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Sinfoniekonzert – Mahler ohne Grenzen

Ariane Matiakh und die Württembergische Philharmonie Reutlingen beendeten die Saison am gestrigen Montag mit Mahlers „Auferstehungssinfonie“: Stehende Ovationen in der Stadthalle

REUTLINGEN. Ein großes Musikereignis: Gustav Mahlers zweite, die sogenannte „Auferstehungs-Sinfonie“ als Abschluss der Sinfoniekonzert-Reihe der Württembergischen Philharmonie Reutlingen am Montagabend. Ihr Finale braucht einen großen, gut geschulten Chor und hochkarätige Solistinnen, in diesem Fall vertreten durch den Philharmonia Chor Stuttgart und den Württembergischen Kammerchor sowie Christina Landshamer (Sopran) und die Altistin Gerhild Romberger. Die Leitung hatte Chefdirigentin Ariane Matiakh, der große Saal war ausverkauft.

Die Vokalsolistinnen Christina Landshamer (Sopran) und Gerhild Romberger (Alt) ergänzen die Chor-und Orchesterklänge von Mahlers monumentaler 2. Sinfonie von der rechten Empore aus. Fotos: Susanne Eckstein

Wenn man den Kerngedanken der Romantik als „Entgrenzung“ versteht, dann hat Gustav Mahler mit seiner zweiten Sinfonie (c-Moll, komponiert 1888 bis1895) ihn konsequent umgesetzt. Schon rein zeitlich sprengt das fünfsätzige Werk mit fast 90 Minuten Spieldauer den Rahmen. Die Partitur umfasst an die 30 Stimmen, das opulent besetzte Orchester (mit reichlich Bläsern, zwei Harfen und Leih-Orgel) sowie ein etwa hundertköpfiger Chor drängen sich auf der Bühne.

Auch der klingende Raum wird – im Finale – geweitet: um eine Blechkapelle, die nach Anweisung des Komponisten „in weitester Ferne“ aufgestellt ist (man hört sie durch die geöffnete Tür im Foyer). Darüber hinaus werden die beiden Solistinnen oben auf der Empore platziert, so dass ihre Stimmen wie überirdisch entrückt erscheinen.

Anders als die meisten Komponisten hat Gustav Mahler kein Geheimnis um den Inhalt der „Zweiten“ gemacht. Die Rahmensätze verkörpern Tod und Auferstehung, Schmerz und Erlösung; nicht als Leidensgeschichte Christi, sondern als persönliche Passion. Diese führt durch drei „Intermezzi“: eine wehmütige Erinnerung an die Jugend, eine verzweifelte Satire („Des Antonius von Padua Fischpredigt“) sowie durch das „Urlicht“ („die rührende Stimme des naiven Glaubens“). Mit diesem Programm greift Mahler weit hinaus in die Transzendenz, bebildert den Weg zum Licht aber teils mit banalem Material. Wie so oft schöpft er aus Erinnerungen: Kinderlied, Blaskapelle und Tanzboden.

Konnte man die erste Aufführung der „Zweiten“ im Juni 2013 im damals noch neuen großen Saal der Stadthalle noch als Härtetest für die Raumakustik und als grellbuntes, zukunftweisendes Tongemälde sehen, geht Ariane Matiakh in die Tiefe: Sie inspiriert das wie stets hellwach musizierende Orchester zu sehr klangbewusstem Spiel und öffnet die farbige Oberfläche hin zu einer nuancenreichen Ausdrucks- und Seelenwelt. Man muss das Programm nicht gelesen haben, um diese Musik zu verstehen, die Dirigentin vermittelt Mahlers unbändige musikalische Energie mit ihrer präzisen Körpersprache nicht nur dem Orchester, sondern auch den Zuhörern.

Schon im ersten Satz von Gustav Mahlers zweiter Sinfonie, der „Totenfeier“, kündigt sich Großes an: hier das monumentale Auferstehungs-Finale mit Orchester, Chor und Vokalsolisten. Foto: Susanne Eckstein

Im ersten Satz, der „Totenfeier“, kündigt sich Großes an. Ein hohes Erregungsniveau trägt emotionale Verdichtung und brachiale Gewalt, Trauer wechselt mit Aufbegehren, der Weiheton wird konterkariert durch quäkende Bläser. Dass Mahler zwischen der dramatischen „Totenfeier“ und dem nachfolgenden lieblichen Ländler fünf Minuten Pause verlangt, ist verständlich; zwei Minuten tun’s aber auch. Der Kontrast ist frappierend: Der Ländler wird von Matiakh und dem Orchester geradezu auf Händen getragen und zu einem Kabinettstück der Klang- und Ausdruckskunst. In beklemmender Weise lassen sie die Musik zerfallen, bis ein am Rande des Nichts schwebendes Pizzicato sie zögernd zurückholt.

Auch der dritte Satz, der auf Mahlers sarkastischem Lied „Des Antonius zu Padua Fischpredigt“ aufbaut, wird kammermusikalisch durchleuchtet und in eine transparente Klangstudie verwandelt. Er macht Platz für die Stimme der Seele in „Urlicht“, verkörpert durch die edle Altstimme von Gerhild Romberger, sicher geführt und auf langen Atem gebettet. Dass die Intonation sporadisch minimal zu tief gerät, mag an der isolierten Position auf der Empore liegen.

Das etwa halbstündige Finale sprengt auch in dieser Aufführung mit seiner disparaten Dramatik alles Dagewesene. Mahler holt weit aus für die Inszenierung von Gericht und Erlösung, der Satz variiert wie in manchen Requiem-Vertonungen das uralte „Dies irae“-Motiv. Der Höllenspuk wird verscheucht durch den quasi sakralen Auftritt des Chors mit „Aufersteh’n“: Zutiefst verinnerlicht und rein zelebrieren menschliche Stimmen und Celli die mystische Erlösung. Aus ihnen treten ebenso schlicht die Solostimmen von Christina Landshamer und Gerhild Romberger heraus, deren Text viele Zuhörer mitlesen: „Hör‘ auf zu beben! Bereite dich zu leben!“

Stolze acht Minuten lang durften sich (vorn, von links) Johannes Knecht – zusammen mit Lukas Grimm Instruktor der beiden Chöre – und Chefdirigentin Ariane Matiakh, die Vokalsolistinnen Gerhild Romburger und Christina Landshamer, aber auch die Chorsänger und die Württembergischen Philharmoniker mit stehenden Ovationen feiern lassen. Foto: Susanne Eckstein

Sanfte Schönheit mündet in ein imposantes Crescendo und einen unermesslichen Klangrausch mit Orgel, Paukenwirbel und Glockenklang; der darauf folgende Jubel des Publikums steht dem in nichts nach. Acht Minuten lang dankt es mit stehenden Ovationen für ein nicht nur beeindruckendes, sondern auch berührendes Musik-Erlebnis.

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