Kitsch mit Niveau: An der Tübinger Blauen Brücke und in der Reutlinger Planie läuft Georgia Oakleys „Sinn und Sinnlichkeit“ als Neuverfilmung von Jane Austens frühem Roman um zwei gegensätzliche Schwestern
TÜBINGEN. Kaum ein Land lebt so in seinen Konventionen wie England. Das ist noch heute so und war Ende des 18. Jahrhunderts natürlich noch strenger, als die kaum 20-jährige Jane Austen ihren Roman „Sense and Sensuality“ schrieb , was besser mit „Vernunft und Gefühl“ zu übersetzen wäre. Denn um diesen Gegensatz dreht es sich. Es geht aber erst mal ums Erben in dieser Geschichte – und dann um nichts als die Liebe. Besitz geht an Söhne, weshalb die Witwe und ihre drei Töchter mit völlig leeren Händen und mittellos dastehen, als der Mann und Vater stirbt. That’s law. Sie sind auf Wohlwollen und Gnade der Verwandtschaft angewiesen, müssen ihren noblem Landsitz Norland Park an den Sohn aus erster Ehe und dessen giftige Gattin abgeben, um in ein karges Cottage in gottverlassener Provinz umzuziehen.
Vor über 30 Jahren hat der taiwanesiche Regisseur Ang Lee Jane Austens Vorlage schon einmal verfilmt und mit seinem opulenten Historiendrama nicht nur bei der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Emma Thomson verkörperte (an der Seite der emotional-sinnlichen Kate Winslet, von Hugh Grant und anderen Superstars) nicht nur die „vernünftige“ Elinor Dashwood und gewann damit einem Oscar, sondern hatte auch das Drehbuch geschrieben.
Das Besondere an der Neuverfilmung ist, dass die junge britische Regisseurin Georgia Oakley („Blue Jean“) sich bekenntnishaft als lesbisch geoutet hat und ausdrücklich der LGBTQ+- Szene zugehörig fühlt. Erstaunlich dabei ist aber, dass auch sie eine bildstarke, handwerklich meisterhafte, doch eigentlich völlig konventionelle, jedenfalls keineswegs „queere“, nicht einmal kämpferisch feministische Adaption inszeniert hat. Sehr respektvoll, fast andächtig getreu setzt sie Jane Austens unsterblichen Roman in Bilder von großartiger Natur und Szenen in historisch prächtigem Ambiente um. Aber auch den pointierten (englischen) Witz der Austen-Sprache. Vielleicht ist der Focus aufs Sozial-Historische etwas ausgeprägter als beim Vorläufer.
Die Schauspieler in Georgia Oakleys Version entsprechen dem durchgängig weiblichen Blick, der (wie in der Lee-Version) ganz getreu Jane Austens Perspektive wiedergibt: Die Männer (neben Dallane, George McKay und Herbert Nodrum), Objekte der Begierde oder zärtlicher Liebe, aber auch einer Gesellschaft auf der verbissenen Suche nach „guten Partien“, bleiben etwas blasser in ihrer Zeichnung, die schon bei Jane Austen – mit allen Wendungen – etwas schematisch ist.
Die Dashwood-Frauen, vor allem natürlich Esmé Creed Miles (Marianne) und Daisy Edgar-Jones als Elinor, aber auch die Mutter und die sommersprossige kleine Schwester als kontrastierende Nebenfigur dürfen ihre gegensätzlichen Charaktere wunderbar entwickeln. Von den anderen, darunter den intriganten Gegenspielerinnen, ist die alte Tante Jannings (Fiona Shaw) ein komödiantisches Highlight.
Hin und wieder meint man übrigens, einer weiblichen geprägten Variante von Lucchino Viscontis „Leopard /Il Gattopardo“ beizuwohnen, auch des Motivs Tanz und des Balls wegen. Dann wieder glaubt man sich in eine historisch ausgestattete Rosamunde-Pilcher-Story beim ZDF versetzt. Diese manische Männerjagd und Liebessucht ist ja einfach beständig nah am Kitsch. Aber es ist – nicht nur dank der unvergleichlichen Vorlage – ein Kitsch von hohem Filmkunst-Level. Dass markante „queere“ oder „queerfeministische“ Akzente fehlen, muss bei so viel visueller Lust eigentlich niemand vermissen.
Info: 132 min; FSK 6
