman Cycowski (David Liske) und Bibertis tiefer Bass als Basis. Dazu Erwin Bootz (Franz Meinhof), der Mann am Klavier.
Sehr schön im Stück ist die Erfindung einer durchgängigen Frauengestalt. Jessica Schultheis – sie hatte sich schon als Passantin für den auf der Straße abgestellten Nachlass interessiert – spielt Greta Grünwald, die neue Nachbarin, unfreiwillige Ohrenzeugin nervtötend akribischer Proben und erster Fan der entstehenden Boygroup. Später schlüpft sie in die Rolle einer Journalistin oder eines Groupies. Gelungen ist auch der sorgsam zusammengestellte dokumentarische Hintergrund, der in Form von Kapiteln, Daten und Presseartikeln, auch als Originalfotos der gealterten Harmonists von der Leinwand (hinter der multifunktionalen Brücke) flimmert oder mal als Stimme, mal als Grammophon-Gekratze aus dem Off kommt. Unter der geschwungenen Showtreppe steht zunächst, dramaturgisch sinnvoll, ein kleines schwarzes Klavier im Rund, nah an den Sängern. Nach der Pause kommt auch der Flügel am Rande zum Einsatz.
Mit ihrer Mischung aus feinem Gesang, fast instrumental geführt, mit vokaler Percussion, den witzigen bis frivolen („Veronika, der Lenz ist da“), manchmal aber auch halbironisch sehnsuchtsvollen Texten und dem eleganten rhythmischen Schwung hat die junge Truppe sehr schnell überwältigenden Erfolg: Berlin, Leipzig, Hamburg, Europa, die ganze Welt. Clevere Manager halfen ein bisschen nach und spielten die Veranstalter tricky gegeneinander aus. Die Comedian Harmonists verdienten mitten in der Weltwirtschaftskrise und all ihrem Elend wahrhaftige Unsummen, überquerten den Atlantik und wurden in New York gefeiert. Aber das Sextett hatte sich dabei strikte Gleichheit und Unabhängigkeit geschworen.
Mit der Machtergreifung Hitlers kam die Wende, erst schleichend, dann massiv. Drei Juden, drei Arier, das durfte in den Augen von Goebbels nicht gutgehen, auch wenn sich die Musiker für ebenso unpolitisch wie unangreifbar wähnten. Das Ultimatum kam: Die Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer war nun vorgeschrieben und der „Ariernachweis“ Voraussetzung. Eine Weile durften sie noch mit Sondergenehmigungen konzertieren und sich sogar auf SS-Empfängen mit feiern lassen. Eklats bei Auftritten in Stuttgart und München mit Nazi-Störungen (und Verteidigung durch die Fans aller Klassen) läuteten im Frühjahr 1934 das Ende ein. Das stellt die Inszenierung sehr knapp, konzentriert aber bildhaft genau dar. Am 25. März war das letzte Konzert auf deutschem Boden in Hannover.
Dem Höhepunkt folgt im zweiten Teil der Niedergang. Es ist aber nicht nur die brutale Macht der neuen Nazi-Herrscher, die den musikalischen Männerbund zerstört. Was nun? Was tun? Man könnte gemeinsam emigrieren und die Karriere im Ausland fortsetzen. Geld genug wäre da. Die Tantiemen der lukrativen Plattenverträge laufen weiter. Der weltweit strahlende Ruhm reichte auch aus. Doch der Pianist der einst so verschworenen Gemeinschaft will nicht. Er verweigert vor allem seinen drei jüdischen Gefährten die Solidarität. Ein Verrat. So stellt es das Stück dar.
Sehr eindringlich, wie Irfan Kars die letzten Konzerte inszeniert. Da wird noch einer dieser Hits gesungen, und dann verstummen die Stimmen. Als würde der Ton abgeschaltet, sieht es nur noch nach Singen aus. Etwas zäh wird es in der Coda, wo die einzelnen Comedian Harmonists ihr weiteres Schicksal skizzieren. (Es haben übrigens alle überlebt.) Das sind ergreifende Berichte, die aber kaum theatralisch in Szene zu setzen sind.
Der Sehnsuchts-Schlager „Irgendwo auf der Welt“ krönt diese Revue von Evergreens, die samt und sonders ein sängerisches Spitzenniveau durchhalten. Da muss unter der Leitung von Ulrike Kristina Haerter mit unglaublichem Fleiß und fantastischer Genauigkeit gearbeitet worden sein. Solch ein Niveau bei solch heikler Musik zu erreichen, würde schon eine Riege echter Profis extrem fordern. Großartig, meilenweit weg von jedem Anflug des Peinlichen!
Natürlich hatte es für jede dieser wohl an die zehn Nummern Szenenapplaus gegeben. Am Ende schwoll das aber noch einmal zu regelrechten Jubelstürmen an. Nach zahllosen Vorhängen, die hier Rundläufe waren, wiederholte dieses Dreamteam von Boygroup seinen „Kaktus“.
Die Tonne hat ja schon mit einer Reihe von Revuen große Erfolge gefeiert. Musik liegt inzwischen in der DNA des Theaters. „Ein Freund, ein guter…“ könnte da ein besonderer werden. Zum Selbstläufer werden diese Reutlinger Comedian Harmonists ganz gewiss.
Fotos: Beate Armbruster/Tonne
