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Stadtspaziergang – Funken der Freiheit

Unter dem Titel „Funkenflüge“ spaziert das Ensemble des LTT-Generationentheaters „Zeitsprung“ mit Ludwig Uhland durch die Gassen der Tübinger Altstadt

TÜBINGEN. Der sommerliche Theaterspaziergang wird zu einer schönen Tübinger Tradition. Unter den Fittichen des LTT hatte das Generationentheater „Zeitsprung“ am Samstagabend seine Premiere mit dem Stück „Funkenflüge“. Rund um den Dichter und Frankfurter Paulskirchen-Abgeordneten Ludwig Uhland präsentierte ein buntes Ensemble Köpfe und Geschichten, Parolen und Thesen „vom Geist der Freiheit in engen Gassen“, die Renate Boos geschrieben und Helga Kröplin mit ihren 28 Mimen in Szenen gesetzt hat. Der Bilderbogen verknüpft auch jüngere Zeiten und Bewegungen mit der Revolution von 1848.

Epochenübergreifende Freiheitsszenen, hier unter der Altlasfigur an der Hintertreppe des Tübinger Rathauses. Foto: Martin Bernklau

Der Rundgang für das Kontingent von 55 Zuschauern begann am Platz vor der Stiftskirche, der Alten Aula, dem einstigen Verlagshaus Cotta und der „Münze“, wo das Wohnprojekt mit seinem Spontispruch „Hier kotzte Goethe“ Touristen inzwischen ein beliebtes Fotomotiv bietet. Als Rahmenhandlung diente dem mobilen Stück ein studentisches Team, das zum historischen Ereignis von 48-er-Revolution und Paulskirche sowie zu einer Landtagswahl aus den studentenbewegten Sechzigern recherchiert, als die rechtsextreme NPD auf 9 Prozent der Wählerstimmen angewachsen war.

Ein paar Leitmotive durchziehen den Spaziergang, die Tübingens lokale Demokratiegeschichte und Gegenwart mit den überregionalen Gestalten und Geschehnissen verbinden. Da ist die schwarz, weiß, rot gekleidete und geschminkte Fahnenträgerin (das waren eigentlich erst die späteren Reichsfarben), die allerorten ihr Freiheitssymbol flattern lässt und die Leute auffordert, auch bei den sozialen Hungerprotesten mitzuziehen. Da sind Ludwig Uhland, dessen Geburtshaus in der nahen Neckarhalde erhalten ist, und seine Frau Emilie geb. Vischer, die dem Demokraten Rückhalt und durchaus schon ein wenig frauenbewegte Unterstützerin war – auch gegen reaktionäre Akademiker unter den – damals noch verbündeten – Burschenschaften.

Mit dabei auch Mathilde Weber, die Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Sozialkämpferin aus jener Epoche, gleichfalls in der Neckarhalde geboren (man hätte die Häuser einbeziehen können); oder die Komponistin Josefine Lang, professoral verheiratete Köstlin, deren eminente Begabung und Bedeutung die Musikwelt erst allmählich angemessen würdigt.

Kurze Rast im kühlen Schatten der Bäume an der Jakobuskirche: Emilie Uhland und ihr berühmter Mann Ludwig, Tübinger Dichter, Politiker der Revolution von 1848 und Abgeordneter des ersten demokratischen Parlaments in der Frankfurter Paulskirche. Foto: Martin Bernklau

Unter dem Label künstlerischer Freiheit dürfen zwei markante Frauengestalten durchgängig mitlaufen, die streng genommen eher wenig mit Tübingen zu tun haben, aber sich im Stück trotzdem über die Epochen hinweg austauschen. Das sind die (ebenfalls komponierende) Dichterin Annette von Droste-Hülshoff und eine kesse Kommunardin aus den 68-er-Zeiten, die bei den „Funkenflügen“ Gabi heißt, aber unverkennbar dem Model Uschi Obermeier nachempfunden ist, dem schönsten Gesicht der Studentenbewegung, auch als Rolling-Stones-Gespielin berühmt geworden. Regisseurin Helga Kröplin wollte um das Einverständnis bitten, sie als Figur einzubauen, erreichte die inzwischen zurückgezogen in Portugal lebende Kultfigur aber nicht und verzichtete auf die Namensnennung.

Der Dichter Uhland, Kandidat für die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, muss sich vor den armen und hungernden einfachen Leuten der Tübinger Unterstadt rechtfertigen. Foto: Martin Bernklau

Der theatralische Spazierweg führte durch die Münzgasse zum Faulen Eck am Stift, hinters Rathaus und am Marktplatz vor die Silberburg, wo ein veritables Duell zweier Jungakademiker ausgefochten wird. Geschmeidig mischte sich an diesem sommerwarmen und erfrischend windigen Samstagabend der theatralische Zug mit den vielen Touristen und Wochenendbummlern, die durch die Altstadt flanierten. Das schien die schauspielerische Unbefangenheit der Laiendarsteller durchaus zu beflügeln. Stellenweise minderte der Hintergrundlärm aber auch die Verstehbarkeit ein wenig. Die Truppe spielt ihre Open-air-Stücke nämlich traditionell ohne Mikrofone.

Auch an der Marktplatzecke zur Kirchgasse trat dann ein Gruppe historischer Demonstranten ins Abendlicht, denen es nicht nur um Ideale ging, sondern auch um Hunger, Brot und Armut der einfachen Leute, der Gogen aus der Unterstat. An der Jakobuskirche trafen sich solche Demonstranten vor allem mit den historischen Frauenrechtlerinnen der Stadt. Neben dem Wilhelmstift erklang zur Gitarre „Lady Madonna“ von den Beatles, bevor die Gruppe mit ihrem Publikum über das Nonnenhaus zur Abschlusskundgebung im Alten Botanischen Garten zog.

Zwei ehrenkäsige Jungakademiker im Duell vor der Silberburg. Foto: Martin Bernklau

Dort wurden noch einmal alle Epochen, Figuren und Themen seit der schwarz-rot-goldenen 48-er-Revolution aufgeboten und von einem begeisterten Publikum mit langem Schlussapplaus bedacht.

Langer Beifall für das „Funkenflüge“-Ensemble und seineam bei der letzten Station des Theaterspaziergangs im Alten Botanischen Garten. Fotos: Martin Bernklau

Info: Weitere Aufführungen des theatralischen Stadtspaziergangs „Funkenflüge“ gibt es am heutigen Sonntag um 17 Uhr (Einlass an der Alten Aula hinter der Stiftskirche), am 19., 25. 27. Juni jeweils um 19 Uhr. Acht weitere Termine vom Sonntag, 28. Juni bis Samstag 25. Juli zu unterschiedlichen Anfangszeiten sind über die Homepage des LTT abrufbar.

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