In zwei Motetten stellen Ingo Bredenbach und Jens Wollenschläger den großen Barockmusiker Georg Muffat an der Orgel der Tübinger Stiftskirche vor.
TÜBINGEN. Mehr Migration, mehr europäische Vielfalt geht kaum. Georg Muffat, aus schottischer Familie 1663 im heutigen Skiort Megève (Savoyen) geboren, ging vom Elsass aus nach Paris. Als Barockmusiker verband er Französisches, Italienisches und deutsche Polyphonie zu einem „gemischten Stil“. Sein Toccaten-Werk „Apparatus musico-organisticus“ hatte er zur Königskrönung in Augsburg dem späteren Habsburger-Kaiser Joseph I. gewidmet, erreichte aber die ersehnte Anstellung am Wiener Hof nicht, sondern starb 1704 in Passau, dessen Dom übrigens die größte Orgel der Welt besitzt. Drei seiner Söhne schafften das dann.
Im Wechsel spielten Kantor Ingo Bredenbach und Organist Jens Wollenschläger (beide Orgel-Professoren, nebenbei) am Samstagabend in der Motette die ersten sechs von zwölf Toccaten an der 64 Register und drei Manuale plus Pedal umfassenden Stiftkirchenorgel, von den württembergischen Orgelbauern Walter Supper, Friedrich Weigle und Richard Rensch zu ihrem heutigen Stand entfaltet. Zwei Variationen-Werke kamen als Dialog und als Solostück mit dem Cembalo hinzu. Dieses Doppelkonzert, natürlich wie alle Motetten liturgisch eingebettet, war am Mittwoch zuvor mit einem Gesprächskonzert vorbereitet worden.
Dass die Stiftskirche mit knapp hundert Zuhörern etwas dünn besetzt blieb, war keine Überraschung. Muffat ist inzwischen zwar eine höchst entdeckenswerte, eine schillernde, faszinierende und hochbedeutende Erscheinung der Orgelmusik, die aber heutzutage als Randerscheinung an sich nur noch Liebhaberkreise anspricht. (Für diesen – pardon: docere, delectare, movere – etwas ausführlichen Text gilt das auch.)
am Spieltisch. Fotos: Martin Bernklau
Ingo Bredenbach und Jens Wollenschläger (auf dem Titelfoto) ließen aber auch unvorbereitete Ohren Georg Muffats ungemein farbige, abwechslungsreiche Tonsprache hören: die kühnen Harmonien aus den Kirchentonarten heraus, wozu auch schlichte Dur-Moll-Wechsel durch Umwandlung der Terz gehörten; die kurzen, auf Kontraste ausgerichteten Abschnitte, die dichten Fugierungen des manchmal fünfstimmigen Satzes; die subjektiv gestaltbare Pracht und Vielfalt der Klangfarben, also der Registrierung; rauschende Läufe, Skalen, mit hochvirtuoser Fingerfertigkeit vorgeführt – die Füße fürs Pedal sollen nicht vergessen sein. Auch an Transparenz der Struktur lag beiden sehr.
Die Vielfalt liegt schon in der Toccata als Form, als Gattungsbegriff: Sie diente ursprünglich dazu, die Königin der Instrumente zu testen, auch vorzuführen in ihrem ganzen Spektrum, möglichst viele der Tausenden an Pfeifen in zig Registern aus Holz und Metall anzuspielen, auch die Funktion des von Helfern betriebenen Balg-Gebläses zu prüfen. Erst mit Bach wurde sie, wie ihre gleichfalls eher freien Geschwister Präludium und Fantasie, ganz eng an eine nachfolgende Fuge gekoppelt.
Der kurze Lebensweg und die künstlerische Entwicklung Georg Muffats sind aufregend genug, um hier knapp nachgezeichnet zu werden. Als Hintergrund ist wichtig zu wissen, dass bis weit in die Neuzeit hinein Musiker wie Schauspieler, also Vaganten, Gaukler oder Barden ( auch Künstler und Kunsthandwerker wie die Steinmetze) besonders mobil zu sein pflegten – ein von Klöstern, Klerikern und weltlichen Herrschern und Höfen begehrtes, aber auch gewisser Grundrechte entbehrendes Personal. Nicht ganz ein so häufig „fahrendes Volk“ wie viele Juden, Jenischen oder Zigeuner, aber selten auf Dauer bürgerlich sesshaft wie Bauern, Handwerker oder etablierte Kaufleute.
