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Pupille – Der Blick der Anderen

In der Reutlinger Produzentengalerie Pupille ist die Jahresausstellung der Künstlervereinigung zu sehen

REUTLINGEN. Die Reutlinger Produzentengalerie Galerie Pupille liegt etwas abseits am Fuß des Georgenbergs. Aber es lohnt sich, einmal am Wochenende – Freitag- oder Sonntagnachmittag – dort in die Peter-Rosegger-Straße 97 hinauszufahren, wo 28, also die meisten, mindestens die Mehrheit der Mitglieder dieser Künstlervereinigung bei der Jahresausstellung 2026 die besten Arbeiten ihres aktuellen Schaffens zeigen.

Jochen Warths zeitlos elegante Stahlplastik – das Band zunächst nach außen verjüngt, dann wieder nach innen gewendet, mit Schweißspuren belassen – dominiert den Hauptraum. Der Nehrener Metallbildhauer hat gerade auch eine Einzelausstellung beim Tübinger Künstlerbund. Fotos: Martin Bernklau

Die Eröffnung ist schon ein paar Tage her. Für den Vorstand hatte Hans Gunsch die Besucher begrüßt. Der Kulturwissenschaftler Florian Stegmaier widmete sich in seiner Einführung jeder einzelnen Arbeit. Natürlich ist so eine Vernissage auch Treffpunkt für die Freunde und Kollegen: der Blick auf das, was die Anderen machen. Es ist auch ein Blick auf die Tendenzen der Gegenwartskunst quer durch die Genres und Stile, die Techniken und Materialien.

Helm Zirkelbachs „Lebenszeichen“ mit einem kalligrafierten Rilke-Gedicht.
Foto: Martin Bernklau

Helm Zirkelbachs Radierung „Lebenszeichen“ ist ein gutes Beispiel für solche Vielfalt: Eine Art Passepartout gibt dem gleichzeitig grob markierenden wie feinen farbigen Geflecht dieser Grafik schon eine Nuance ins Relief, in den Raum. Nicht mittig, sondern wohlproportioniert rechts unten hat er unter einem Feld mit Spiegelschrift (Leonardo!) die Kalligrafin Rosy Küpper ein frühes Gedicht von Rainer Maria Rilke hineinschreiben lassen: „Du musst das Leben nicht verstehen…“ Neben der Schrift, dem Zeichen, wird auch das Medium der Fotografie oft in Werke der Ausstellung hineingenommen. Hans Gunsch legt seiner gedoppelten Rückansicht eines Kindes ein Foto zugrunde, verfremdet es leicht und überhöht es in seiner Farbenpracht mit der Lasurschichtung seiner von Orangetönen dominierten Ölfarben fast zur Farbfeldmalerei.

Hans Gunschs Ölbild „Suchen (Madrid)“ in Lasurtechnik über einer Fotografie:
Orangetöne mit dem Weiß kindlicher Unschuld. Foto: Martin Bernklau

In Bad Urach lebt und arbeitet Xenia Muscat. Ihr Mittelformat „Das geteilte Ganze“, bewusst oder intuitiv im Goldenen Schnitt proportioniert, stellt mit einem gerade noch erkennbaren Krug Figürliches gegen die Abstraktion, die wiederum Gegensätze feiert: die Komplementärfarben vom Orange der Morgenröte oder des Feuers bis zu den Blaus von Himmel oder Meer, den Helldunkel-Kontrast, aber auch die Raumtiefe gegen die Fläche, Linie kontra Feld. Nicht unähnlich in der Wirkung, aber der absolute Gegensatz in der Technik ist die Arbeit von Gudrun Heller-Hoffmann mit ihren kraftvollen Linien und Farben. Sie schichtet, verbindet und bearbeitet fotografisches Material rein digital, am Computer und druckt das Ergebnis.

Xenia Muscat vor ihrem Beitrag im Gespräch mit einem Besucher.
Foto: Martin Bernklau

Dort, im kleineren ersten Raum, empfängt die Besucher auch das Temperabild „Enigma“ (Rätsel) von Kirsten von Zech-Burkersroda, das in seinem spontanen, energiegeladenen Pinselduktus wildes Action Painting von einst mit Figürlichem verbindet. Schräg gegenüber entfaltet Ingrid Swobodas abstrakte Komposition mit dem Titel „no r@in today“ fast transparent zarte Flächen in weichem Fluss der hellen, schneehaften Farben. Daneben ist Elke Roth, vor allem als Steinbildhauerin bekannt, zu sehen mit ihrem mystischen Materialbild mit dem Titel „Die Unendlichkeit des Januars frisst alle Farben auf, spuckt sie aus – und frisst sie wieder auf“, geschaffen mit Marmorstaub, Asche, Holz und Kohle in eisigen Rauhnächten zwischen den Jahren. Auch hier: Schrift im Bild.

Der große Ausstellungsraum: im Vordergrund erkennbar Ulla Frengers originelle „Symbiose“ aus Paperclay und und Porzellan-Engobe; auf doppeltem Podest an der Säule die elegant geschwungene Holz-Skulptur auf rostigem Sockel von Wolfgang Schaller mit dem Titel „Gegensätzlich“; hinter dem dunkel gekleideten Besucher ist Brigitte Tharins fragiles Hochformat „Wir“ umrisshaft zu erkennen, mit Öl und Asche auf Holz gemalt; davor (verdeckt) wäre Christine Zieglers humoreske Textilkunst „Hüftgold“ zu sehen, auf der zu lesen steht: „Den Gürtel enger schnallen“. Foto: Martin Bernklau

Info: Die Jahresausstellung der Produzentengalerie Pupille in der Reutlinger Peter-Rosegger-Straße 97 ist noch bis zum 8. Februar 2026 zu sehen, jeweils freitags und sonntags von 14 bis 18 Uhr.

Neben den im Text genannten Künstlern – eine subjektive Auswahl – sind auch Werke von Karl Striebel, Regine Krupp-Mez, Susanne Gayler, Renate Vetter, Birgit Hartstein, Christine Dohms, Jochen Meyder, Roswitha Zeeb, Izumi Yanagiya, Günther Sommer, Wolfgang Stöhr, Jutta Peikert, Renate Quast, Kathrin Fastnacht, Renate Zeeden und Uta Albeck zu sehen.

Die eingehende und sehr aufschlussreiche Eröffnungsrede von Florian Stegmaier ist auf der Homepage der Pupille nachlesbar.

Damit der Kommentar auch auf Smartphones lesbar ist:

Xenia Muscat

25.01.2026 16:22 at 16:22

Wirklich eine schöne Zusammenstellung und Interpretation unserer Arbeiten. Die Fotografien gefallen mir sehr, Vor Allem, weil sie so unterschiedliche Blickwinkel einnehmen und den Raum sichtbar werden lassen. Es sind Interpretationen ohne Worte. Schön , auch eine Arbeit anzusprechen, die von einem Besucher verdeckt ist. Toll komponiert ist das Eingangsbild mit den dunklen Punkten und Kreisen, die unbemerkt die einzelnen Arbeiten in Beziehung zueinander bringen. ( Was für das sechste Bild ebenso gilt.) Der Text und seine Formulierung wirkt auf mich gelassen virtuos.
Insgesamt eine präzise Würdigung der Bilder und Plastiken, derProduzentengalerie und auch ihrer Besucher !

Herzlichen Dank sagt Xenia Muscat

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