Website-Icon Cul Tu Re

Spendhaus – Holocaust ohne Juden

Im Reutlinger Kunstmuseum Spendhaus wurde am heutigen Donnerstagabend die Ausstellung „Green Fence“ des Stuttgarter Konzeptkünstlers Georg Lutz eröffnet – es geht um die Vernichtungslager Sobibor, Treblinka und Belzec

Georg Lutz auf dem Treppenabsatz zwischen seinem Kunstwerk (im Titelbild) und der Video-Installation.
Foto: Martin Bernklau

REUTLINGEN. Das muss man erst mal schaffen: Der Holocaust wird judenfrei. Im Material zur Spendhaus-Ausstellung „Green Fence“ des Konzeptkünstlers Georg Lutz kommt das Wort „Juden“ nicht vor. Kein einziges Mal. Dabei gilt die Installation einem zynisch makabren Detail an drei Orten des Menschheitsverbrechens Shoah, den Vernichtungslagern Sobibor, Belzec und Treblinka: dem „Schlauch“. Durch diesen begrünten Gang prügelten und peitschten SS-Männer mit ukrainischen Trawniki-Helfern im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ nach gesicherten Schätzungen mindestens 1,75 Millionen nackte Menschen von den Entkleidungs-Baracken in die Gaskammern, fast ausschließlich Juden. Die Nazis nannten sie „Volksschädlinge“. Und so nennt sie die Ausstellung auch – in Anführungszeichen. Immerhin. Wie die „Volksgemeinschaft“ der Mörder. Am heutigen Donnerstagabend um 19 Uhr wurde die Ausstellung im Museumsgarten von Bürgermeister Robert Hahn eröffnet, mit einem Apéro.

Kunstmuseumsleiter Stephan Rößler, Bürgermeister Robert Hahn und (ganz rechts) Konzeptkünstler
Georg Lutz bei der Eröffnung der Ausstellung im Museumsgarten. Foto: Martin Bernklau

Ein englischer Titel musste es natürlich sein. Das gehört zum Konzept von Kurator Stephan Rößler, dem Leiter des Kunstmuseums. Der gewissermaßen idyllische „grüne Zaun“ auf Englisch – kaum etwas könnte schlechter zum Titel taugen. Die Installation von Georg Lutz bildet über zwei Stockwerke des Spendhauses diesen Gang nach, den die Mörder halbsachlich „den Schlauch“ nannten, oder zynisch den „Himmelsweg“. Sie wird ergänzt von einer Video-Installation, die sich – verfremdend, stilisierend, abstrakt in einem fünfteilig neunminütigen Loop – mit den Umständen des Massenmords beschäftigt, darunter einem fröhlichen Foto feiernder ukrainischer Trawniki aus der Sammlung des SS-Sturmführers und Vize-Kommandanten von Sobibor Johann Niemann. Ein ganz ähnliches Album hatte dessen Pendant Kurt Franz in Treblinka angelegt und ihm den Titel „Schöne Zeiten“ gegeben.

Modell des Vernichtungslagers Treblinka in der heutigen Gedenkstätte. Der „Schlauch“ beginnt links neben den Entkleidungsbaracken und führt im Bogen zu den Gaskammern (obere Mitte) hinter den Bäumen. Foto: Martin Bernklau

In Treblinka *1), knapp hundert Kilometer von der polnischen Hauptstadt entfernt, wurden vom Juli 1942 an zunächst die Juden des Warschauer Ghettos mit Abgasen aus erbeuteten russischen Panzermotoren ermordet, bis zur Auflösung im Oktober 1943 knapp eine Million an der Zahl. Sobibor war das Vernichtungslager für Juden aus dem gesamten „Generalgouvernement“, aber auch aus ganz Europa. Unter den knapp 250.000 dort Ermordeten waren etwa 33.000 Juden aus den Niederlanden. Belzec, die älteste dieser reinen Todesfabriken, hatten die deutschen Besatzer und Himmlers SS-Organisatoren für die Juden des Ghettos Lublin vorgesehen. Hier starben etwa 500.000 Juden. Aber auch die meisten der in diesen drei Todeslagern rund 50 000 „Zigeuner“ wurden in Belzec vergast, jener Sinti und Roma, denen der Völkermord mit etwa einer halben Million Toten ebenfalls galt.

Die Zahlen sind, teils als „Zwischenstände“, gut belegt durch die beiden im Jahr 2001 entschlüsselten Funk-Telegramme von Hermann Höfle, dem SS-Sturmbannführer und Stabschefs der „Aktion Reinhardt“, an die Zentrale im Berliner Reichssicherheitshauptamt.

Plan des Lagers auf einer Tafel der Gedenkstätte Treblinka. „Der Schlauch“, vielleicht 50, 60 Meter lang, ist mittig als Bogen zu erkennen. Foto: Martin Bernklau

(Stand: Do, 8.30/20.30 Uhr. Später – morgen – mehr, auch Fotos. Die Einladung zum Pressetermin am Dienstag hatte Cul-tu-re.de leider nicht erreicht.)

Info: Die Ausstellung „Green Fence“ des Stuttgarter Konzeptkünstlers Georg Lutz wurde an heutigen Donnerstag im Museumsgarten neben dem Reutlinger Spendhaus, Spendhausstraße 4, eröffnet. Sie ist bis zum 1. November 2026 zu sehen. Öffnungszeiten: Di – So 11 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.

*1) Wer an einer literarischen Verarbeitung des Themas Treblinka interessiert ist, der mag die entsprechenden Kapitel in meinem politischen Reiseroman „Liebe, Leid, Corona“ lesen (Kapitel II „Polen“ – „Der letzte Weg“, ab Seite 23). Die privaten Schauplätze und Ereignisse sind frei erfunden, die historischen nicht.

Die Gedenkstätte Treblinka im Jahr 2015. Foto: Martin Bernklau
Die mobile Version verlassen