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Lindenhof – Ein Herz aus Stein

Am Melchinger Theater Lindenhof inszeniert Edith Ehrhardt „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff als moralisches Märchen für Erwachsene

MELCHINGEN. Vom armen reichen Mann. Von der Liebe. Der Munk Peter drängelt schon am Vorabend der Hochzeit. Die Hormone halt. Aber seine Elsbeth bleibt standhaft. Sie will als Jungfrau in die Ehe gehen. Da kommen dem armen Köhler grundsätzliche Zweifel. So lässt Edith Ehrhardt am Melchinger Lindenhof ihre Version von Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ beginnen. Am Freitagabend war die gut besuchte Premiere auf der Alb.

Eigentlich spielt die Geschichte Wilhelm Hauffs im düsteren Schwarzwald, für den Ausstatterin Barbara Folman eine bildstarke Waldkulisse aus dunkel glitzernden Baumstämmen geschaffen hat. Im Hintergrund: ein Rundpodest, das mit etwas Bühnennebel als Kohlemeiler, als Kirche oder als Kneipe funktioniert, letztere fürs Tanzen, Zechen oder Zocken. Seinerzeit gab es dort, besonders im Calwer Nagoldtal, einen besonderen Wirtschaftszweig:

Flößer sammelten die Stämme in angestauten Wehren und schafften das frisch geschlagene Holz in erst kleinen, dann riesigen Gebinden („Gestören“) über die Enz, den Neckar und den Rhein hinab nach Holland, in die steinreiche See- und Kolonialmacht, die es für ihre Flotte und für die Grachten brauchte. Auch nebenan vor Ort wurde der Brennstoff zum Heizen oder besonders in Glashütten benötigt. Regionale Sozialgeschichte ist das und lokale Kulturgeschichte.

In der Kneipe wird getanzt, gezecht und gewürfelt. Aber der reich und kalt gewordene Köhler Peter Munk verzockt sein ganzes Geld. Foto Richard Becker / Theater Lindenhof

Auch Wilhelm Hauff (1802 bis 1827), dem Romantiker und arg jung am Typhus gestorbenen Autor, soll hier ein wenig Platz eingeräumt sein. Er stammte aus Stuttgart, wuchs aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Halbwaise in der Tübinger Haaggasse auf, im Haus Schottel, wo es eine Restauration gab, ein Wirtshaus. Fast direkt nebenan, heute Hausnummer 19, hatte rund 200 Jahre zuvor Regina Bardili, geb. Burkhardt gewohnt, die als „Schwäbische Geistesmutter“ (nach vorehelichem Sex mit ihrem nachmaligen Mann) vielfache Mutter und eine weithin imponierende Persönlichkeit geworden sein muss – und eben Hauffs Vorfahrin war, wie sie Ahnin von Hegel, Hölderlin, Schelling und Uhland, dazu von vielen anderen Köpfen der Tübinger Ehrbarkeit und ihrer Gelehrtenschaft wurde.

Hauffs Märchen – Kalif Storch, Der kleine Muck, Zwerg Nase zählen dazu wie auch Das Kalte Herz oder das Wirtshaus im Spessart – machten ihn früh berühmt und brachten ihm Erfolg als wichtigem Teil des „Schwäbischen Dichterkreises“. Nach seinem Roman ließ der Württemberger Graf Wilhelm über der Honauer Echaz 1842 nah am Platz der abgegangenen mittelalterlichen Burg sein Märchenschloss Lichtenstein errichten.

Edith Ehrhardt hat den Stoff zu einer Bühnenfassung für fünf Schauspieler in zahllosen Rollen verdichtet. Das ist virtuos gezirkelt (etwa im flotten Wechsel der sorgsam geschneiderten Kostüme) und wunderbar präzise abgestimmt. Nur Luca Zahn bleibt der Peter, das „Sonntagskind“, wechselt dafür aber den Charakter komplett. Vielleicht überzeichnet er seinen reich, aber marmorkalt gewordenenen Underdog eine Spur, wird dabei oft etwas laut, was man auch vom Soundtrack sagen kann, den Julia Klomfaß aus Geräuschen, Percussion und eher sparsamer Melodik komponiert hat. Die Sprache springt interessant zwischen Hauffs hohem romantischen Ton, heutigem robusten Jargon und der Vielfalt rustikaler Schwaben-Dialekte.

Auch der mafiöse Magnat Holländer-Michel (Berthold Biesinger) ringt im düsteren Wald um Seele und Herz des armen Köhlers. Foto: Martin Bernklau

Eine hinreißende Glanzrolle zeigt Linda Schlepps als zauberhaftes Glasmännlein, ein wenig zur klugen und guten Fee gestylt (siehe das Titelbild). Berthold Biesinger gibt dem mafiösen Widerpart Holländer(!)-Michel, einem Mephisto, einer faustischen Verführer-Figur zu Geld und Macht, viel düstere Wucht. Neben ihm tritt ein reicher Zocker mit dem jüdischen Vornamen Ezechiel am Spieltisch auf. Hauffs antisemitische Klischees seiner Zeit und Denkungsart bleiben damit aber noch dezent im Andeutungsrahmen. Franz Xaver Ott ist routiniert und souverän in seiner Vielseitigkeit. Anrührende emotionale Dichte verleiht Hannah im Hof vor allem ihrer Elsbeth, als Liebende wie als Barmherzige.

Das junge Liebespaar (Hannah im Hof und Luca Zahn). Foto: Becker/Lindenhof

Die klare Moral dieser Märchen-Parabel – man darf sie als antikapitalistisch aktualisieren – kommt nicht gar zu holzschnitthaft in Schwarz und Weiß herüber, wird nicht allzu penetrant aufgetragen. Das spricht doch sehr für die Bearbeitung und ihre Inszenierung, aber auch für nuanciertes Schauspiel. Die simple Lehre, dass Gier nach Geld und Reichtum nicht glücklich macht, wäre schon auch älteren Kindern vermittelbar, was in die familiäre Tendenz der Lindenhof-Stücke passen würde. Aber „Das kalte Herz“ ist doch eher ein Märchen für Erwachsene. Edith Ehrhardt hat den Konflikt ringartig eingefasst und dem surrealen Alptraum so ein erwachendes Happy-End gegönnt.

Es wurde lang gefeiert bei der Premiere.

Am heutigen Samstag um 19.30 Uhr und am morgigen Sonntag um 17 Uhr folgen weitere Aufführungen. Weitere Spieltermine auf der Lindenhof– Seite.

Großer Applaus für Hauffs Erwachsenen-Märchen. Foto: Martin Bernklau

Titelfoto: Richard Becker / Theater Lindenhof

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