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„Rose“ – Völlig anders

Im Tübinger Museum und dem Reutlinger Kamino läuft mit dem schwarzweißen Historiendrama aus den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs – und Sandra Hüller in der Titelrolle – ein Film ganz neuer Art

TÜBINGEN/REUTLINGEN. Markus Schleinzers „Rose“ erzählt eine unerhörte Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg, die sich – in verschiedenen Varianten – offenbar tatsächlich so oder so ähnlich zugetragen hat. Der Schwarzweißfilm passt scheinbar zum omnipräsenten Thema Transgender und ist doch ganz anders. Schon dass Sandra Hüller die Rolle der Rose spielt, macht ihn sehenswert. Es geht um eine Frau, die sich in diesen verheerenden Kriegszeiten Hosen anzieht, Soldat wird, kämpft wie ein Mann und schwer verwundet wird, um schließlich das per Dokument erschlichene Erbe eines gefallenen Kameraden und Freundes anzutreten: einen halbverfallenen Hof. Der kühne Geschlechterwechsel endet nicht nur für sie tödlich: mit der Hinrichtung auf dem Schafott.

Der Schwarzweißfilm versucht erst gar nicht, sich als Historiendrama aufzuspielen, eine authentische Atmosphäre dieser Kriegszeiten im 17. Jahrhundert vorzuführen. Das Ambiente um den Hof, den Wald, ein Kirchlein und später die Gebäude von Gericht und Gefängnis ist schlicht und eher symbolisch. Irgendendwelche Actionszenen von den Gräueln und Schlachten dieser apokalyptischen Epoche gibt es nicht. Eine stilisierte Bärenjagd, die dem mysteriösen zugereisten Erben einen gewissen Ruhm bei den Einheimischen verschafft, ist das höchste der Gefühle. Die Figuren sprechen, von den paar historisierenden Einsprengseln, Gebeten und Kirchenchorälen abgesehen, modern. Und sie geben sich auch so. Historische Authentizität scheint nicht das Ziel.

Rose als verwegener Bärentöter. Foto: Verleih

Ganz ungewöhnlich, ja neuartig für das Genre ist auch die Erzählweise. Die gespielte Handlung beginnt mit der Ankunft des vermeintlichen Erben irgendwo im protestantischen Hinterwald. Die ganze Vorgeschichte – Rose sah wohl als Mann größere Chancen, ihr Glück zu machen und nicht zum wehrlosen weiblichen Opfer zu werden – aber auch wesentliche Teile des fortschreitenden Geschehens, von der in diesen Notzeiten schnell arrangierten Hochzeit über die Kindsgeburt bis zur Enttarnung des falschen, als Mann nur verkleideten Hofherrn, zur Vergewaltigung durch vier Männer mit der Folge einer Schwangerschaft, zum Prozess und zur Hinrichtung sind einer weibliche Erzählerstimme (Marisa Growaldt) anvertraut.

Wichtigste Quelle der Story ist die Geschichte der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, anno 1687 – also 40 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs – im thüringischen Gehofen am Kyffhäuser geboren, am 8. November 1721 auf dem Fischmarkt von Halberstadt öffentlich mit dem Schwert hingerichtet. Während die historische Partnerin der Rose mit drei Jahren Zuchthaus und Landesverweis glimpflich davonkam, wird die Film-Suzanna im Sack ertränkt.

Plagiatsvorwürfe um den Stoff haben nun zu wüstem Streit, aber inzwischen auch zu heftigen filmkritischen Kontroversen geführt. Dass nicht der Film bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, sondern ausschließlich die darstellerische Leistung von Sandra Hüller, wird mittlerweise auch deutlicher.

Rose – als Mann unter Männern. Foto: Verleih

Deren Wandlungsfähigkeit hat ihr längst Weltruhm gebracht. Als Rose aber, als der verkleidete Mann, wirkt sie gar nicht wirklich überzeugend, nimmt man ihr die Figur in männlicher Maskerade doch nicht so ganz ab. Sie wirkt: gespielt. Vielleicht soll das so sein. Vielleicht liegt es auch daran, dass jeder Zuschauer von Beginn an weiß, dass Rose in Wahrheit eine Frau ist. Weitaus authentischer wirkt übrigens die Theaterschauspielerin Caro Braun als Ehegattin Suzanna. Erst als die Rose nach ihrer Enttarnung, erst als wiederhergestellte Frau, kann auch Sandra Hüllers phänomenale Schauspielkunst vor der Filmkamera vollkommen überzeugen. Grandios übrigens besonders in ihren schlichten, ganz heutig klingenden Verteidigungsreden vor dem Tribunal des Richters (Sven-Eric Bechtolf).

(später mehr)

(Länge: 94 min. FSK ab 12)

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