Bei der Reutlinger Reihe in der in der Sondelfinger Stephanuskirche gastierte das Ensemble Amaconsort
SONDELFINGEN. Nach der Lesung mit Bläsertrio am 2. August folgte in der Reutlinger „Musica Antiqua“-Sommermusik nun „Alte Musik“ im engeren Sinne. Zu Gast in der erneut fast vollen Stephanuskirche Sondelfingen war am heutigen Sonntagmittag (30. August) das historisch informierte Ensemble Amaconsort mit seinem Programm „Amasque“.
Das Wortspiel verbindet „amare“ (lieben) mit dem altenglischen „Consort“ einerseits und mit der fast vergessenen Kunstform der „Masque“ andererseits. Bei ihr handelt es sich um ein in ganz Europa verbreitetes höfisches Maskenspiel, das man als Vorläufer der Oper sehen kann. Im England der Shakespearezeit war es besonders beliebt, die Adligen inszenierten aufwendige „masques“ mit fantasievollen Verkleidungen zu Hochzeiten und anderen Festen. Anders als in der etwa gleichzeitig in Italien aufkommenden Oper bestanden diese Aufführungen aus Tanz, Pantomime und Begleitmusik; der Gesang spielte eine Nebenrolle. Allerdings sind keine vollständig aufgezeichneten „Masques“ erhalten, sondern nur einzelne Musikstücke daraus, die Eingang in gedruckte Sammlungen fanden.
Aus ihnen kreiert das Ensemble Amaconsort mit kundiger Hand eine eigene, fiktive „masque“, basierend auf alten Spielpraktiken, die seine Mitglieder teils an der Schola Cantorum Basiliensis studiert haben: Lea Sobbe (Blockflöten), Lena Rademann (Barockvioline), Martin Jantzen (Viola da gamba) und Halldór Bjarki Arnarson (Cembalo). Die ganze „Amasque“ besteht aus fünf Teilen: „Amasque“ führt ein als Präludium, „A Midsummernight“ beschwört Nachtstimmung, Unwetter und Schwanengesang, die „Antimasque“ variiert ein bekanntes Thema (die „Pavana Passamezzo“) durch fünf Tonsetzer jener Zeit, „Grace“ entfaltet gefühlvolle Anmut, und „Revel“ lädt zu dem üblichen gemeinsamen Tanz am Ende einer jeden „Masque“. Verwendet werden Stücke von etwa 15 bekannten und etlichen unbekannten Komponisten von Lawes und Locke über Brade, van Eyck und Byrd bis hin zu John Playford; zwischendurch wird improvisiert.
Zwar nicht maskiert, doch lächelnd und entspannt erwecken die vier Künstler in wechselnden Besetzungen und perfekter Balance die ferne Musik zu quicklebendigem neuem Leben, erläutert durch kurze Moderationen. Zwischendurch macht der Cembalist den galant reimenden Spielleiter, so dass die Zuhörer einen Eindruck davon bekommen, wie diese Maskenspiele (auch Shakespeare hat welche geschrieben) angelegt waren.
In unterschiedlicher Aufstellung nutzen die vier den vorzüglich passenden Raumklang der Stephanuskirche und lassen ihre Instrumente gemeinsam und solistisch zu Wort kommen: Sopran-, Alt- und Sopranino-Blockflöte, zwischendurch eine Ganassiflöte mit wunderbar dunklem Timbre, ein üppig klingendes Cembalo, die nuancenreich sprechende Barockvioline und die in diesem Fall sehr sonore Gambe, die auch mal schräg gelegt und nach Lautenart gezupft wird.
Überhaupt behandelt „Amaconsort“ die alten Klänge zum einen fast experimentell – die Sommernacht beginnt mit gläsernem Zirpen –, zum andern fast jazzig. Da kommt in den historischen Tänzen tatsächlich synkopierter Swing auf, manches erinnert an Folklore mit Hardangerfiedel. Anders als die üblichen streng gefügten Consort-Kompositionen befreit sich diese Musik wie damals die „Masque“ von der Konvention und erlaubt einen neuen Blick vom Heute in die musikalische Vergangenheit.
Da kommt es dem Publikum nicht darauf an, das Programm korrekt zu verfolgen. Es lässt sich gerne mittreiben in den wechselnden Melodien, Besetzungen und Rhythmen und ist überrascht, wenn die herrliche Kurzweil nach den temperamentvollen Tänzen des „Revel“ ihr Ende findet. Anhaltender Jubel quittiert den rundum gelungenen Auftritt mit „Parson’s Farewell“ als Dreingabe.
Wie zu erfahren war, hat „Amaconsort“ dieses Programm vor etwa einem Jahr in der Reutlinger Kirche St. Peter und Paul für eine CD aufgezeichnet. Wer sich am Crowdfunding beteiligen mag, kann dies unter https://wemakeit.com/projects/amasque-debut-cd-amaconsort?locale=de ; weiterer Kontakt ist möglich über die Ensemble-Homepage.
