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Prégardien – Vater und Sohn

Im Festsaal der Tübinger Universität gaben die Tenöre Christoph und Julian Prégardien mit Begleiter Michael Gees am gestrigen Mittwoch einen ganz besonderen Liederabend

TÜBINGEN. Der Name hat Klang – immer noch und immer wieder. Christoph Prégardien galt und gilt als einer der weltweit bedeutendsten lyrischen Tenöre. Seine Mitte der Achtzigerjahre als Opernsänger begonnene Karriere führte ihn mit veränderter Stimme mehr zu Konzert und Oratorium, vor allem aber zum Lied, schließlich auch in die Lehre. Auch seinem Sohn Julian Prégardien hat er viel von seiner Kunst weitergegeben. Dass dieses Erbe aber vielleicht auch in der natürlichen Anlage seiner Tenorstimme besteht, war am Mittwochabend im zu zwei Dritteln besetzten Festsaal der Tübinger Universität zu hören. Am Bechstein-Flügel begleitete den Liederabend „Vater und Sohn“ der hochsensible und eigenwillige Pianist Michael Gees. Schwerpunkt war, nach Friedrich Silcher (1789 bis 1860), die Liedkunst Franz Schuberts.

Vater und Sohn Prégardien (mit Klavierbegleiter Michael Gees) im Festsaal der Uni Tübingen. Foto: Martin Bernklau

Es hätte auch als Hommage an den Genius loci gedeutet werden können. Aber die Bedeutung Friedrich Silchers, des ersten Tübinger Universitätsmusikdirektors, für die Kunst und die Geschichte des Gesangs ist den Prégardiens ohnedies bewusst. Sie lassen ihre Tournee zum 70. Geburtstag des Vaters stets mit Bearbeitungen von Chorsätzen Silchers beginnen, die seinerzeit sofort mehr als nur Volkslieder geworden sind: nämlich Kulturgut. „Ännchen von Tharau“ oder die „Lorelei“ nach der Ballade Heinrich Heines kennen alle.

Was sich sofort bei den im Duett beginnenden Silcher-Stücken hören ließ: Julien Prégardien hat seinen Vater nicht nur in dessen phänomenaler Stimmkultur und Phrasierungskunst weitgehend erreicht. Die beiden lyrischen Tenorstimmen ähneln sich auch im Timbre und Charakter fast schon bis zum Verwechseln. Vielleicht neigt der Sohn in Spitzenlagen noch eine Spur zum Forcieren. Der Vater überraschte später stellenweise mit erstaunlich voluminösen Bariton-Lagen. In der Mitte gebieten beide gleichermaßen über eine geschmeidig elegante Linienführung und einen warmen, lyrisch-poetischen Ton, den Michael Gees am Flügel mit seiner subtil zauberhaften, sehr subjektiv gefärbten, aber immer einleuchtenden Begleitung trug. Die sprachliche Diktion beider, oft erzählend, meidet alle Übertreibungen und ist doch wunderbar verständlich.

Der einfühlsame, aber sehr subjektiv und frei gestaltende Klavierbegleiter
Michael Gees. Agenturfoto

Die Bearbeitungen der Silcher-Sätze durch beiden Sänger schwelgten vielleicht ein bisschen zu ausgiebig in Terz- oder Sextparallelen, brachten aber die menschlich emotionale Tiefe dieses Volkstons ebenso gut zum Klingen wie die dramatischen Kontraste, den Wechsel etwa in den Strophen der Heine-Ballade. Ins Zentrum beider Konzertteile hatten die Prégardiens – teils solistisch, teils im Duett, wobei der Vater meist den Gestus vorzugeben schien – Abschnitte mit Liedern Franz Schuberts gestellt, die das Publikum völlig zu Recht beide mit außerplanmäßigem langen Zwischenapplaus bedachte.

Christoph Prégardien. Agenturbild

Zwei der berühmtesten Stücke waren wiederum bearbeitet, diesmal aber nicht nur sehr plausibel, sondern auch näher an korrekter Harmonielehre und am ursprünglichen Satz. Es liegt ja durchaus nahe, dass man den „Erlkönig“, Schuberts wirklich geniales Opus 1 nach dem genauso genialen Goethe-Gedicht, mit verteilten Rollen darbietet: Vater und Sohn im Dialog, den verführerisch säuselnden Erlkönig (vom kranken Kind akustisch aus Wind in dürren Blättern, optisch im Nebel und in grauen Weiden halluziniert) als Duett dargeboten. Auch Wanderers Nachtlied II nach Goethes Versen war zwar etwas abgewandelt, aber doch höchst eindrucksvoll gestaltet.

Julian Prégardien. Agenturbild

Mit Volkslied-Bearbeitungen von Johannes Brahms (1832 bis 1897) und Hermann Zilcher (1881 bis 1948) begann der zweite Teil des Liederabends. Zilcher, in München und Würzburg wirkender Postromantiker in der Brahms-Nachfolge hat bald nach seinem Tod an seinem vordem, vor allem in den Zwanzigern, großem Renommee verloren, weil er sich zeitweise gar zu eng mit den Nationalsozialisten eingelassen hatte. Beider Lieder gestalteten die Prégardiens zwar mit ausdrucksstarken Passagen wie „In stiller Nacht“. Gerade auch bei Brahms merkte man aber doch dass ein etwas komplexerer Satz doch der angestrebten volkstümlichen Schlichtheit zuwiderläuft.

Ganz große Intensität erreichten das Duo und der klanglich besonders kreative Begleiter in den abschließenden eigenen Bearbeitungen – dramatisch in Schuberts Lied „Des Fischers Liebesglück“ (nach Karl Gottfried von Leitner), natur-idyllisch in „Auf dem Wasser zu singen“ (nach Friedrich von Stolberg); und am Schluss mit dem fast schon mystisch zarten Finalstück „Im Abendrot“ nach dem Gedicht von Karl Gustav Lappe. Die Bearbeitung tat dem Urtext Schuberts keine Gewalt an, im Gegenteil.

Ein solch sanftes Finale schafft eher besinnliche Stille, statt donnernden Applaus hervorzurufen. So dauerte es denn eine Weile, bis der Beifall anschwoll und dem beeindruckten Publikum drei Zugaben bescherte.

Rauschender Beifall, Umarmungen, Blumen und drei Zugaben am Mittwochabend im Tübinger Uni-Festsaal für Begleiter Michael Gees, Vater Christopher Prégardien und Julian Prégardien, den Sohn (von links). Foto: Martin Bernklau

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