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musica nova – Flöte in allen Formaten

Blockflötenmusik mit Caroline Rohde und Live-Elektronik von Alexander Reiff bei der musica nova beim Kunstverein in den Reutlinger Wandel-Hallen

REUTLINGEN. Neue Musik für Blockflöte solo mit Live-Elektronik war im Rahmen der musica nova Reutlingen am Freitagabend auf der Etage des Kunstvereins in den Wandel-Hallen zu erleben. Das Motto lautete „Spheres of Blurred Memories“; es musizierte Caroline Rohde, begleitet von Alexander Reiff an Laptop und Mischpult.

Beim Stichwort „Blockflöte“ fühlen sich viele an ihre Kindheit erinnert, seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird sie im Anfängerunterricht eingesetzt. Aufgrund ihrer Bauart mit dem engen Anblaskanal spricht jeder Ton direkt an; von Vorteil ist das auch bei den schnellen Figuren der Barockmusik. Doch der Klanggestaltung sind damit enge Grenzen gesetzt, weshalb seit der Zeit der Klassik und dem Siegeszug des romantischen Ausdrucks die Blockflöte obsolet wurde.

Die aktuellen Komponisten der seit rund hundert Jahren immer noch „neuen“ Musik setzen großteils offenbar auf die Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten mittels neuartiger Spieltechniken an der Oberfläche der Musik, während grundlegende Aspekte wie Tonalität, Melodie, Form oder Rhythmus – zumindest aus Hörersicht – atonaler Willkür überlassen sind. Des weiteren wird seit einiger Zeit digitale Elektronik als Gestaltungsmittel einbezogen; beides war an diesem Abend zu hören. Ein kleines, aber interessiertes Publikum füllte die Reihen.

Caroline Rohde mit der Kontrabass-Blockflöte. Fotos: Susanne Eckstein

Caroline Rohde ist sowohl examinierte Blockflötistin als auch „historische“ Fagottistin und verfügt über eine erstaunliche Technik: Finger und Atem gehorchen ihr und den komplexen Notaten präzise in allen Details, ob auf der Alt-, der Renaissance-inspirierten Ganassi- oder der kantigen Kontrabass-Blockflöte in XXL-Größe. Und all die aberwitzigen komponierten Klangspielereien zaubert sie aus dem altbewährten Füllhorn der neuen Spieltechniken hochvirtuos und in flinker Folge: neben allen Arten von Artikulation unter anderem Glissandi, Mikro-Intervalle, Flatterzunge, Klappengeräusche, Hauchen, Überblasen und vieles mehr.

Zunächst in „Weaver-of-fictions“ der australischen Komponistin Liza Lim, wobei die Spielerin unsichtbar bleibt und ihre Geschichten wie in einem improvisierten Monolog nacherzählt. Ähnlich klingt später Lims „The long forgetting“, jedoch durchsetzt von melodischen Elementen.

In der Machart vergleichbar ist „Weeds in Ophelia’s Hair“ von Rolf Riehm, der vor kurzem verstorben ist: Shakespeares Ophelia treibt darin einen Fluss rätselhafter Lautäußerungen hinab, in kurzen Lichtpunkten, klagenden Glissandi, leisem Wimmern und schmerzhaft aufgellendem Kreischen, ersterbend in seitlich angeblasenem Hauch.

Das folgende „Seascape“ von Fausto Romitelli ist kein Seestück im traditionellen Sinn, sondern entpuppt sich als fantastische Klanglandschaft an einem imaginären Meeresgrund, suggestiv verkörpert in fremdartigen akustischen Phänomenen, die Caroline Rohde dunkel raunend aus den Tiefen der Kontrabass-Blockflöte erstehen lässt. Wer spricht da? Delfine, Rochen, Seeigel, Korallen?

Caroline Rohde mit ihrer Blockfläte in Alt-Lage. Foto: Susanne Eckstein

Zu den Solo-Monologen tritt im zweiten Teil des Abends ein imaginierter Duo-Partner, sowohl bei Veit Erdmann-Abeles „Duo Allein“ für zwei Flöten und einen Spieler als auch bei dem hier uraufgeführten „Schicht“ von Alexander Reiff. Im „Duo allein“ von Erdmann-Abele (der im Auditorium anwesend ist) wechselt die Spielerin hurtig zwischen Alt- und Kontrabass-Blockflöte, so dass eine Zwiesprache ungleicher Partner entsteht, die sich mit nachvollziehbaren Motiven und klaren Strukturen von den andern Stücken abhebt.

In Reiffs „Schicht“ tritt eine zweite Ebene zum Spiel der Blockflöte hinzu: Der Komponist selbst hat die Software programmiert, mit der er nun im Hintergrund aus der „akustischen“ Live-Musik bestimmte Elemente herausfiltert und dieser aus einer Lautsprecherbox zeitversetzt zuspielt. Die Komposition entwickelt sich von Haltetönen mit Auszierungen und Akzenten, gefolgt und unterlegt durch Klangflächen aus der Box, hin zu einem Techno-inspirierten Stück in raschem Puls. Die Spielerin greift aus einem Koffer Hammer und Holzblock, dann eine grüne, kreischende Kunststoff-Flöte und beginnt zu tanzen. Aber nur kurz, es folgt Beruhigung und stilles Ende: Flöte und Lautsprecher verstummen, die Spielerin nimmt ihren Koffer und geht ab. – Viel Applaus für die Caroline Rohde und die beiden Komponisten; keine Zugabe.

Caroline Rohde, Alexander Reiff als Interpreten und Veit Erdmann-Abele als Komponist (von links) nehmen den Beifall der Zuhörer entgegen. Foto: Susanne Eckstein
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