An der Reutlinger Tonne hatte am Donnerstagabend „Leonce und Lena“ Premiere, Annette Müllers Bühnenexperiment mit Bruchstücken für vier Stimmen der Gen Z
REUTLINGEN. Viel blieb nicht übrig von Georg Büchners so geistreicher und revolutionärer Komödie „Leonce und Lena“ bei Annette Müllers Versuch, den Stoff als „Ein Büchnertrümmer für 4 Stimmen unter 30“ zu aktualisieren. Die höfische Gesellschaft seiner Zeit ist nun mal arg weit weg von der Gen Z und ihren Befindlichkeiten. So rabiat da mit der Vorlage umgesprungen wurde, das Ergebnis war weit mehr als das Stimmungsbild einer verlorenen Generation auf der verzweifelten Suche nach Identität, nach Identitäten. Im zu zwei Dritteln besetzten Saal feierte man das Stück.
Das ist eine Art großer Sandkasten, in dem das Quartett aus Constantin Gerhards, Trigal Sandberger Cañas, Kevin Citozi und Kristina Maiseiva zunächst einmal eine gute Viertelstunde lang beharrlich schweigt. Ein paar pantomimische, später auch sportliche Spielereien um die Mikros und das Mobiliar aus vier Campingstühlen reizen die Sprachlosigkeit aus bis fast zum Kippunkt. Das Setting von Georg Büchners satirisch aufgeladenem Lustspiel am Hof des Kleinst-Reichs Popo bleibt bis zum Schluss allenfalls angedeutet: die vom Vater König Peter verordnete Heirat des Thronfolgers Leonce mit Lena, die das Ende seiner Mätressen-Affäre mit der Tänzerin Rosetta bedeutet. Die Themen sind verdichtet: Langeweile und Liebe.
Es ist ganz angenehm, dass Annette Müller das gegenwärtig unumgängliche Themenfeld Trans und Gender und Queer nicht penetrant in den Vordergrund rückt, sondern sich auf die dezente „Suche nach homoerotischen Subtexten“ beschränkt, was schwer genug ist in Büchners Welt, die im Prinzip stockhetero ist. Wohl geht es auch um Körperlichkeit und um Sex, aber doch eher am Rande. Viel wichtiger sind Dinge, die sich zeitlos auf die gegenwärtige Gesellschaft übertragen lassen. Jener Müßiggang, die Langeweile, worunter Leonce leidet, wurzelt auch in einem System, damals wie heute, das in verknöcherten Konventionen erstarrt und – für Büchner – nur noch lächerlich ist.
Büchners Genie – er starb schon mit 23 an Typhus und hinterließ mit mit „Dantons Tod“, der Erzählung „Lenz“, mit „Leonce und Lena“ sowie dem wirkmächtigen Torso „Wozzeck“ wahrhaftige Weltliteratur – lässt die Inszenierung nur in eingestreuten Fragmenten aus allen diesen Stücken und mit Zitaten aus dem „Hessischen Landboten“ aufblitzen, darunter das ikonische „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“. Die Komödie übrigens fand erst sechzig Jahre nach Büchners Tod ihre Uraufführung.
Auch Büchners Ruf nach Revolution, nach dem Umsturz des Bestehenden findet Widerhall in dieser Adaption, die nicht einmal Paraphrase von Stoff und Sujet sein will, sondern nur die Stimmung zweier Zeiten und Zustände parallel setzt – was nicht nur künstlerisch legitim ist, sondern auch zu Erkenntnissen führt. Die Generation der Millennials, die sich in ihren prägenden Jugendjahren wegen Corona einsperren lassen, von der Polizei aus Parks verjagen lassen musste und zeitweise ihre Lebensräume Schule oder Uni ebenso verlor wie die Halfpipe, den Sportplatz, den Probenraum, ihre Parties, die Kneipen oder Cafés, sie hat allen Grund aufzubegehren, zu klagen, anzuklagen, vielleicht auch ein wenig zu jammern. Aufbegehrt allerdings hat sie nicht, muss man einräumen.
Was Annette Müller da rund um eine Art Kondensationskern Büchner geschaffen hat (Dramaturgie: Michael op den Platz) ist das Dokument einer Generation, die verzweifelt nach Identität sucht statt nur nach Instagram-Image, nach Sinn und Aufgaben (ob Klima oder Gender) und vielleicht sogar nach „echtem Leben“, nach Freiheit und Kreativität, stattdessen aber mit Konsum, Dating Apps und fake-geschwängerter Virtual Reality abgespeist wird – und jetzt auch noch freiwillig in künftige Kriege geschickt werden soll, wozu sie ihre technische Intelligenz in Rüstungsfirmen einbringen darf. Das ist eher ein Hilfeschrei als ein Manifest.
Der Minimalismus der Inszenierung gibt dem Quartett zwar wenig Raum für schauspielerische Glanzlichter, aber er schafft dieser Performance – das Headbanging von Kristina Maiseieva – durchaus Intensität, in Verbindung mit einem Rhythmus, mit dem kargen Groove von Ted Gaiers Sound-Design. Alle fluiden Figuren dürfen sich in Monologen reflektierend bespiegeln und ergründen, was die öde Gegenwart mit dem Überdruss in Büchners höfischer Welt verbindet. Das komödiantische Element darf sich auch mal herauswagen, etwa in den hohlen Reden des Königs, die Kevin Citozi auf Kölsch darbietet.
Vielleicht ist das Etikett „Leonce und Lena“ ein bisschen irreführend. Aber das Stück ist ein relevanter theatralischer Beitrag zur Gegenwart und zum vielleicht einstweilen erst vorgefühlten Bewusstsein dieser Gen Z.
Titelfoto: Ralph Koch/Tonne
