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Stiftskirche – Telemanns Passion

Die Stiftskirchenkantorei führte unter der Leitung von Ingo Bredenbach mit der Camerata viva und Vokalsolisten Georg Philipp Telemanns Lukaspasssion von 1744 auf

TÜBINGEN. Es gibt wahrscheinlich keinen Komponisten, dem seitens der Wissenschaft und der Kritik – die Musiker und das Publikum dann im Schlepptau – so viel geradezu feindselige Abwertung widerfahren ist wie Georg Philipp Telemann – und das über Jahrhunderte hinweg. Gleich nach seinem Tod anno 1767 begann das. Dabei hätte er vielleicht besser mit seinen Zeitgenossen Bach und Händel zu einem alles überstrahlenden Dreigestirn des deutschen Spätbarock erhoben werden sollen.

Mit der Aufführung von Telemanns Lukaspassion (1744) im Rahmen der Motette tat Ingo Bredenbach etwas gegen diese Diffamierung, am Samstagabend in einer doch ganz gut besetzten Tübinger Hauptkirche St. Georg. Die Stiftskirchenkantorei hat man lange nicht mehr so gut gehört. Auch die Camerata viva mit Konzertmeisterin Magdalene Kautter zeigte sich sehr gut in Form und musizierte besonders frisch und engagiert. Unter einem guten Stern stand das Konzert freilich nicht.

Ingo Bredenbach spricht die Passionstexte aus dem Lukasevangelium, eigentlich einem Evangelisten-Tenor zugewiesen zur Begleitung der Generalbass-Gruppe, hier im Wechsel mit dem Jesus-Bassisten Lucian Eller. Fotos: Martin Bernklau

Das volle Geläut der Stiftskirche hatte eingeladen zu dieser bemerkenswerten kleinen Renaissance für einen als „Leichtgewicht“ und „Vielschreiber“ verfemten Großen. Doch dann musste die Liturgin verkünden, dass der Evangelisten-Tenor plötzlich krank geworden war. Und bei einem so selten aufgeführten Werk war es selbst im weit und gut geknüpften Netzwerk des Kantors nicht möglich, kurzfristig einen Ersatz zu engagieren.

Die Notlösung erwies sich als elegant und überzeugend: Ingo Bredenbach sprach die Rezitative aus dem Lukasevangelium als „Melodram im Schönbergschen Sinne“, von der Generalbassgruppe um Orgelpositiv und Cello begleitet (und im Dialog mit seinem Chor und den übrigen Solisten) wie gesungene Musik. Möglicherweise gab das sogar mehr Kontur in einer gewissen Überfülle, Überdichte, Überbesetzung von Telemanns Partitur.

Ingo Bredenbach dirigiert seine Stiftskirchenkantorei. Konzertmeisterin Magdalene Kautter und rechts die Traversflöten-Solistin sind daneben zu erkennen. Foto: Martin Bernklau

Die Struktur dieses Werks ist etwas anders, als von Bachs großen Passionen oder Händels Oratorien gewohnt. Einem Eingangschoral folgte ein Wechselspiel von vielfältig besetzten Rezitativen, die dramatisch das Leidensgeschehen Jesu schildern, und „Arien“ auf zeittypisch fromme bis kitschige Verse, die den durchweg ausgezeichneten Solisten Lydia Eller (Sopran), Tenor Markus Elsäßer und dem (Jesus)-Bassisten Lucian Eller, aber auch mal dem sehr gut vorbereiteten Chor oblagen. Das zeigte sich auch in den sogenannten Turbae, in denen sich, wie bei Bach, die Menge in knapper Rhetorik („Kreuzige!“) als Teil des Geschehens artikuliert. Dass der Klang auch hier den Frauenstimmen und einem strahlenden Sopran gegenüber deutlich dünner besetzten, aber tapferen Männern zuneigte, soll die Leistung nicht schmälern.

Als Sopran hatte Lydia Eller den größten und kräftezehrendsten .Solopart zu bewältigen. Sie tat das mit einer ungemein variantenreichen Stimme, die fast vibratofrei Koloraturen ebenso beherrschte wie weiche Linien, graziöse Lyrismen und kraftvolle Spitzen, immer ganz eng am Textsinn entlang und ganz wunderbar phrasiert. Ausgerechnet bei der ergreifenden Arie „Ich befehl'“ gegen Ende, beim trauernden Nachsinnen über Jesu Tod, die vielfach als intensiver Höhepunkt von Telemanns Lukaspassion gilt, merkte man die Anstrengung – gerade im Piano – an Nuancen. Das warf aber keinen Schatten auf diesen großartigen Auftritt.

Elegant und meist weich führte auch Markus Elsäßer seinen Tenor durch die reichen Facetten der Rezitative, konnte aber etwa in der von Violin- und Oboensoli begleiteten Arie „Du, o ewiges Erbarmen“ auch geschmackvoll Hervorhebungen anbringen. Kraftvoll und beweglich auch Lucas Ellers Bassbariton, der es an ernster Würde für den Rollenpart des Jesus dabei trotzdem auch nicht fehlen ließ. Den tiefsten Eindruck machten vielleicht die erschütternden letzten Jesus-Worte „In Deine Hände befehle ich meinen Geist“.

Der Chor mit seiner durchaus auch klangstarken, schönen Deklamation und plastischen Gestaltung, seiner Sicherheit und Genauigkeit, soll in dieses große Gesamtlob ausdrücklich eingeschlossen sein. Die aufmerksame Camerata viva lieferte dazu in historischer Spielweise eine stabile, in vielen instrumentalen Soli besonders ausdrucksstarke Basis.

Zu den ausgezeichneten verbliebenen Vokalsolisten zählte Sopranistin Lydia Eller (Mitte). Rechts daneben, sitzend: Markus Elsäßer (Tenor) und Bassbariton Lucian Eller. Foto: Martin Bernklau

Bleibt nach dieser eindrücklichen, bewegenden und so geschlossen dargebotenen Lukaspassion die Frage nach Telemann und seiner Musik. Dass sie kein Bach ist, kein Händel, das mag sofort zu hören sein. Aber wenn ein besonderer Telemann-Ton nicht unwillkürlich wahrnehmbar ist, könnte das mit diesem Verdikt und damit zu tun haben, dass Telemann eben zu wenig zu hören war und ist.

Schon möglich, dass ihm die Gnade seiner ungeheuren Begabung und Produktivität – er beherrschte tatsächlich alles und war dabei originell und einfallsreich – zum Fluch geworden ist. Natürlich hatte sich auch der Zeitgeist entwickelt, weg von ihm und seinem Stil. Telemann stand am Ende einer Epoche, ein letzter Überlebender. Wie auch immer: Diese Tübinger Lukaspassion war nicht nur gelungen. Sie war auch wichtig – ein Verdienst.

Im Vordergrund die Männersolisten Markus Elsäßer und Lucian Eller (hinten). Foto: Martin Bernklau

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