Muffat kam schon im Kindesalter nach Schlettstadt und ging vom Elsass aus nach Paris, um dort bei Jean- Baptiste Lully zu studieren. Er kehrte zurück nach Straßburg und Molsheim, floh von dort (wegen der Kriege Ludwigs des XIV.) nach Ingolstadt, hatte Stellen in Augsburg, München, Prag und Wien (wo er heiratete), schließlich in Salzburg, von wo aus ihm sein Erzbischof eine Bildungsreise nach Italien gewährte. In Venedig und Rom lernte er vor allem Angelo Corellis Stil kennen, aber auch die Tastenmusik seines Vorbilds Girolamo Fescobaldi. Sein vorgesetzter Salzburger Kollege war Heinrich Ignaz Franz Biber, in Wien studierte er bei Johann Heinrich Schmelzer, beides bedeutende Vertreter deutscher Polyphonie und des Generalbass-Barock. In der Wartestation Passau starb der Vater von sieben Kindern im Jahr 1704.
Muffats „Apparatus musico-organisticus“ stammt aus dem Jahr 1690 und verbindet vor allem die italienische Praxis seines römischen Lehrers Bernardo Pasquini, dazu die Vorbilder Corelli und Frescobaldi mit Muffats frühen französischen Prägungen. Die ersten Toccaten sind nach den alten Kirchentonarten gesetzt (unterschieden in der Stellung der Halbtöne), aber nach Dur und Moll anverwandelt. Scharfe Dissonanzen und verwegene Harmonien, Rückungen und Modulationen gehören dazu. Meist beginnen die abwechslungsreichen Teile (bis zu sechs) mit einer langsamen Einleitung oder Ouverture französischen Opern-Stils. Meist ist auch eine bis zu fünfstimmige Fugen-Episode eingefügt. Er benutzt Orgelpunkte (durchgehende Wiederholungen eines Tons), reiche Verzierungen und vielerlei Läufe, auch parallele.
Die Virtuosität wirkt dabei nie demonstrativ. An ständigen Überraschungen und Wendungen aber ist Muffat schon gelegen. Sein „gemischter Stil“ will auch unterhalten. Und er lädt dazu ein, im Wortsinn alle Register in allen ihren Farben zu ziehen und auch die (hier vier) Tastaturen/Manuale zu nutzen. Der Ausdruck reicht von leiser Melodik wie im Adagio der fünften Toccata bis zur mächtigen Steigerung ins volle Werk, ins Tutti, wie beim Finale der zweiten Toccata. Sehr gut, dabei unaufdringlich arbeiteten die beiden Organisten das thematische Material heraus. So war auch mal eine Umkehrung mühelos herauszuhören wie in der Nummer fünf, bei der auch der tiefe einstimmige Schlusston ausgesprochen originell wirkte.
Besonders reizvoll war nach diesen Toccaten die Ciacona in G-Dur, die als Wechselspiel zwischen Orgel und Cembalo ausgeführt wurde. Ingo Bredenbach ging dazu von der Orgelempore ans Cembalo vor dem Altar herab. Mit großer Sorgfalt fügte er dann noch solistisch die „Nova cyclopedeias harmonica“ an, einen „umfassenden“ Variationssatz über ein Aria-Thema. Die Zuhörer waren so beeindruckt wie begeistert und werden wohl alle gern zum zweiten Teil dieser verdienstvollen Tübinger Muffat-Renaissance *1) wiederkommen. Vielleicht sogar noch ein paar mehr.
Info: Die zweite der Muffat-Motetten mit weiteren sechs Toccaten und der (von Brahms so hochgeschätzten) Passagaglia g-Moll musizieren Ingo Bredenbach und Jens Wollenschläger am kommenden Samstag, 2. Mai, um 20 Uhr in der Tübinger Stiftskirche.
*1) Àpropos Verdienst: Das fallen einem die Telemann-Passion vor ein paar Wochen ein und auch Horst Allgaier, der im Vorjahr verstorbene Erste Organist der Stiftskirche, der mit seiner Begeisterung für Olivier Messiaen einem der größten Orgelkomponisten aller Zeiten in Tübingen eine besondere Heimstatt geschaffen hat.
