Torsten Willes Kantorei, das Collegium musicum und Vokalsolisten musizierten Händels „Brockes-Passion“ in der Reutlinger Marienkirche
REUTLINGEN. Das war ein Wagnis: die Aufführung von Händels „Brockes-Passion“ am Sonntagabend in der Reutlinger Marienkirche durch die dortige Kantorei mit dem Collegium musicum der Marienkirche und Solisten. Die Leitung hatte Bezirkskantor Torsten Wille.
Anders als bei Darbietungen der Bach-Passionen wurde die Kirche diesmal nur halb voll. Im Gegensatz zu den Bach’schen Passionen war die Aufführungstradition der sogenannten „Brockes-Passion“ etwa zweihundert Jahre lang unterbrochen, erst in letzter Zeit zeichnet sich eine Art Renaissance ab.
Das hat seinen Grund hauptsächlich in dem unsäglichen Text des im vollen Wortlaut mit „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ überschriebenen, zweieinhalbstündigen Passionsoratoriums. Der Hamburger Ratsherr Barthold Heinrich Brockes hat in seinem um 1712 gedichteten Erfolgs-Libretto die Leidensgeschichte Christi in so drastisch ergreifenden Bildern ausgemalt, dass seine Zeitgenossen und mit ihnen die Komponisten hell entzückt waren, die Nachwelt aber die zahlreichen Vertonungen peinlich berührt in der Versenkung verschwinden ließ. Wer mag etwa ein schmerzvolles Duett von Jesus und Maria hören?
Auch bei Georg Friedrich Händels Vertonung der „Brockes-Passion“ handelt es sich um keine Kirchenmusik; er und seine Kollegen versorgten das Hamburger Publikum und die Musiker mit großartiger Musik, Wut- und Rachearien inklusive, solange das Opernhaus während der Passionszeit geschlossen war; für die Aufführung wurden in der Regel Konzertsäle genutzt.
Entsprechend nah ist das Werk der Barock-Oper, sichtbar an der Abfolge von Arien und Rezitativen; 54 mehrteilige Nummern umfassen eine Spieldauer von mindestens zweieinhalb Stunden. Dabei wird der Chor nur mit wenigen kurzen Turbae als Jüngerschar und hoher Rat sowie mit schlichten Chorälen als „christliche Kirche“ beteiligt und markiert Anfang und Ende.
Um es vorwegzunehmen: Die Kantorei und das Collegium musicum der Marienkirche meisterten die Partitur unter Torsten Willes präziser Leitung akkurat und ausgewogen. Dass die Aufführung länger dauerte, lag an den ruhigen Tempi und am kontemplativen, „kirchlichen“ Charakter, den Torsten Wille und seine Mitstreiter dieser Passion verliehen. Grundsätzlich hielten sie sich in Gestaltung und Ausdruck zurück und verliehen dem Stück einen andächtigen Duktus. Das barocke Orchester in der von Händel vorgesehenen kleinen Streicherbesetzung mit Oboen, Fagott und Basso continuo musizierte kammermusikalisch und einfühlsam.
Allerdings widerspricht der Feinsinn der meisterhaft komponierten und sorgsam ausgeführten Musik den drastischen Worten, mit denen Brockes schonungslos blutige Misshandlungen als Heilsgeschichte vor Augen führt. Wo man Bilder und Affekte gestalterisch unterstreichen könnte, bleiben sie hier in einer Sphäre milder Schönheit.
Nur der Tenor Marcus Elsäßer tritt als erzählender Evangelist und als Petrus aus dieser Andachtshaltung heraus und bringt Wort und Gefühl mit heller Stimme, plastischer Aussprache und intensiver Präsenz spannungsreich auf den Punkt, wie man es von ihm aus anderen Oratorien gewohnt ist; und dies sogar ohne Begleitung, wenn sich Petrus (auch musikalisch) schutzlos preisgibt.
Überhaupt ist den Solisten eine schier übermenschliche Leistung zu attestieren, zumal der Sopranistin Johanna Zimmer. Sie übernimmt als „gläubige Seele“ und „Tochter Zion“ all die wundervollen Arien, in denen Händel mit Brockes die Leidensgeschichte betrachtet und kommentiert, und meistert unermüdlich, nur mit kurzen Unterbrechungen, mit ihrer sauber geführten und in allen Lagen gleichbleibend makellosen Stimme die Rezitative und Koloratur-Arien, die Händel in schier unendlicher Folge und Schönheit in dieser Passion der menschlichen Stimme zugedacht hat, von den Streichern mit zarten barocken Seufzer- und Schmerz-Motiven untermalt. Könnte man diese unglaubliche Arien-Fülle nicht als Fundus für andere Konzerte nutzen?
Dem Tenor und der Sopranistin zur Seite stehen in wechselnden Rollen die junge Altistin Lena Koepp sowie der bewährte Bass Thomas Scharr; beide bringen ausdrucksvolle Farben ins Spiel. Auch die Soliloquenten aus der Kantorei bewähren sich bestens, ebenso die Solisten aus dem Collegium musicum an Violine und Cello.
Nach fast drei Stunden endet mit Glockengeläut, Stille und lang anhaltendem Beifall die insgesamt tadellos durchgestandene Aufführung; ein Sonderapplaus gilt den Solisten Johanna Zimmer und Marcus Elsäßer.
