In der Werkstatt des Tübinger Landestheaters liefern lauter Frauen eine feministische Fortschreibung der antiken Schlüsselstücks – von überwältigender Kraft und Schönheit
TÜBINGEN. Und hätte ein Zuschauer keinen Schimmer von griechischer Geschichte, Mythologie und Bühnenkunst. Und wäre ihm jegliche feministische oder politische Botschaft vollkommen gleichgültig: Die schiere Schönheit. diese ästhetische Geschlossenheit und die geradezu archaische Wucht dieser „Orestie“-Fortschreibung von Maxi Obezer unter der Regie von Annika Schäfer und in Swantje Silbers wahrhaftig grandioser Ausstattung könnte ihn, ja würde ihn überwältigen. Oder sie, versteht sich. Am Samstagabend war die ausverkaufte Premiere der Uraufführung dieser „Töchter der Orestie“ in der Werkstatt des Tübinger Landestheaters.
Aber ein bisschen Bildung kann ja nie schaden. In der „Orestie“ des Aischylos – Dritter im attischen Bunde mit Euripides und Sophokles, dazu käme Aristophanes als komödiantischer Vierter – treffen sich der Mythos, also der Götter- und Heldenglaube der Griechen, mit deren Geschichte, verbinden sich die Geburt der Tragödie und die Entstehung der attischen, der abendländischen Demokratie, die mehr ist als „unsere Demokratie“. Aber es ist eine Männergeschichte, diese Geschichte rund um Homers Trojanischen Krieg, den Gründungsmythos dieser Kultur, auch wenn so viele Frauenfiguren darin ihre eminent wichtigen Rollen spielen. Bis hinauf zu Athene, der Schützgöttin der Stadt und Göttin der Weisheit, dieser Kopfgeburt aus dem Haupt des Göttervaters Zeus.
Schon das erste Setting der Inszenierung ist großartig. Die Göttin Athene (Sabine Weithöner) thront auf einer knallrot ausgekleideten schmalen Treppe im Publikum, on top. Drunten tut sich was in den drei Steingräbern, den Grüften, in denen drei der toten Frauen ruhen sollen, zu ruhen haben, die der antiken Story viel von ihrem ewigen Drive gegeben hatten und nun doch keine Ruhe geben. Eigentlich fehlt nur Helena, die schönste Frau der Welt, die vom trojanischen Prinzen Paris – nach dem Göttinnen-Urteil im olymp-internen Apfel-Contest – aus dem Sparta ihres Gatten Menelaos entführt wird, oder womöglich eher mit ihm durchbrennt.
Zum Kriegsherrn des Feldzugs gegen die kleinasiatischen Trojaner, eine wohl blühende und konkurrierende Macht im mittelmeerischen Osten, wurde der mykenische Menelaos-Bruder Agamemnon. Im listenreichen Ithaker-König Odysseus fand sich der dramatische Pfeffer der Geschichte, der intellektuelle Kick, und ließ sich, von Homer, in der zeitlosen Irrfahrt fortführen. Den Muttermörder Orest, den Rächer seines Vaters, hat die Kulturgeschichte zum tragischen Helden gemacht.
Es gibt schon ein paar kritische Einwände gegen diese Inszenierung (über die zunehmend etwas belehrenden Schluss-Sequenzen im affirmativen Sinne „unserer Demokratie“ hinaus). Dass die feministische Perspektive schon in der antiken Story liegt, kommt zu kurz. Iphigenie, das Opfer männlicher Kriegslüsternheit, auch im Köstüm zur kindlichen „Iphi“ zu verniedlichen, führt etwas weit weg vom Problem.
Dass Klytämnestra, die weise Herrscherin über das herrenlos verwaiste Mykene, in der barbarischen Opferung ihres Kindes allen und jeden Grund – Rache, natürlich – für die Tötung des heimkehrenden Kriegshelden Agamemnon finden konnte, wird deutlich. Die von ihm erbeutete Sex-Sklavin Kassandra (Jennifer Kornprobst, auch für die Musik zuständig), die ja trotz Liebhaber Ägisth nicht nur Klytämnestras Konkurrentin ist, nicht nur Königstocher und Prophetin, sondern auch unerhörte Rebellin, sie könnte klarer konturiert sein.
Aber das sind Wertungen der Richtung und im Detail. Es ist eine ganz großartige kleine Klassiker-Inszenierung, von antikischer Klarheit und feministischer Kraft.
