In der Stiftskirche widmete sich Benedikt Brändle mit der ESG-Kurrende und Solisten den Psalmen
TÜBINGEN. Die Psalmen Davids sind zwar jüdisch-biblischen Ursprungs. Aber eigentlich bilden sie seit dem Gregorianischen Choral auch den innersten Kern der geistlichen Musik für die Christenheit. „Psalmvertonungen durch die Jahrhunderte“ hatte Benedikt Brändle fast etwas beiläufig über die sehr sinnfällige Werkfolge geschrieben, mit der seine ESG-Kurrende, vier Vokalsolisten und ein kleines Instrumentalensemble am Samstagabend die Motette in der Tübinger Stiftskirche gestalteten, die recht gut besucht war.
Der Bogen spannte sich vom katholischen Konzilskomponisten Palestrina über den Protestanten Heinrich Schütz, nahm den katholischen Franz Schubert und den jüdischen Protestanten Felix Mendelssohn in die Mitte und endete mit vier Vertonungen sehr internationaler, etwas baltisch-nordisch geprägter Gegenwartsmusik. Vielfalt auch in den Formen: Vokalsolisten-Sätze, Chor mit und ohne Instrumente, Tutti mit Soli im Dialog, Frauenchor mit Begleitung vom Flügel, auch Chöre a cappella.
Ganz wunderbar umschlangen sich die vokalen Linien des Solistenquartetts in Giovanni Pierluigi da Palestrinas Psalm 42-Vertonung „Sicut Cervus“ (Wie der Hirsch lechzt) – einer der bildstärksten und poetischsten dieser 150 Psalmen, die für die Theologen den Bogen von Klage, Hilferuf bis zum jubelnden Lobpreis zeichnen. Dicht, atmend, einander in Phrasierung und Klangfarbe anpassend und mit dezentem Hervortreten sangen sie das.
Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, der sein ganzes Leben überschatten sollte, hat Heinrich Schütz (1585 bis 1672) der thüringische Meister der Frühbarock, seinen Zyklus der „Psalmen Davids“ geschaffen, mit denen er nach seiner italienischen Studienreise zu Giovcanni Gabrieli die venezianische Mehrchörigkeit nach Deutschland brachte, mit deutschsprachigem Text. Den 121, Psalm „Ich hebe meine Augen auf“ boten der Chor und die Vokalsolisten, unterlegt von einer Generalbassgruppe, im Wechsel als eine Art Responsorium dar, wobei er sich schon mit starkem, oft aufblühendem Klang über starker, kraftvoll deklamierter Sprache auszeichnete.
Die besondere Dirigierweise von Benedikt Brändle fordert das und holt es hervor: Er formt die maßgeblichen Worte lautlos, aber deutlich mit dem Mund vor und beschreibt den angestrebten Gesamtklang mit ungemein expressiven und suggestiven, geradezu plastischen Bewegungen. Es ist fast eine Performance, die aber nichts eitel Darstellendes hat, sondern das innere Engagement nach außen kehrt. Die Aufmerksamkeit aller Musiker – und mehr – ist ihm dadurch sicher. Schön übrigens auch, dass Brändle sich nach jedem Stück ganz dienend und bescheiden bei allen seinen Interpreten mit einer respektvollen Verneigung bedankt.
Die romantischen Psalmvertonungen des Mittelteils waren durchkomponiert. Den Anfang machten dabei mit dem 1820 komponierten Psalm 23 („Gott ist mein Hirt“, opus 123) von Franz Schubert die Frauenstimmen des Chors – nicht nur zahlenmäßig stark, sondern auch stimmlich. Das nötige Klavierfundament dafür lieferte sehr eninfühlsam Julian Heinz am Bösendorfer. Fast solistisch phrasierten die Frauen dabei, flexibel und besonders deutlich die Worte deklamierend, was nur mit Konzentration und vorbildlicher Aufmerksamkeit gegenüber dem fordernden Dirigenten möglich ist. Schön das geschmeidige An- und Abschwellen nicht nur beim Schluss.
Vielleicht erreichten die Männer nicht immer ganz diese klangliche Kultur der Frauenstimmen. Jedenfalls wirkte der Unisonio-Einstieg der Männer in Felix Mendelssohn Bartholdys Psalm 43 „Richte mich, Gott!“ (opus 78,2 aus dem Jahr von 1843) nicht nur der Lage und des Gestus wegen eine Spur gröber, robuster. Mendelssohn (1809 bis 1847) mit seinem jüdischen Hintergrund hat gern und viele Psalmen vertont, oft hochdramatisch expressiv und mit all der Eleganz und Klangschönheit, die seine Musik prägen. Wieder im Wechsel mit den Solisten gab es danach den Psalm 22, opus 78,3 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du ich verlassen?“ und – energisch, kraftvoll intoniert – Psalm 2 opus 78,1 „Warum toben die Heiden?“, dessen schlanke Schlusswendung (Doxologie) vielleicht noch schöner gelang als die anderen.
Zum Gemeindelied („Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“) führte Ingo Bredenbach mit einer besonders engagierten, farbig einfallsreichen und fast übermütigen Orgel-Improvisation hin, was hier ausnahmsweise mal eigens hervorgehoben werden soll. Da war manchen Zuhörern fast nach Szenen-Applaus.
Für den dritten Teil wechselte nicht nur die Epoche ins Zeitgenössische, sondern auch Stil und Sprache wandelten sich. Von Bo Hansson (1943 bis 2010), dem schwedischen Fusionisten zwischen Jazz, Rock und E-Musik stammte die englischsprachige Vertonung des Psalms 13 aus dem Jahr 2007 („How long wilt thou forget me“). Die Verbindung von fast atonalem Espressivo, stellenweise auch beinahe Sprechgesang, mit Orgelpunkten und enggeführten Fugati bis hin zur tonal leeren Schlussquint gelang dem Chor sehr eindrücklich. „Ubi caritas“, das vielleicht bekannteste Stück des norwegischen Musikers Ola Gjeilo, 1978 geboren, oblag (in klassischem Latein) dem solistischen Vokalquartett und war dort in besten Händen.
Ganz eigenartig klang der Psalm 104 („Lobe den Herrn, meine Seele“) in der estnischen Sprache seines Komponisten Cyrillus Kreek (1889 bis 1962): „Kiida, mu hing, Issandat!“ Akkordisch und in erweiterter Tonalität komponiert, endet das Stück doch in einem „Aamen“ in Dur – ganz zuversichtlich, wie auch das abschließende Werk, das der Litauer Vyautas Miskinis (* 1954) über die lateinischen Worte „Cantate domino canticum novum“ komponiert hat. Für den rhythmischen, fast tänzerischen Duktus wendete der Chor viel klassische Stimmstütze auf, verzichtete aber – wie sonst auch – weitgehend auf Vibrato.
Lange hielt die schöne Stille an. Aber danach brach rauschender Beifall aus, der ganz lange anhielt.
