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LTT-„Kirschgarten“ – Kettensäge und Segway

Am Tübinger Landestheater inszeniert Dominik Günther Anton Tschechows traurige Dekadenz-Komödie kurz, freihändig und asketisch

TÜBINGEN. Vieldeutigkeit ist ein hohes Gut. Sie trennt die Kunst vom Kitsch. „Der Kirschgarten“ bekam anno 1904 in Moskau seine zweite Uraufführung. Schon dabei zerstritt sich Anton Tschechow mit seinem Regisseur Konstantin Stanislawski über die Deutung der Geschichte und die ihrer Figuren. Der materielle und moralische Niedergang der Adelsfamilie von Ljubow Ranewskaja (Friederike Pöschel) findet sein symbolstarkes Ende mit dem Abholzen des von allen so tief geliebten Kirschgartens mitten in seiner letzten Blüte. Der reich gewordene Kaufmann Lopachin (Leo Kramer), als Sohn leibeigener Bauern geboren, ersteigert am Ende das heruntergewirtschaftete Gut – und kommt mit der Kettensäge.

Das Gut der Ranewskaya soll zwangsversteigert werden. Der neureiche Bauernsohn und Start-up-Kaufmann Lopachin (Leo Kramer) kommt auf dem Segway als Bieter daher. Fotos: Martin Bernklau

Tschechows „Kirschgarten“ hatte mal eine große Zeit ab den Neunzigern an den Theatern, als ihn Peter Stein an der Berliner Schaubühne und in Salzburg, Peter Zadek an der Wiener Burg inzenierten. Das war eine Art Abgesang der alten 68-er für die linke, die marxistisch klassenkämpferische Sicht auf diese melancholische Tragikkomödie der Dekadenz. LTT-Hausregisseur Dominik Günther hat die neuere Übersetzung von Elina Finkel noch einmal aktualisiert und das Stück stark gestrafft. Der Kern blieb erhalten, wenn auch viel von Tschechows lakonisch-dichter Sprache wegfiel. Dafür kamen neben einiger Musik und ein paar Transgender-Elemente hinein, die den Steins und Zadeks seinerzeit wohl nur ein verständnisloses Achselzucken abgerungen hätten.

Anton Tschechow war Arzt. Als Erzähler und Dramatiker wurde er zum sezierenden Pathologen einer vorrevolutionären russischen Gesellschaft zwischen Spätfeudalismus und Bourgeoisie. Der „Kirschgarten“ war sein letztes Stück, in Moskau uraufgeführt, ein halbes Jahr bevor er 1904 an Tuberkulose starb. Seine „Drei Schwestern“ hatte es noch aus der Provinz „nach Moskau!“ gezogen, die Ranewskaja flieht mit Tochter Anja (Emma Stratmann) nach Paris, nachdem ihr Mann mit all seinen Schulden am Suff gestorben und danach noch der sechsjährige Sohn Grisha im Fluss ertrunken war. Adoptivtochter Warja (Sarah Liebert) und Bruder Leonid (Andreas Guglielmetti) sollen die Stellung halten. Doch auch der französische Geliebte verprasst nur ihr verbliebenes Geld und säuft sich gleichfalls zu Tode, „mit Champagner“.

In Monologen, hier Tochter Anja (Emma Stratmann) mit dem ewigen Studenten Trofimov (Insa Jebens), erzählen die Figuren ihre dekadenten Geschichten von Niedergang und Trauer. Foto: Martin Bernklau

Die Ranewskaja kommt zurück, zu retten, was zu retten ist. Der gleichfalls verschuldete Nachbar Boris (Gilbert Mieroph) scharwenzelt immer noch um Kredit bettelnd herum und verscherbelt seinen Grund schließlich an englische Investoren. Trofimov, ein kopflastiger und lebensuntauglicher Langzeitstudent (Insa Jebens) wäre nun auch keine wirklich gute Partie für die Töchter.

