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Lindenhof – Jodeln, melken, schießen

Am Melchinger Lindenhof hatte am Donnerstagabend Markus Köbelis bitterböse Komödie „Holzers Peepshow“ Premiere

MELCHINGEN. Da sitzen sie und löffeln mürrisch ihre Suppe aus. Vater, Mutter Tochter, Sohn – und der alte Bauer. Der wird 90. Ihr Holzerhof ist auf dem absteigenden Ast. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, droben im Gebirg. Man muss sich nur was einfallen lassen. Mit der Zeit gehen. Am gestrigen Donnerstagabend hatte „Holzers Peepshow“ von Markus Köbeli Premiere in der nicht ganz ausverkauften Scheune des Melchinger Lindenhof-Theaters. Das Publikum lachte sich schlapp über den übermütigen Bauern-Schwank. Doch der endet eher bitter.

Hör mal, ob sein Herz noch schlägt! Die Puppe des Altbauern, Linda Schlepps (als Martha), Berthold Biesinger (als Hans). Foto: Richard Becker/Lindenhof

Es ist ein Stück für vier Personen (Bertold Biesinger, Linda Schlepps, Hannah im Hof, Luca Zahn) – und eine Puppe, die den hinfälligen Großvater gibt. Carola Schwelien führt Regie. Markus Köbeli, ein gebürtiger Berner, der auch mit viel Satire im Schweizer Fernsehen bekannt geworden ist, hat es eine Komödie genannt. Das ist etwas irreführend. Denn „Holzers Peepshow“ beginnt als derber Schwank zwischen wortverspieltem Bauerntheater in örtlichem Dialekt (aus Schwyzerdütsch wurde Schwäbisch), Comedy, Klamotte und Slapstick. Es darf schenkelgeklopft und lauthals gelacht werden. Doch das bleibt im Halse stecken. Denn nach der Pause wird daraus eine surreale Groteske, eine ländliche Horror-Show, ein alpiner Alptraum: Skripted Reality. Die Geschäftsidee hat funktioniert.

Alles bereit bereit für die Show: Familie Holzer und Kuh. Foto: Richard Becker/Lindenhof

„Bauern sterben“ hieß schon das Drama von Franz Xaver Kroetz, mit dem der Lindenhof im Jahr 1991 in der Unterjesinger Kelter Tübinger Sommertheater machte. Das war eine Tragödie. Am realen Hintergrund hat sich seither nichts geändert. Der Bauernstand stirbt, rasant und unaufhaltsam. Dem Programmheft kann man entnehmen, dass von den Höfen im Ländle fast drei Viertel abgegangen sind in den vergangenen 40 Jahren. Manche Landwirte versuchen sich in die „Ferien auf dem Bauernhof“ zu flüchten, um zu überleben. Städter wollen erleben, wie das so ist auf dem Land, in der frischen Luft. „Sie wollen das Heimelige sehen“, sagt Bauer Hans (Berthold Biesinger). Die Fortschreibung findet dann in den Social Media statt.

Alles so schön bunt hier! Die Reality-Stars der Holzer-Family posen für Amis und Japaner. Forto: Richard Becker/Lindenhof

Erst organisieren das die findigen heimischen Geschäftemacher und Busunternehmer, wie der Hagentobler. Dann kommen die Konzerne mit den internationalen Connections. Die Kundschaft kommt aus den USA, aus Japan: zum Glotzen. Die Familie spielt erst sich selbst, dann eine Heidi (Hannah im Hof als Tochter Anna) und eine wundersam Geheilte (Linda Schlepps als Mutter Martha), die aus dem Rollstuhl springt. Der Junior, als gelernter Mechanbiker schon länger der Technik und einer Kawasaki 750 zugewandt, sorgt für denn rechten Ton und macht zünftige Musi fürs Publikum. Es wird gejodelt und der Schuhplattler getanzt, Der Alte jagt und schießt. Im Stall wird gemolken und die frische Milch in den alten Kannen ins Bild geschleppt.

Schöne neue Medienwelt: Verschleieret im Berg-Idyll. Foto: Richard Becker/Lindenhof

Aber die Idylle, längst vorher schon zerbrochen, sie trügt. Auf den Nachbarhöfen wird auch immer mehr an Krebs weggestorben. Der Vater („Es ist einfacher, wenn man sagen kann: Ich bin Bauer! wenn jemand fragt“) hat das Saufen angefangen und sondert flüchtlingsfeindliche Parolen ab. Die Szenen der echten Ehe werden gehässig und arten immer öfter in Gewalt aus. Die nächste Generation verabschiedet sich nach dem Landleben sich auch vom Fake, von der schönen neuen Medienwelt. Es hat sie schon immer herunter gezogen, ins Tal, in die Stadt, ist Spital. in die Werkstatt. „Darsteller gesucht!“ steht am Ende über der Szene.

Das Ende: Die Jugend wendet sich ab. (Hannah im Hof, Berthold Biesinger, die Puppe Altbauer, Linda Schlepps, Luca Zahn, vlnr.)
Foto: Richard Becker/Lindenhof

„Holzers Peepshow“ wird von allen Vieren ganz wunderbar mit je eigenem Profil gespielt – vom grübelnden Monolog über den Wutanfall bis zum tobenden Slapstick. Zur Figurenzeichnung gehören auch die Abstufungen des Dialekt vom Honoratiorenschwäbisch bis zum Hochdeutsch. Herrlich auch, wie sie alle den Großvater führen und lebendig machen, die humanoide Puppe. Bei einem der Alarme („Sie kommen!“) stürzt Linda Schlepps so stunthaft über die Möbel (Ausstattung und Kostüme: Katharina Müller) , dass man schon einen echten Arbeitsunfall auf dem Theater befürchten könnte. Sound- und Lichtdesign unterlegen die Dramaturgie mit ihren vielen Tempowechseln virtuos.

Ein tolles Stück Theater, ganz in bester Lindenhof-Tradition: Grenzen und Genres überschreitend, mit kraftvoller Spielfreude und dem kritischen Blick aus der schwäbischen Provinz auf die soziale Wirklichkeit da draußen

Begeisterter Jubel für das Team von „Holzers Peepshow“ in der Melchinger Lindenhof-Scheune. Fotos: Martin Bernklau

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