Die Nationale Kammerphilharmonie aus Prag und der Oboen-Solist Christoph Hartmann musizierten am Dienstagabend unter dem Dirigat von Giancarlo De Lorenzo im Tübinger Uni-Festsaal
TÜBINGEN. Bei dieser mittlerweile jährlich stattfindenden Tübinger Mozart-Gala trifft man auf alte Bekannte in jeglicher Hinsicht: Sowohl im Publikum, das den Festsaal der Neuen Aula bis auf ein paar Lücken füllt, als auch mit Blick auf den berühmten Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart und seine Meisterwerke. Auch das Orchester war schon öfter hier, ebenso der Dirigent und der Solist, wenn auch nicht immer gemeinsam: die Nationale Kammerphilharmonie Prag, Giancarlo De Lorenzo und der Oboist Christoph Hartmann.
Für das nur mit „Mozart-Gala“ überschriebene Programm hätte sich auch die Überschrift „Mozart in Prag“ angeboten, denn sowohl die Figaro-Ouvertüre als auch die Sinfonie Nr. 38 – die „Prager“ – wurden dort 1786/87 mit großer Begeisterung aufgenommen, und Mozart erhielt in Prag den Auftrag zur Komposition des „Don Giovanni“. All dies hätte eigentlich ein nettes Thema fürs Programmheft abgegeben. Wobei es in Prag zu Mozarts Zeit weitere Komponisten gab, die Sinfonien geschrieben haben, wie etwa Vranický/Wranitzky, Koželuch oder Dušek/Duschek, Mozarts Gastgeber. Diese und andere hat um 2002 Vojtech Spurny wiederentdeckt und mit seiner „Tschechischen Kammerphilharmonie“ bekanntgemacht; die nun in Tübingen gastierende „Nationale Kammerphilharmonie“ wurde erst 2018 gegründet.
Mit dem Auftaktstück, der Ouvertüre zu „Le Nozze di Figaro“ wiederholt diese Mozart-Gala die Zugabe der Gala von 2025. Mozarts brodelnder Vorspann zu der aufrührerischen Oper (1786 lag Revolution in der Luft) drängt auch hier energisch nach vorn, getragen von routinierter Musizierfreude. Ein kleiner Patzer in der Trompete wird überspielt vom hellwachen, akkuraten Zusammenspiel des Ensembles und dem agilen, präzisen Dirigat von Giancarlo De Lorenzo.
Das Oboenkonzert C-Dur (KV 314) hat Mozart um 1777 zur Zeit seiner Reise nach Mannheim und Paris komponiert und 1778 in ein Flötenkonzert umgearbeitet, als das es die meisten später kennengelernt haben. Christoph Hartmann musiziert das gefällige Stück auswendig und mit flinker Leichtigkeit, sein Oboenton scheint diesmal (vielleicht Rohrblatt-bedingt?) besonders fein und fragil. Im langsamen Mittelsatz spinnt er zerbrechliche Silberfäden, baut innere Spannung auf und hält Zwiesprache mit dem nunmehr ohne Blech und Pauken kammermusikalisch aufspielenden Orchester. Gemeinsam scheinen sie Mozarts langen Adagio-Satz wie edles Geschmeide behutsam auf Samtkissen zu tragen und beschließen ihn mit einem flink ausgezierten Finale. Als Solo-Dreingabe überreichen sie Morricones romantisches Filmthema aus „The Mission“ („Gabriel’s Oboe“).
Das Hauptwerk des Abends ist Mozarts Sinfonie Nr. 38, die „Prager“ (KV 504). Sie folgt direkt auf die Nr. 36 („Linzer“) im Vorjahr; eine Sinfonie Nr. 37 existiert nicht (mehr), weil es sich dabei um eine von Michael Haydn handelt, zu der Mozart nur die Einleitung schrieb. Bei der „Prager“ geht es musikalisch um mehr als im Oboenkonzert; manche hören aus ihr schon Anklänge an die düstere Dramatik des „Don Giovanni“ heraus, auf jeden Fall geht Mozart hier kompromissloser zur Sache als etwa im Oboenkonzert und lässt das höfische Menuett weg.
Auch die Nationale Kammerphilharmonie Prag zeigt hier künstlerische Verantwortung. Der Dirigent schwört sie zu Beginn mit deutlicher Gestik auf äußerste Disziplin und Konzentration ein, und entsprechend präzise und differenziert entfaltet sich der Kopfsatz. Nur Blech und Pauken scheinen manchmal allzu wuchtig, doch wenn sie schweigen, im zweiten, langsamen Satz, überzeugt das kleine Orchester mit ausgefeiltem kammermusikalischem Spiel. Aufmerksam gehen Streicher und Holzbläser aufeinander ein, behutsam loten sie Details und Brüche aus, gehen Mozarts Abwegen nach und lassen Hintergründe erahnen.
Im Presto-Finale werden Pauken und Trompeten wieder gebraucht, nämlich für die harten Einbrüche, die Mozart da komponiert hat. Unter der heiteren Oberfläche lauert Verhängnis, dunkle Kräfte treiben das schnelle, bisweilen konflikthafte Spiel der Motive und Verläufe voran bis zum präzis platzierten Ende. Es folgen lang anhaltender Applaus und eine Mozart-Dreingabe (Sinfonie Nr. 10, 3. Satz).
Foto: Susanne Eckstein
