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LTT-Werkstatt – Anders altern

„Leben? Leben!“ – Das Frauentheater am Tübinger LTT sucht und findet neue Wege für den Wechsel ins Alter

TÜBINGEN. Jetzt, wo der Mann tot ist und die Töchter weit weg, will Luise ihr Leben in die Hand nehmen und alles anders machen als die Mütter, Großmütter, Urgroßmütter – und die Töchter. Miriam Rösch hat mit ihrer zehnköpfigen Truppe vom Frauentheater am LTT und Hausdramaturg Tom Gipfel ein Stück um die 70-jährige Luise entwickelt, das luftig komödiantisch daherkommt, den tieferen Ernst der Lage im Alter aber durchaus wahrnimmt und behandelt. Auch provokant. „Leben? Leben!“ hatte am Freitagabend seine Premiere in der vollbesetzten LTT-Werkstatt.

Für das Kulturzentrum ihrer etwas großspurigen, etwas zwielichtigen neuen Freundin Franziska gibt Luise mehr als ihr ganzes Geld. Foto: Salomé Noller/LTT

Diese Luise ist keineswegs die Heldin oder gar ein Vorbild. Schon dass sie Geld hat und ein viel zu großes Haus, macht sie nicht unbedingt zur Sympathieträgerin. Zumal sie der ältesten Tochter – wohl wegen des versoffenen Mannes in akute Wohnungsnot geraten, dazu spießig und erbgeil – geradezu hartherzig das Asyl verweigert. Auch für die andere, die von ihrem goldenen Käfig als Zahnarztgattin in München genug hat und in Scheidung lebt, hat Luise kein Ohr. Nur die jüngste, etwas lockerer drauf, hat nichts an der Mutter und ihrem neuen Lebensstil auszusetzen.

Mit der prolligen Kneipen-Bedienung Susi pichelt Luise gern mal einen oder würfelt auch. Foto: Martin Bernklau

Luise treibt sich in Kneipen und Kinos rum, shoppt nicht nur in schicken Hutmodeläden und hält die etwas prollige Bedienung Susi aus, sondern steckt ihr Geld (sogar per Hypothek aufs Haus) in zwielichtige Kulturzentren eine befreundeten Lebedame, der neuen Freundin Franziska, mit der sie sogar auf der Pferderennbahn zockt. Das Kaffeekränzchen, von dem ein Quartett der „Beigen“ als klassich kommentierender Chor mit allen Klischees und mit tollen Gags (Szernenapplaus!) übrigbleibt, lässt sie hinter sich – und zieht sich dafür Hohn und Spott der tratschtantigen Lästermäuler zu.

Ihrem Kaffeekränzchen, den „Beigen“, den Tratschtanten, zeigt Luise die lange Nase. Foto: Martin Bernklau

Die Truppe spielt das, vor allem in den Hauptrollen, in unterschiedlicher Ausprägung richtig gut, bis in die Sprachbildung hinein (wo allenfalls mal noch überbetonte Endsilben an den Unterschied zu Profis erinnern). Da war viel gearbeitet und gut angeleitet worden. Es hat Vor- und Nachteile, wenn Frauen Ü 50 ihre eigene Lebensepoche spielen. Vielleicht hätte man auch noch echte Männerrollen einbauen können – aus der reinen Lust am Rollenspiel heraus, nicht um Transgender zu propagieren. Vielleicht kommt der Sex im Alter, womöglich auch ein lesbischer mit Susi, als Feld und als Problem sowieso zu kurz. Aber das hätte zusätzliche Mühe gemacht.

Missionierung und Moral, auch so etwas Ratgeberhaftes oder Altklug-Altersweises, das alles blieb ganz außen vor in dem Stück. Das Komödiantische hingegen hielt eine schöne Balance zum Bedenkeswerten; bis zur sensibel eingebauten Tragikkomik einer beginnenden Demenz. Der allmählich abflauenden Mode des chorischen Sprechens mochte sich die Inszenierung noch nicht ganz entziehen. Auch wenn noch viel Erzählung blieb, kam doch viel Szenisches auf die Bühne, echtes Theater also, nicht nur berichtende Rezitation. Was eigentlich gar nicht so schwer ist, wie das Stück zeigte: Da telefonieren Mutter und Tochter miteinander, da werden beim Kaffeekränzchen die Neuigkeiten verhackstückt, da wird beim Würfelspiel in der Kneipe geplaudert…

Gehört sich sowas? Luise sucht und findet ihre neue Balance. Foto: Salomé Noller/LTT

„Jetzt bin ich frei!°“, sagt Luise. Sie will gleich zu Beginn „versuchen, das Leben zu lieben“. Am Ende hat sie zwei Leben gelebt: ein langes voll mütterlicher und ehelicher Pflichterfüllung, voll Nicht-Beachtung und Undank, auch von Langeweile und Überdruss; und ein kurzes, allenfalls noch zwei Jahre währendes, das sie dann ausgekostet hat bis zur Neige: „Sie hat das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen“, heißen die Schlussworte des Chors.

Ein sehenswertes Stück avancierten Laien- und Frauentheaters am LTT.

Blumen für das Team im Hintergrund und begeisterter Beifall von den Rängen in der Werkstatt für die Truppe vom Frauentheater am LTT. Foto: Martin Bernklau

Besetzung: Dorothea Gauss-Landsleitner, Ulla Huhn, Gabi Oechsle-Kober, Martina Ruggeri-Neuscheler , Claudia Schwaibold, Marianne SAeidel, Svetlana Sekulić, Gabriele Stillings (Luise), Elisabeth Staussinsky, Stephanie Vartanian, Susanne Wahle-Eder.

Leitung, Bühne, Kostüme: Miriam Rösch; Dramaturgie: Tom Gipfel

Weitere Vorstellungen: 17. Januar, 31. Januar, 21. Februar, 27. März 2026

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