Am Tübinger LTT hatte am Freitag „Der zerbrochne Krug“ nach Heinrich von Kleist seine Premiere
TÜBINGEN. Fast nichts Neues unter der Sonne. Übergriffige Männer in Machtpositionen hat sich Heinrich von Kleist schon anno 1811 vorgenommen – ohne Empörung allerdings, sondern als Lustspiel. „Der zerbrochne Krug“ hatte am Freitagabend seine ganz gut besuchte Premiere im Großen Saal des Tübinger LTT. Gastregisseur Alexander Marusch hat die Posse um den Dorfrichter Adam trotz traditionellen Ansatzes noch ein bisschen zur Comedy zugespitzt.
Das Stück ist immer noch Schulstoff und Abi-Thema. Ganz zu Recht. Man sah das am Publikum bei der Premiere. Wer jetzt zwecks Aktualisierung eines dieser elegant abstrakten LTT-Bühnenbilder erwartet hatte, sah sich enttäuscht: Cornelia Stephan zeigte ein leicht verjüngtes Zimmer mit ziemlich viel Müll. Im Mehrzweckraum hatte eine Pokalfeier der Sportler stattgefunden. Es wird durchgewischt, gewaschen und aufgeräumt, dann wird per Leuchtschrift zum Gerichtssaal umgewidmet. Brigitte (Emma Stratmann) kann das. Dass der Dorfrichter Adam (Martin Bringmann) mit seinen blutigen Blessuren am Kopf in der Ecke noch seinen Rausch ausschläft, klärt sich bald.
Der Schreiber Licht (Rolf Kindermann), so ehrgeizig wie eilfertig bis zur Unterwerfung, ist mit dem Rad zur Arbeit gekommen, brav behelmt und mit Warnweste. Als er seinen lädierten Dienstherrn anzureden beginnt, ist schnell zu hören, dass hier das inzwischen etwas gravitätisch klingende Deutsch von damals gesprochen wird. Das Ohr gewöhnt sich flott dran. Und dass die ganze Komödie in fünfhebigen Blankvers-Jamben durchrhythmisiert ist, fällt auch nicht weiter auf. Das setzt allerdings echte Schauspielkunst voraus, soll diese Strenge nicht steif und nach Schülertheater klingen.
Gerichtsrat Friederike Pöschel. Foto: Tobias Metz/LTT
Noch ein paar andere Updates leistet sich die Inszenierung. Der Gerichtsrat Walter, der da zufällig zum Supervising in die Provinz kommt und in den Prozess hereinschneit, ist Gerichtsrätin. Friederike Pöschel spielt die gestrenge Dame. Der Krug, um den es geht, ist ein Familienstück von ideellem Wert. Die robuste – und auch mal anmachehalber kräftig zupackende – Frau Marte Rull (Sabine Weithöner) verdächtigt ihren designierten Schwiegersohn Ruprecht Tümpel, den Leo Kramer als einen gutwilligen Vokuhila-Jüngling gibt, der bald in den Krieg geschickt werden soll, diesen Krug im Zimmer seiner Verlobten Eve (Sarah Liebert) zerdeppert zu haben.
Aber die Sachlage ist anders. Kleist weiht seine Zuschauer von Beginn an ein. Damit wird der Fall vom possierlichen Kleinkrimi zur Studie. Nicht wer ist die spannende Frage, sondern wie. Wie windet er sich heraus, der Metoo-Macho? Aber nicht nur beim Dorfrichter ist echte Charakterdarstellung gefragt, sondern auch bei den anderen Figuren. Die Story hat Kleist so klug und clever konstruiert, dass alle Beteiligten ihre fragwürdige Rolle haben und ihre eigenen Konflikte mit sich herumschleppen. Der Witz übrigens, den die Regie mit feinen und gröberen Methoden bis hin zu Slapstick und Blödelei herauskitzelt, liegt schon im Text – nicht nur als Wortwitz, sondern als echte Komik.
Und Kleist, der dramatische Titan im langen Schatten der Klassiker, bietet seinen Interpreten vorab noch mehr an. Er bettet die Monologe und Dialoge situativ ein. Da wird eben nicht einfach nur erzählt – ein Problem der vielen Adaptionen von nicht-dramatischen Texten (und von schlechten Dramen) für die Bühne auf dem aktuellen Theater. Es wird nicht nur berichtet und referiert, sondern Klage erhoben, händeringend verteidigt, eine Zeugenaussage gemacht oder ein Geständnis abgelegt. Das erlaubt Blickwechsel, Einwürfe, Handlung, Szene.