Der Emporkömmling Lopachin – Leo Kramer zeichnet den vormaligen Leibeigenen auf seinem Segway leicht und stimmig als tatkräftigen Mann mit Zukunft – empfiehlt zur Abwendung der Zwangsversteigerung das Abholzen des Kirschgartens, um auf dem Areal Datschen zu parzellieren und dann teuer zu verpachten. Nicht nur der Herrin, immer dichter charakterisiert in ihrer Dekadenz von Friedrike Pöschel, blutet bei dem Gedanken das von Erinnerungen schwangere und schwere Herz. Man bleibt einfach untätig.

Mit originellen Chorsätzen von Jörg Wockenfuß für das ganze Ensemble hat die Regie die Handlung ergänzt. Modern Talkings „Cheri Cheri Lady“ passt zum Titel und die „Polonäse Blankenese“ zur partygeilen Dümmlichkeit des dekadenten Personals. Sandra Fox hat die Bühne auf ein asketisches Minimum reduziert. Bei den Kostümen aber brezelt sie ihre Figuren teils knallig auf, vor allem die Tochter. Student Trofimov, der Nerd, von Insa Jebens in Männerklamotten dargestellt, ist noch ganz okay. Die Choreos – naja. Anstrengend jedenfalls.

Am Ende kommt die Kettensäge. Foto LTT/Ken Werner

Aber Gilbert Mieroph tut sich ungewohnt schwer, als Nachbar und abgewirtschafteter Gutsbesitzer („Ich bin der Hengst!“) zwischen Sonnenbrille, femininer Federboa und rosarotem Stirnkranz einen Charakter zu formen oder solcher Rolle wenigstens einen plausiblen Typus abzugewinnen. Man darf fragen, welchen dramaturgischen Sinn diese Gender-Camouflage macht – oder ob sie nur das pflichtschuldige Zugeständnis an einen (wohl doch allmählich abflauenden) Zeitgeist ist. Die fallenden Kirschblüten (siehe das Titelbild) haben Sinn – und sind schön.

Klar, man kann die Sprache auf hip bürsten, wie man den Aufsteiger Segway fahren lassen darf. Aber ein wenig übertrieben wirkt es doch, wenn die tatsächlich „abgefuckte“ Gutsherrin den lebensfremden Dauerstudenten als „ungefickt“ verhöhnt. Sind solche Sexismen vielleicht gar kraftmeiernde Ersatzhandlungen in der voll durch-pornografisierten, aber faktisch prüdesten Gesellschaft seit Adenauer?

Es hilft nichts: Abschied von Gut und Garten. Foto: Martin Bernklau

Die dichtesten Darstellungen in einem ausgeglichen guten Ensemble boten Friederike Pöschel und Leo Kramer. Die Komik hatte angesichts des tieftraurigen Grundierung bei allen das richtige Maß. Und Timing. Kein Fishing for gags. Aber ein paar Lacher können ja nicht schaden. Dass Dominik Günther all die gestrichenen Szenen und Sätze nutzte, um die Ratlosigkeit dieser einst so feinen, aber todgeweihten Gesellschaft in langen, geduldigen, spannenden Pausen spürbar zu machen, gab dem LTT-„Kirschgarten“ Intensität. Und am Schluss, nach trostlos traurigem Abschied, kam Leo Kramer nicht wie Tschechows Lopachin mit der Axt. Er kam mit der Kettensäge zum Kirschbaum-Massaker. Sehr effektvoll.

Und dann kommt der Mann mit der Kettensäge wie zum Jüngsten Gericht. Die neue Zeit von geschäftstüchtiger Energie macht Tabula rasa mit dem morschen Alten. Foto: Martin Bernklau

Riesiger Jubel, allerhand Juchzer, ganz langer Applaus und viele Vorhänge für ein gutes Stück.

Jubel und Jauchzer für die Premiere von Tschechows „Kirschgarten“ im nicht ganz ausverkauften Großen Saal des Tübinger LTT. Foto: Martin Bernklau
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