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Martinskirche – Frappierender Effekt

Uraufführung von Sebastian Bartmanns „Wie soll ich…“ mit der Metzinger Martinskantorei unter der Leitung von Stephen Blaich, dazu Maurice Duruflés Requiem

METZINGEN. Ist Neugier ansteckend? Oder bietet Metzingen eine besonders anregende Atmosphäre? Neben dem Kammerorchester kooperiert auch die Martinskantorei mit einem Komponisten, in diesem Fall mit dem Stuttgarter Sebastian Bartmann. Ihn haben KMD Stephen Blaich und seine Kantorei zum 125-jährigen Jubiläum mit einem Werk für Chor und Orgel beauftragt, das nun bei einem Passionskonzert am gestrigen Palmsonntag uraufgeführt wurde.

Es orientiert sich in der Besetzung an der im zweiten Teil folgenden Aufführung des berühmten Requiems von Maurice Duruflé und trägt den Titel „Wie soll ich…“, basierend auf dem Choral „Wie soll ich dich empfangen“ von Johann Crüger und Paul Gerhardt, insofern zugleich eine Hommage an den letzteren, dessen Todestag sich dieses Jahr zum 350. Mal jährt. Die drei Sätze sind überschrieben mit „Wie“, „soll“ und „ich…“ und werden an der Orgel begleitet vom Komponisten persönlich, der hier schon einmal als brillanter Pianist im Klavierduo ImPuls zu erleben war. Die Ausführenden sind auf der Orgelempore platziert, als Dirigent fungiert Stephen Blaich.

Der Komponist am Orgeltisch, Stephen Blaich dirigiert. Foto: Susanne Eckstein

Bartmanns Komposition fordert die Mitwirkenden in besonderer Weise: Quasi ohne Text beginnt das „Wie“, begleitet von Iris Knecht am Cello und dem Komponisten an der Orgel. Es entfaltet Wärme und weichen Klang, überstrahlt durch ein Sopran-Solo (Maria Taxidou), bricht aber unvermittelt ab, um dem zweiten Satz – „soll“ – Platz zu machen. Hier skandiert der Chor einen Text von Hermann Hesse aus dessen Gedicht „Besinnung“, wobei empfindsame Glaubenssehnsucht auf musikalische Härte trifft; die rasche Orgelbegleitung erinnert an minimal music und an französische Toccaten zugleich.

Im dritten Satz – „ich“ – geht der Klang von den Ausführenden ins Publikum über. Ein riskantes Unterfangen – man weiß ja nie, ob und wie die Zuhörer sich als Singende bewähren. Vorsichtshalber hat Stephen Blaich zu Beginn einen Testlauf durchgeführt: Drei Choristen wandern von der Empore durch die Bankreihen nach vorn und geben den Ton vor, wonach die ad hoc Singenden wortlos, als Vokalise, in je eigenem Tempo die schlichte Choralmelodie zu „Wie soll ich dich empfangen“ intonieren.

Dieser Kunstgriff klappt auch bei der eigentlichen Aufführung so überraschend gut, dass sich alle unerwartet mitten in einem himmlischen Raumklang wie in einem klangschön summenden Schwarm wiederfinden – aus Ausführenden und Zuhörern wird eine große Klang-Gemeinschaft. Der Effekt ist frappierend, und manche hätten ihn sicher gern wiederholt.

Von der Empore der Martinskirche aus. Foto: Susanne Eckstein

Doch als zweiter Teil des Programms folgt nun ein berühmtes „älteres“ Chorwerk, das Requiem von Maurice Duruflé aus dem Jahr 1947. Duruflé hat nicht nur die Klangsprache des Impressionismus fortgeführt, sondern in diesem Fall zugleich auf das gregorianische Requiem zurückgegriffen; das wird zu einem vielstimmigen Vokalpart, der sich in raffinierten Harmonien über einen teils lebhaft flirrenden Instrumentalpart legt.

Das Stück ist für eine Laien-Kantorei nicht leicht umzusetzen, zumal bei zahlenmäßig unterbesetzten Männerstimmen, doch dank der gründlichen Vorarbeit und klugen Leitung von Stephen Blaich gelingt der Martinskantorei eine sichere Aufführung. Gemeinsam entfalten sich die Stimmen zu beeindruckender Fülle und intensiver Anrufung, an der Orgel ganz im Sinne Duruflés virtuos begleitet von Sebastian Bartmann, ausdrucksvoll überstrahlt durch die Soli von Maria Taxidou und Georg Benz. Auf die Worte „Osanna“ und „dies irae“ entfaltet der Chor ekstatische Kraft, der Leitsatz „requiem aeternam dona eis“ wird in großer Ruhe wiederholt.

Das überirdische „In Paradisum“ am Schluss hätte reiner klingen können – da vermisste mancher vielleicht den wunderbaren Gemeinschaftsklang vom Ende der Uraufführung. Dennoch eine bemerkenswerte Leistung für die Martinskantorei und ihren Leiter; nach der gemeinsamen Stille am Ende gab es herzlichen Applaus für alle Mitwirkenden.

Info: Das Jubiläum der Martinskantorei wird mit weiteren Veranstaltungen begangen: Am 3. Mai mit Gottesdienst und Festakt samt Vortrag sowie am 19. Dezember mit einer Aufführung des Oratoriums „Die Geburt Christi“ von Heinrich von Herzogenberg.

Titelfoto: Von links Sebastian Bartmann, KMD Stephen Blaich, Maria Taxidou, Iris Knecht und Georg Benz. (Der Chor steht dahinter.) Fotos: Susanne Eckstein

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