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Tango sakral – Getanzter Glaube

In der vollbesetzten Reutlinger Kreuzkirche führte der Konzertchor nicht nur Martin Palmeris „Misatango“auf

REUTLINGEN. Tango zieht. Die Reutlinger Kreuzkirche war voll besetzt, fast überfüllt am Sonntagabend, als Martin Künstners Konzertchor (die frühere Betzinger Sängerschaft) neben der Tangomesse „Misa a Buenos Aires“ von Martin Palmeri noch ein paar andere Kostproben der Musik des argentinischen Tango Nuevo darbot, zusammen mit einem erlesenen Instrumentalensemble, einem Tanzpaar und der Vokalsolistin Mirjam Kapelari – ein vielleicht an Genres gar zu vielfältig ausgreifender Abend.

Der Konzertchor in der Reutlingere Kreuzkirche. Fotos: Martin Bernklau

Der argentinische Komponist und Dirigent Martin Palmeri, 1965 in Buenos Aires geboren, hat seine Messe dort im Jahr 1996 uraufgeführt und seiner Heimatstadt ebenso gewidmet wie dem Tango nuevo, dessen Entstehung aus dem klassischen Tango argentino eng mit dem Namen von Astor Piazzolla verbunden ist. Den als obszön verrufenen, in Europa lang verbotenen Tanz aus den Kaschemmen von Buenos Aires (oder auch der uruguayischen Hauptstadt Montevideo) wertete Piazzolla, ebenso kosmopolitisch ausgerichtet wie von der europäischen Musik geprägt, mit klassischen Stilmitteln auf und holte ihn aus den Kneipen vom Rio de la Plata in die Konzertsäle der Welt.

Nicht nur darin ist Martin Palmeri seinem Vorbild eng verwandt. Auch er fügte seiner vielfältigen südamerikanischen Ausbildung und Praxis Studienjahre in Europa an, in Italien. Seiner „Misa a Buenos Aires“ hat er nicht nur den lateinischen Text des Ordinarium Missae vom Kyrie bis zum Agnus Dei zugrundegelegt. Er hat die Rhythmen, Harmonien und Klangfarben des Tango nuevo auch geradezu bekenntnishaft mit den Formen und kontrapunktischen Satztechniken der europäischen und katholischen Messtradition verknüpft: Fugen, Fugati, Umkehrungen und Krebse konturstarker Themen allüberall. Dass dies nicht ins Schulmäßige, gar zu Gelehrte überging, dafür sorgte die tief verinnerlichte elementare Kraft des Tanzes, aber auch – wie bei Piazzolla – des Jazz.

Der Messaufführung ging ein Querschnitt an instrumentalen Tangoklängen voran, die neben Werken des Bandoneonsolisten Norbert Kotzan auch Stücke von Mariano Mores und Sebastián Piana enthielt. Und weil Astor Piazzolla nun wirklich nicht fehlen durfte, war fast spontan noch dessen „Ave Maria“ hinzugenommen worden, dessen Text einer Altstimme zugedacht war. Mirjam Kapelaris staunenswert umfangreicher Mezzosopran entwickelt zwar immer mehr Glanz, Kraft und Fülle. Hier lag ihr Part aber vielleicht doch etwas tief in dunklen Alt-Regionen.

Das professionelle Tangopaar Nana Urigaeva und Severin Fraser.. Foto: Martin Bernklau

Was für die fünf Tango-Appetizer galt, traf danach auch auf die Messe zu: Das exquisite instrumentale Ensemble (darunter Primgeiger Timo de Leo und der Pianist Maximilian Straßer als konturprägende Stütze) hätte bei aller versierten, bis fast ins Improvisierte gehenden Spielfreude und abwechslungsreichen Vielfalt einem etwas schlankeren Klangbild rund um das stilprägende Bandoneon etwas mehr Raum geben dürfen. Ohne Bandoneon ist der Tango Nuevo nicht denkbar.

Dem Chor machte die von dieser Musik ausströmende Kraft bei Palmeris „Misatango“ ebensoviel Freude wie den Instrumentalisten. Die in Rhythmus und tonalen Harmonie-Grenzbereichen nicht immer ganz einfachen Sätze waren gut einstudiert und fast ausnahmslos sicher. Vielleicht wären in manchen etwas zarteren Passagen noch ein Gran verfeinerter Stimmkultur wünschenswert gewesen, wie sie dann am schönsten im ausklingenden Friedenswunsch des „Dona nobis pacem“ hörbar wurde.

Mirjam Kapelari fügte ihren Solopart wunderbar ein. Immer wieder ergänzte, vom Mittelgang elegant nach vorn gleitend, das Tanzpaar Nana Ugurieva und Severin Fraser die musikalischen Nummern mit den enggeführten, natürlich durchaus erotischen Bewegungen des Tango. Ob das zu den doch glaubensinnig vertonten Mess-Stücken passt oder ins multimedial Überladene abdriftet, darüber darf man unterschiedlicher Meinung sein.

Das Publikum aber schien sich völlig einig und bejubelte den frommen und zugleich kraftvoll frischen Tangoabend so frenetisch, dass noch ein paar Nummern als Zugabe wiederholt werden mussten.

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