Das Trio vis-à-vis musiziert ein Themenkonzert bei der musica nova in den Reutlinger Wandel-Hallen
REUTLINGEN. Ein Motto wie „nordische Klänge“ verbindet man eher mit Nationalromantik als mit zeitgenössischer Musik; regionale Identität ist ihr eher fremd, und den herben Tonfall findet man weltweit. Man durfte also neugierig sein auf den Auftritt des Trios „vis-à-vis“ , das sich Aug‘ in Auge mit den heutigen Komponisten sieht. Das übliche kleine, doch interessierte Publikum füllte die Stuhlreihen im Kunstmuseum Reutlingen | konkret.
Gegründet 2012 um die Sängerin Natasha López, hat die Besetzung von Querflöte und Cello seither mehrfach gewechselt. Neben López sind in den 20er Jahren der Cellist Hugo Rannou und die Flötistin Petra Arman getreten. Gemeinsam engagieren sie sich für Neue Musik und inspirieren Neukompositionen. Auch bei diesem Auftritt ist eine Uraufführung dabei.
Auf dem Programm stehen vier „heutige“ Komponistinnen und ein Komponist aus Schweden, Finnland, Norwegen, Island und Dänemark. Den Anfang macht ein schwedisches Kirchenlied: „Så går en dag“, dessen Text dem deutschen „Nun sich der Tag geendet hat“ entspricht und von der Komponistin Karin Rehnqvist mit ihrer originellen Handschrift in einen kernig-rauen Gesang umgestaltet wurde. Das Stück gibt es auch als Orchesterlied, hier wird es jedoch von Natasha López solistisch aus dem Verborgenen (hinter der Stellwand) und so besonders eindringlich zu Gehör gebracht. Nahtlos geht es zu „Mirrors“ von Kaija Saariaho über, ausgeführt als expressives Duett mit Atemgeräuschen zwischen Flöte und Cello.
Auf einem persönlichen Kontakt beruht „Gajo“ für Sopran, Flöte und Violoncello (zuzüglich weitere Klangerzeuger), vor etwa drei Jahren komponiert von dem Dänen Nicolai Worsaae auf einen spanischen Text von Natasha López selbst. „Gajo“ meint den Schnitz einer Orange, die während der Aufführung geschält wird; worum es im Text geht, wird als „zwischen Surrealismus, freie Gestik und Erotik“ umschrieben.
Worsaae formt „Gajo“ als lange Abfolge um sich selbst kreisender Lamento-Sequenzen, die unterbrochen werden durch rätselhafte Einlagen: Zwischendurch greift die Sängerin zum Infanterie-Signalhorn, dem sie scharfe Einzeltöne und verzweifeltes Ächzen abnötigt, später zum Megaphon, das mittels Atmen und Hauchen ebenfalls zum Symbol des Scheiterns wird, sowie zur kleinen Mundharmonika und zu der besagten Orange – viel Stoff zum Nachdenken, zumal ohne Erläuterung.
Nach der Pause folgt die Welt-Uraufführung eines Stücks der jungen norwegischen Komponistin Astrid Solberg mit dem Titel „But I’m in fact also relieved. And I’m ashamed of it“, ein Auftrag des Trios vis-à-vis. Es entpuppt sich als englischsprachiger gelesener Monolog mit Instrumentalbegleitung nach Art der früheren Melodramen, als eine Krankengeschichte mit einem imaginären Gegenüber, durchzogen von Momenten der Angst und angedeuteter Verzweiflung. Als Leitmotiv darf man wohl die seltsame Vorstellung von Triangeln verstehen, die mehrfach aufkommt.
Was ist „nordisch“? Welche Klischees werden bedient? Das kann man sich bei dem abschließenden Block mit drei Songs des isländischen Popstars Björk (die auch Komponistin ist) fragen, den das Trio – vermutlich mit ironischen Hintergedanken – um einen flachen Ikea-Tisch herum sitzend als Hygge-Hausmusik Arrangement inszeniert, mit Kaffeetasse, Handtrommel, Melodica und Cello. Ganz im Gegensatz zu der üblichen Pop-Ästhetik reduzieren die drei die Songs gänzlich unplugged bis auf die Knochen. Was bleibt, ist poetisch-herber Gesang mit kammermusikalisch zarter Begleitung; den Offbeat liefern Fuß, Atem und Cello. Ist das „nordisch“? Auf jeden Fall eine ungewohnte Hör-Erfahrung.
Herzlicher Beifall, keine Zugabe, dafür die Anregung des Trios: „Bleiben Sie neugierig!“
