Mit Atina Tabés autofiktionalem „Ferferi“ über eine iranische Bäckerin in Deutschland ging an der Tonne das 15. kleine Solotheater-Festival zu Ende
REUTLINGEN. „Vom Ankommen und Fernbleiben“ hat Atina Tabé ihr Solostück „Ferferi“ untertitelt, mit dem am Sonntagabend an der Tonne die 15. Ausgabe des Reutlinger „Monospektakel“-Festivals zu Ende ging, das sieben Stücke zeigte und durchweg bestens besucht war. Die in Teheran geborene und in Neukölln aufgewachsene Schauspielerin war von 2014 bis 2024 festes Ensemblemitglied am Theater Orchester Biel Solothurn „TOBS!“ in der Schweiz. Sie hat ihre eigene Migrationsgeschichte in die Figur der iranischstämmigen Bäckerin Ferferi einfließen lassen. Regie bei der Uraufführung von 2021 hatte Katharina Rupp geführt.
Ferferi hat es fast geschafft. Mit der Mutter (und mit Bestechung der türkischen Grenzer) als Kind ohne Geburtsurkunde aus dem Iran geflohen, hat sie nicht nur die deutsche Sprache akzentfrei sprechen gelernt, sondern auch eine tolle Idee gehabt. Ihr Backshop mit persischen Spezialitäten und dem Namen „Das süße Leben“ läuft gut. Sogar während der Corona-Sperren. Kurz nach Mitternacht steht sie auf, macht sich stundenlang nicht nur die Haare schön, sondern auch Body, Augen, Lippen. Und dann knetet sie ab den frühesten Morgenstunden ihren vorbereiteten Teig. Die ersten Kunden sind natürlich „Taxifahrerinnen und Sexarbeiter“ – so viel Gender muss sein.
Was sie für ihr volles Glück noch bräuchte, wären ein deutscher Pass und ein deutscher Führerschein. Aber die bekommt sie ohne gültige Geburtsurkunde nicht. Auch einen zweiten iranischen Laden in der Straße kriegt ihre Freundin nicht genehmigt. Ferferi backt und erzählt. Auch auf Farsi, der Sprache ihrer Herkunft, ihrer Muttersprache. Von Newroz zum Beispiel, dem Neujahrsfest aus zoroastrischer Zeit, das Muslime, Juden und Kurden im Iran gleichermaßén feiern, wie sie sich erinnert.
Ihre Mutter, mit der sie telefoniert, erzählt auch, noch mit dem Akzent, der ihrer Zunge geblieben ist: Vom Sturz des Schah, den gerade die Frauen mit dem Tschador als Zeichen des Protests bekämpft hatten; von Chomeini, der nicht die versprochene Freiheit brachte, sondern Terror, Krieg und Unterdrückung, mit dem Zwang zum Tschador für die Frauen.
Und Ferferi kennt Gedichte in Farsi. Sie kennt alte Lieder, und sie kennt französische Chansons wie „Je veux pleurer comme Soraya“ von Marie Paule Belle, womit sie jetzt betrauert, dass sie in Deutschland doch keine neue Heimat gefunden hat. Jedenfalls nicht ganz, nicht richtig, nicht wirklich.
Atina Tabé spielt und spricht und singt das alles sehr schön. Schon allein der Klang dieses Farsi ist ein Genuss, mit der Musik von ihr selbst, Olivier Truan und Alex Wittwer versehen erst recht. Das gilt auch für die französischen Passagen. Übersetzt wird auf der Bildwand, wo auch ein paar Illustrationen der Autorin (und Actrice) sowie ein paar Lichteffekte flimmern. Die vielen erzählenden Elemente wertet die Inszenierung szenisch auf – und sei es durch Kleinigkeiten wie das Kneten des Teiges, das Mehlen der Haare aus Zorn und Verzweiflung, die Jonglage oder der Konfetti-Knalleffekt.
Jede Menge könnte zum Inhalt gesagt und debattiert werden, zur Message des Stücks. Man darf nicht vergessen, das es schon vor fünf Jahren entstanden ist. Brandaktuelle Entwicklungen wie die jüngsten und erneuten Massaker des Mullah-Regimes an womöglich mehr als 20.000 Demonstranten, darunter besonders viele mutige, ja todesmutige Frauen, konnten noch nicht einbezogen werden. Auch die tote junge Iranerin, der Teenager von der Hamburger U-Bahn natürlich nicht. Deren Familie wäre froh, das Mädchen dürfte noch Integrationsprobleme haben wie Ferferis Führerschein.
Atina Tabés Stück ist ein Theater, dem man zu studentenbewegten „Grips“-Zeiten im denkbar positivsten Sinne den Begriff „Agitprop“ beigegeben hätte. Es will belehren – wie in den historischen Exkursen der Mutter. Es will eine Sache vertreten, vielleicht propagieren, die für viele Menschen eine gute Sache ist – und lässt dabei kaum ein Klischee vom guten Menschen, vom guten Flüchtling aus, der so oft benachteiligt, ja bedroht wird. Diese Wort mit der Endung auf -ling übrigens wird streng kritisiert von ihr, aus „sprachsensibler“ Sicht.
