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Pianisten – Ton und Technik

Beim 22. Pianistenfestival im Festsaal der Tübinger Uni traten am Dienstabend junge Mannheimer Virtuosen aus China und Korea auf.

TÜBINGEN. Der Ruf eilt ihnen voraus: schon von Kindesbeinen an mit höchster Disziplin zu phänomenaler Technik geschult zu werden. Das 22. Pianistenfestival im Festsaal der Tübinger Universität eröffneten am Dienstagabend drei Studenten des Mannheimer Professors Wolfram Schmitt-Leonardy, die aus China und Korea stammen: Zhang Yinuo, Zheng Luo und Jeyu Lee. Die Tübinger Klavierkenner und -Liebhaber füllten das Parkett recht gut. Die Russen Strawinsky und Prokoffjew, Chopin und Liszt standen auf dem Programm.

Die chinesischen Pianisten Zhang Yinuo und Zheng Luo sowie der Koreaner Jeyu Lee (von links).
Foto: Museumsgesellschaft

Das Vorurteil gegenüber diesen asiatischen Begabungen hat schon seit Lang Lang einen skeptischen, eigentlich sogar abwertenden Beigeschmack: dass diesen manuellen Fertigkeiten keine gestalterische Kraft, keine „Tiefe“ beigesellt sei. Das wiederholt uralte Ressentiments, mit denen von Deutschland aus vor allem französischen, italienischen, vielen polnischen und den meisten jüdischen Musikern, auch den Komponisten, die Klischees eines „oberflächlichen Virtuosentums“ entgegenschlugen. Chopins unvergleichlichem Ton musste man Respekt zollen, auch viele Russen konnten den hartnäckigen Vorbehalten gegenüber ihrer Musik und deren Darbietung widerstehen, beim Ungarn Franz Liszts Musik war das Verhältnis zwiespältig.

Für alle drei Pianisten lässt sich die Beurteilung voranschicken, dass diese atemberaubenden Fingerfertigkeiten, diese unglaubliche Geläufigkeit, Anschlagskultur, Varianz und auch Kraft von einer herausragenden Gestaltung und Deutungsqualität, von Ausdrucksvielfalt und von interpretatorischer Klasse ergänzt werden. Da mochten an diesem Abend Abstufungen wahrnehmbar gewesen sein. Die aber dürften eher mit dem Alter zu tun haben. Von solide, konventionell, vielleicht noch etwas schulmäßig reichte das bis zu charismatiascher Subjektivität bei Jeyu Lees spektakulärer Interpretation der h-Moll-Sonate Franz Liszts. Zugespitzt ließe sich sagen: Die technische Perfektion rückte gewissermaßen umgekehrt proportional in den Hintergrund.

Der erst 18-jährige Zangh Yinuo, aus Nanjing in der chinesischen Provinz Jiangsu nach Mannheim gekommen, eröffnete den aufregenden ersten Abend des 22. Tübinger Pianistenfestivals mit phänomenaler technischer Brillanz.
Fotos: Martin Bernklau

Das darf als großes Kompliment für den erst 18-jährigen Chinesen Yinuo Zhang verstanden werden. Manuell war er womöglich sogar der Brillanteste in dieser Trias. Dieses kristallin Glitzernde in den hohen Lagen, die Kontur und Kraft in der Linken für die Mittelstimmen, dem Bassfundament oder bei Kreuzhänden, alles in absoluter Präzision und toller Stimmbalance zeigte er in der konzentrierten Klavierfassung von Igor Strawinskys „Feuervogel“, dem Ballett, das er zur Suite verdichtete. Ebenso wie in die jahreszeitlichen Feenstücken opus 97, die es für Klavier aus Sergei Prokofjews Ballett „Cinderella“ gibt – dankbar in ihren Kontrasten, der Rasanz ihrer Läufe, aber auch in der plastisch erzählenden Diktion.

Dieses bildhaft Konkrete an Prokofjews Klaviermusik arbeitete auch Zheng Luo wunderbar heraus. Er hatte acht Stücke aus „Romeo und Julia“ gewählt, darunter den vielfachfür alle möglichen Zwecke verwendeten Satz über „Die Montagues und Capulets“ mit seinem dramatischen Marschrhythmus und den herrischen Punktierungen. Großartig, wie er das musikalische Geschehen modellierte, mal feingezeichnet, mal witzig und springlebendig, aber auch oft in sinfonischer Wucht. Er benutzte übrigens fast noch mehr Pedal als sein Vorgänger – was den Anweisungen durchaus entspricht. Formklar und bedachtsam hatte Zheng Luo zuvor Egon Petris romantische Adaption der Arie „Schafe können sicher weiden“ aus Bachs „Jagdkantate“ intoniert, die dissonanten Färbungen ebenso herausgearbeitet wie das Pastorale und Choralhafte.

Ganz schüchtern (wie zuvor auch schon Yinuo Zhan) nahm Zheng Luo den großen Beifall des Publikums entgegen. Foto: Martin Bernklau

Ein paar Jahre älter, um ein paar Auszeichnungen und Top-Platzierungen in Wettbewerben (wie dem Scriabin-Wettbewerb in Italien) reicher und um einige Auftritte auf bedeutenden Podien erfahrener ist der inzwischen fest in Deutschland lebende Koreaner Jeyu Lee. Mit Frédéric Chopins später Polonaise-Fantaisie as -Dur, die er an den Anfang stellte, fand er auch im US-Radio weite Verbreitung. Hochexpressiv nahm er das freie Stück, mit ausgeprägter Agogik und einem trotzdem dichten Fluss. Er arbeitete zwischen den komplexen Gegenrhythmen auch immer wieder den volkstümlichen Tanzcharakter der Polonaise fein heraus, der für Chopin nur noch eine Klammer für die harmonischen und rhythmischen Erweiterungen seines Spätstils war.

Jeyu Lee bei seiner spektakulären Interpretation von Franz Liszts Klaviersonate h-Moll. Foto: Martin Bernklau

Diesen gewissen Suspense, das spannungsreiche Innehalten, benutzte er noch weit ausgeprägter in Franz Liszts Klaviersonate h-Moll, dieser einsätzig verknüpften Abenteuerreise in die entferntesten Gegenden der romantischen Klaviermusik. Wie sich Liszts in rhapsodischen Freiheiten überbordene Musik auch formal gegen Ende immer mehr verdichtet, im Satz disziplinuierter wird, so erreichte Jeyu Lee bis zur Reprise und der Coda immer mehr an fast mystischer Intensität, gegenüber der die durchaus demonstrative Virtuosität, aber auch die genaue Kontur in Stimmen, Läufen und Akkorden zusehends fast beiläufig erschienen. In einer extrem lang ausgekosteten Generalpause etwa spürte man Andacht, angehaltenen Atem im Saal.

Nach langer Stille brach jubelnder Beifall los im Festsaal, und die meisten Zuhörer erhoben sich zu den langen Ovationen für diese pianistische Feierstunde.

Stehende Ovationen für Jeyu Lee und seine h-Moll-Sonate von Franz Liszt. Foto: Martin Bernklau

Info: Der zweite Teil des 22. Tübinger Pianistenfestivals folgt am morgigen Donnerstagabend um 19.30 Uhr im Uni-Festsaal. Es treten auf: Der schon vielfach ausgezeichnete Tscheche Jan Čmejla mit Kompositionen von Bach, Adam Skoumal und Sergej Rachmaninow sowie der türkische Pianist Kaan Baysal, gleichfalls international erfolgreich und vielfach preisgekrönt, mit Werken von Chopin, Tschaikowski und Strawinsky.

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