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musica nova – Klarinetten als Klang

Das Klarinettistinnen-Ensemble Liv Quartet trat am Freitagabend bei der musica nova in den Reutlinger Wandel-Hallen als Trio auf

REUTLINGEN. Eigentlich sind sie ein Quartett. Aber für die Absage von Gaia Gaibazzi gab es den schönsten Grund, der denkbar ist: die Geburt ihres Kindes. Blieben die Klarinettistinnen Laia Haro Catalan, Daniela Cost Pinho und Naama Caspo Goldstein, die am Freitagabend als Trio in den Räumen des Kunstmuseums I konkret ein umjubeltes Konzert im Rahmen der Reihe musica nova gaben.

Das vollständige Liv Quartet mit Gaia Gaibazzi (rechts). Foto: LIV

Für den ersten Teil unter dem Titel „Around Sound“ blieb die Kritik unfreiwillig ausgesperrt. Der vorverlegte Beginn hatte uns bis fast zur Pause vor verschlossener Tür warten lassen. Berichtet sei trotzdem, mit was das in Frankfurt am Main ansässige schon vielfach ausgezeichnete Ensemble mit vorwiegend katalanischen Wurzeln und europaweiter Reichweite das wie üblich überschaubare Publikum im ersten Teil begeisterte.

Es begann mit Minimal Music in Form von Steve Reichs „Clapping Music“ 1989 entstanden. Ein Klarinettensolo unter dem Titel „Langará“ hat der 1965 geborene Portugiese Alexandre Delgado geschrieben. Es folgte Konkrete Poesie, gesprochen, rezitiert, performt: die „Retrouvailles“ von Georges Asperghis. Solistisch wiederum das „Prélude“ des polnischen Nationalkomponisten Krysztof Penderecki (1933 bis 2020); und schließlich ein „Trio für 3 Klarinetten“, das der damals erst 17-jährige Benedict Ziervogel im Jahr 1995 in postmoderner Manier gesetzt hat.

Natürlich waren auch virtuose Elemente dabei, natürlich gab es Percussion, Geräusch oder die Frullato-Technik, deren schnarrender Ton im Gaumen oder per Flatterzunge erzeugt werden kann. Und es gab Lyrik, nach Asperghis konkreter Poesie auch Gedichte von Paul Valéry, die Laia Haro Catalan (auf Deutsch) in ihr dreiteiliges Solostück „Tres Rhumbs“ (Drei Wege) von Joaquim Homs einfügte. Aber dem Titel „Around Sound“ gemäß stand – mit Instrumenten in Es- und B-Lage sowie Bass (Daniela Costa Pinho spielt zudem auch Bassetthorn) die Klarinette als Klang, gerade auch als Zusammenklang eines Ensembles im Mittelpunkt. Es hätte Mozart wohl sehr gut gefallen, der das damals noch ganz neue Instrument dieses weichen Klanges wegen so liebte.

Bei den drei Sätzen aus der Suite opus 37a von Adolf Busch (1891 bis 1952), vor allem als Geiger berühmt, spielte Naama Caspo Goldstein ihre Bassklarinette, die um den mächtigen Holzkorpus ein Mundstück und einen Trichter wie ein Saxophon aufweist, auf einen Dorn nach Cello-Art gestützt. Die wunderbar weiche, aber auch variantenreiche Tongebung bestach durch eine fast rhapsodisch freie Phrasierung und eine faszinierende harmonische Vieldeutigkeit dieser einen Stimme. Dem Stück merkte man die formale Orientierung am zeitlosen barocken Vorbild Bach an. Die Harmonik, die das Ohr sich hinzu vorstellen musste, hätte an einigen Stellen doch recht weit von tonaler Bindung wegführen können.

Bassklarinettistin Naama Caspo Goldstein. Foto: Martin Bernklau

Als ganz junge Komponistin von großer Vielfalt und Experimentierfreude stellte Laia Haro Catalan die in England beheimatete Kathal Farn (Jahrgang 2004) vor, die auch schon als Tasten-Instrumentalistin hervorgetreten ist. In ihrer „Ode 25“ für drei Klarinetten, die auch als figurenreiches Drama, als Lyrik in Tönen gehört werden kann, treten zwar scharfe Querstände hervor, aber die interessante Harmonik ist doch gleichfalls tonal verankert. Trotz markanter Gegenbewegungen war auch die rhythmische Struktur taktgebunden. Der Hinweis auf die Verwandschaft der Tonsprache mit Luciano Berio kam ganz zu Recht. Großartig das so fein auch in den Klangfarben abgestimmte Zusammenspiel der drei Klarinettistinen.

Auch bei den „Tres Rhumbs“ des Katalanen Joaquim Homs (1906 bis 2003) steht der Klang im Mittelpunkt einer sehr bildhaften, lyrischen Tonsprache. Der Stille „El silenci“, den Vögeln („Els ocells“) und als knappes Finale den „Cascades“ galten die drei Abschnitte, die bis auf ein wenig Flatterzunge ganz frei von technischen Erweiterungen und virtuosen Elementen sind. Sehr poetisch wie die eingestreuten Valéry-Zeilen auch formte Laia Haro Catalan diese feinen, zuweilen ganz leisen Gesänge aus.

Laia Haro Catalan und Daniela Costa Pinho (rechts). Foto: Martin Bernklau

Den hauchzart verklingenden Schlusstein dieser Klanggebäude bildeten „Prelude and Fugue“ von Alexander Goehr (1932 bis 2024). Das ostinate Thema der Fuge blieb lange im Ohr. Dem barocken Vorbild huldigte der 1933 nach England emigrierte Komponist in Takt, Rhythmus und Struktur, brachte aber ein starkes tänzerisches Element hinein, das die drei Klarinettistinnen mit etwas Schärfe, Vorschlägen und Akzenten zu würzen verstanden.

„Imaginacion“ hieß der Titel der Zugabe, die nach dem ausdauernden Beifall unumgänglich war, ein Stück in parallel geführten Rhythmen, dessen Komponistin allerdings nicht verraten wurde. Nur dass sie wichtig für Bläser überhaupt und das Liv Quartet im Besonderen war…

Die Liv-Klarinettistinnen durften sich über den langen Beifall eines begeisterten Publikums freuen.
Fotos: Martin Bernklau
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