Aber es kommt immer noch drauf an, was man draus macht. So kurz und kompakt Alexander Marusch und Dramaturgin Christine Richter-Nilsson das Stück auf gute anderthalb Stunden komprimiert und konzentriert haben (der Bauer Tümpel etwa, Ruprechts Vater, fiel ganz weg): Es erlaubt sich lange, ganz geduldige Pausen. Und dass sogar in dieses reglose Innehalten hinein gegluckst wird auf den Rängen, auch das zeigt: Die Sache ist geglückt.
Der verkaterte Dorfrichter steht bedröppelt und doof in seinen Unterhosen da, weiß, Marke Feinripp. Mit der puren Comedy, also dem – natürlich völlig legitimen – platten bis plumpen Holzhammer-Humor, hatte Martin Bringmann anfangs viel mehr Mühe als mit der komödiantischen Feinzeichnung und Tiefenschärfe, in die er schnell hineinwuchs. Auch Friederike Pöschel musste sich sehr anstrengen. Aus dem männlichen Charakter der Vorlage einen weiblichen zu machen, ist einfach mal ein schauspielerisches Problem an sich. Oder, neudeutsch, eine Herausforderung. Und dann soll die Gerichtsrätin noch stimmig und facettenreich werden, eben mehr als nur ein Typus. Es dauerte, es gab kleine Rückfälle ins Unsichere, aber es gelang ihr doch.
Andere Aufgaben stellten die Nebenrollen der jungen Leute. Als Tochter Eve muss Sarah Liebert ein Frauenbild verkörpern, das es eigentlich gar nicht mehr gibt: die Liebende, Dienende, sich Aufopfernde, die in ihrer jungfräulichen Reinheit und Ehre Angegriffene, für den Geliebten sogar zum Meineid bereit. Auch dem Part des Schwiegersohns Ruprecht aus Kleists Vorlage muss mittlerweile Manches geopfert werden, weil es als „toxische Männlichkeit“ in Verruf geraten ist: umwerben, erobern, beschützen, erst recht Besitz und Eifersucht (er hat die Verlobte zu Unrecht als „Metze“, als Hure beschimpft und muss sich entschuldigen). Vom Soldatischen und allem Heldenhaften nicht zu reden. Da bleibt nicht mehr viel übrig, schlimmstenfalls nur noch die Funktion im Plot. Daran gemessen holte Leo Kramer doch noch viel aus der ihm zugewiesenen Rolle als Beklagter und Opfer heraus und gab ihr Kontur.
Absolut großartig, zumal auch in ihrer Sprachkunst, traten Sabine Weithöner als Mutter Marthe Rull und Emma Stratmann in der vermeintlich so unscheinbaren Rolle der dienstbaren Brigitte auf die Bühne, in Kleists Text ursprünglich die hilfreiche Tante, hier die Magd und einzig verbliebene von den Bediensteten. Vom schweigend schaffigen Mädchen für Alles bis zum hochdramatischen Auftritt als entscheidende Zeugin zeigt Emma Stratmann von den Figuren vielleicht die meisten, die weitesten Facetten. Und nicht nur ihre Stimme hatte Kraft und Intensität.
Der resoluten Witwe und Hebamme Marthe hat Regisseur Alexander Marusch noch einen ganz besonderen Touch gegeben. Sie geht auch, mit einem Schlag ins Vulgäre, ganz forsch ran an die Männer, in diesem Fall, beim Umtrunk in der Verhandlungspause, an den kläglichen Dorfrichter Adam. Diese künstlerische Freiheit war bei Sabine Weithöner in den besten Händen. Da war alle denkbare weibliche Power versammelt. Sie verdichtete ihre Marthe-Figur mit einer elektrisierenden Präsenz so, dass deren Gewicht weit über das hinausging, was Kleist der zornigen Klägerin zugemessen hatte. Und die Sprachbildung, die Stimmstärke und Vielfalt in der Artikulation: phänomenal! Auf einem imaginären Siegertreppchen standen ganz klar diese beiden Frauen, den Titeldarsteller Martin Bringmann an der Seite.
Das von der situativen Komik immer wieder verzückte Publikum bejubelte die Darsteller und das Team lang.
