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„Nürnberg“ – Nazis im Knast

Im Tübinger Museum und dem Reutlinger Cineplex Planie ist Vanderbilts Gerichtsfilm „Nürnberg“ angelaufen, ein Göring-Film mit Russell Crowe

TÜBINGEN / REUTLINGEN. Kommt dieser Jahrhundert-Verbrecher zu gut weg? Diese Frage wird die Debatte um James Vanderbilts Film bestimmen, gerade in Deutschland. Denn „Nürnberg“ ist ein Film über Hermann Göring, den Reichsmarschall und zweiten Mann nach Hitler, dargestellt von Russell Crowe, dem einzigen echten Star in Staff und Cast. Auf das Duell mit dessen Gefängnis-Psychiater D. R. Kelley (Rami Malek) legt Hollywood seinen erzählerischen Focus, als Detail von Historie höchsten Gewichts und Rangs *1).

Die Nürnberger Prozesse, vor allem der erste gegen die Hauptkriegsverbrecher der Nazis, derer die Alliierten noch habhaft werden konnten, sind ganz große Geschichte – nach dem Pilatus-Urteil über Jesus das wahrscheinlich bedeutendste Verfahren aller Zeiten. Aber „Nürnberg“ ist kein Gerichtsfilm im klassischen Sinn. Was da von November 1945 an im Saal 600 des unzerstörten Nürnberger Justizpalastes – die Stadt der Reichsparteitage war so etwas wie die Herzkammer des Nationalsozialismus – vor der Weltöffentlichkeit stattfand, ist dem Film nur der Rahmen. Für zehn der 22 Angeklagten endete der Prozess am Galgen. Göring brachte sich wenige Stunden vor der Vollstreckung der Urteile mittels einer Zyankali-Kapsel um. Genau solche Selbstmorde sollte der junge Psychiater der US-Army verhindern. Auch.

Die Anklagebank im Film… Foto: Verleih

Seine Aufgabe bestand aber auch darin, den amerikanischen Chefankläger Robert H. Jackson (herausragend: Michael Shannon) – mit Material zu munitionieren, womit er Görings mit Recht befürchteter Propaganda im Gerichtssaal Kontra geben konnte. Der morphinsüchtige Göring war zwar (wie Rudolf Heß) in Hitlers Machtgefüge seit 1941 zugunsten von SS-Chef Himmler, Reinhard Heydrich und später Rüstungsminister Speer abgestiegen, am Schluss sogar verstoßen worden, hatte sich aber nach einem Entzug in der Haft zum unumstrittenen Anführer der Angeklagtenriege gemausert und viel von seinem zynisch-dämonischen Charisma samt intellektuell-rhetorischer Kraft zurückgewonnen.

Die Anklagebank beim historischen Nürnberger Prozess 1945/46 gegen
die Hauptkriegsverbrecher. Foto: Wikipedia

Russell Crowe spielt ihn zwar brillant, weit intensiver als Rami Malek seinen Widerpart Kelley beim Kammerspiel in der kargen Nürnberger Todeszelle, dem Hauptschauplatz. Er kann aber doch nur Teile dieses Charismas glaubhaft ausdrücken: Görings verschlagene Intelligenz und einen gewissen gutmütigen Humor, sein „einnehmendes Wesen“, die wuchtige Persönlichkeit. Das abgrundtief Böse dieses Charakters, der eben nicht so banal war wie der von Adolf Eichmann in Hannah Arendts großartiger Studie, kommt nicht wirklich zum Tragen. Die Schlaglichter auf ausgesuchte Nazi-Nebenfiguren wie Rudolf Heß, Robert Ley, Julius Streicher oder Admiral Dönitz – der üble Heuchler Albert Speer fehlt bei diesen Nahaufnahmen – sind da bei geringerem Aufwand weitaus ergiebiger.

Duell in der Todeszelle: Göring (Russel Crowe) und sein zugewiesener US-Psychiater Kelley (Rami Malek). Bild: Verleih

Der historische Rahmen – von den Schwierigkeiten angefangen, das völlige juristische Neuland dieses internationalen Tribunals überhaupt erst in die Spur zu bringen, bis hin zur teils pannenbehafteten Vollstreckung der Todesurteile – ist weitgehend zutreffend recherchiert, schon vom Autor der Buchvorlage. Dass Görings Ehefrau Emmy keine gertenschlanke Grazie war – geschenkt. Hollywood halt, wie manche dramaturgische Überzeichnung, wie ein gewisses Pathos hinsichtlich amerikanischen Sendungsbewusstseins, wie auch eine Musik (Brian Tyler), die bei allem Affekt doch dezent heruntergedimmt bleibt. Handwerklich ist alles perfekt. Hollywood halt, bis hin zur geschmeidigen (KI-)Überblendung von Szenen mit dokumentarischem Material.

Zu den erschütternden schwarzweißen Aufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern, die dem historischen Nürnberger Prozess damals womöglich die Wende brachten, wäre zweierlei zu sagen: Die relativ ausgiebige, dramaturgisch vielleicht etwas überproportierte Verwendung dieses originalen Materials bringt dem Film eine Wirkung, die ihn an die Reihe der „Holocaust“-Serie , von Claude Lanzmanns „Shoah“ oder an „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg anknüpfen lässt – als Vergegenwärtigung, vielleicht als Beitrag zur Bewusstmachung, zur Aufarbeitung und zum Erinnern an die Ereignisse, an das monströse Geschehen.

Was der Film dokumentarisch zeigt und was die amerikanischen und britischen Befreier an Bergen-Belsen, Buchenwald und Dachau so schockierte, das hatte in den von der Roten Armee befreiten Lagern des Ostens, in Treblinka, Auschwitz-Birkenau oder (dem oft vergessenen) Maly Trostinez bei Minsk seine Steigerung des Horrors in die absolute Perversion: Das waren die wirklichen, die reinen Vernichtungslager – nicht ein Mauthausen, das im Film so bezeichnet wird – bei allem unfassbaren Grauen und Leid, das auch dort geschah.

Da hat „Nürnberg“ vielleicht absichtsvoll gewisse Längen. Ansonsten hält der Film über zweieinhalb Stunden seine Spannung. Hollywood halt. Eine gewisse moralische Message muss man, kann man und darf man James Vanderbilts Werk zubilligen. Diese Lehre ist zwar sehr amerikanisch gefärbt, moralisiert aber nicht gar zu arg mit mahnendem Zeigefinger und dröhnendem Pathos. Dass diese reale Geschichte zwangsläufig allmählich verblasst, sich von der Zeitgeschichte zur Historie entfernt, gibt dem Film mehr als nur seine Berechtigung.

(Länge: 148 min. FSK ab 12)

*1) Die spannende und bis heute ungeklärte Frage, woher Göring seine Zyankali-Kapsel hatte, blendet der Film völlig aus. Der Psychiater D. R. Kelley – er nahm sich, als Autor eines Buchs über die Ereignisse eher erfolglos, 1958 in Berkeley das Leben, mit Zyankali – gehörte lang zum engeren Kreis der Verdächtigen für diesen letzten Freundschaftsdienst am jovialen Monster.

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