Darüber kann man trefflich streiten, denn „Liebling“ oder „Schützling“ oder auch „(Führerschein-)Prüfling“ sind nun keineswegs abwertende Worte. Sie werden nur als solche dekretiert und dienen dazu, den Code unter den Guten zu bedienen und die weniger Guten zu diskriminieren, auszugrenzen und zu canceln – mindesten als „rechts“, vielleicht gar als „Nazis“. An diese Guten wendet sich „Ferferi“. Es war übrigens linke, systemkritische und oppositionelle Kritik, die den Begriff des „Gutmenschen“ erfand, der bald – und nicht zu Unrecht – als Schmähung empfunden wurde.
Auch die empfundene Bedrohung Ferferis durch gleich fünf Nazis mit Springerstiefeln, die „Morgensterne“ als Wurfwaffen und die Baseballschläger zum Niederknüppeln alles Fremden bereit, ist durch die evidente Wirklichkeit eher nicht so gedeckt, nicht einmal im rechtslastigen Osten des Landes – wie die Bedrohung durch islamistische Gewalt, wozu man nicht einmal kippatragender Jude in Neukölln sein, einen Davidstern tragen oder in der Öffentlichkeit Hebräisch oder Ivrith sprechen muss.
Diese gute Gesinnung ist längst zu einer Mehrheitsgesinnung geworden, vielleicht sogar zur herrschenden Meinung, die ihren Gültigkeitsanspruch oft in spalterisches Freund-Feind-Denken zuspitzt und nicht einmal in Kleinigkeiten Toleranz walten lassen will. Nichtsdestotrotz ist solches Message-Theater natürlich ein völlig legitimer künstlerischer Ausdruck einer Haltung oder Gesinnung und darf damit auf offener Bühne seinen Beitrag zur Debatte leisten.
Das Tonne-Publikum schien mit seinem überwältigenden Beifall jedenfalls mehr zu feiern als nur eine tolle schauspielerische und sängerische Leistung von Atina Tabé – und eine in allen Aspekten ganz vorzügliche Inszenierung. Gut so. Recht so.
Das Theater Die Tonne teilt mit:
Die unabhängige Publikumsjury der 15. »Monospektakel«-Ausgabe bestand dieses Jahr aus Lars Christiansen, Abrahim Dold, Christiane Kohrs, Samuel Roth und Christa Schuster-Salas – und sorgte für eine ganz eigene Premiere beim diesjährigen Solo-Festival am Theater Reutlingen Die Tonne: Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals teilen sich zwei Produktionen den ersten Platz. Dies sind »Angst« von und mit der Stuttgarter Schauspielerin Lisa Wildmann, die Stefan Zweigs gleichnamige Novelle über eine Frau zwischen Einsamkeit, Sehnsucht und Schuldgefühlen adaptiert hat; und »Iphigenies Rache« mit Schauspielerin Lilly-Marie Vogler, die den antiken Mythos ins Heute und die titelgebende Heldin aus ihrer Opferrolle holt.
Zur Begründung hat die Jury den ersten Platz aufgeteilt in die beiden Kategorien »Mono« und »Spektakel«. Lilly-Marie Vogler habe eindeutig in letzterem Punkt gesiegt, ihr modern interpretierter Mythos der Iphigenie habe auf der größeren Bühne Tonne ➁ mit vielen abwechslungsreichen Mitteln ein diverses Publikum angesprochen. Dass dieses bei den facettenreich gespielten verschiedenen Emotionen mitgegangen sei und sich abgeholt gefühlt habe, sei an den überwältigenden Reaktionen mehr als deutlich geworden. Im Aspekt »Mono« des klassischen Schauspielsolos hingegen sei ganz klar Lisa Wildmann Siegerin geworden. Sie habe allein durch die Macht des Wortes das Publikum in den Bann gezogen und im intimen Setting des Tonnekellers klassische Schauspielkunst mit unkonventionellem Bühnenraum verbunden. Das Publikum sei durch reines angespielt Werden Teil der Inszenierung geworden, was die Beklemmung der Hauptfigur spürbar gemacht und ihre Welt deutlich vor Augen geführt habe.
Auf den zweiten Platz wählte die Jury Bernhard Dechants »Oskar Werner: Kompromisslos in die Wiedergeburt« über Leben und Sucht des titelgebenden österreichischen Schauspielers, auf Platz drei Atina Tabés »Ferferi فرفری – Vom Ankommen und Fernbleiben« über die Geschichte einer iranstämmigen Bäckerin in Deutschland.
Titelfoto: TOBS!
