Mit Ute Lempers Kurt-Weill-Chansonabend endeten am gestrigen Sonntag die Tübinger Schlosshofkonzerte
TÜBINGEN. So viele Weltstars hat das Land nun auch wieder nicht hervorgebracht. Ute Lemper ist einer. Auch wenn ihr Ruhm in New York, London oder Paris größer sein mag als hierzulande. „Ute Lemper singt Kurt Weill“ war am gestrigen Sonntag ihr Chansonabend überschrieben, mit dem die Tänzerin, Schauspielerin, Film- und Musicaldarstellerin den Höhepunkt und den Abschluss der diesjährigen Schlosshofkonzerte markierte. Die Diva gab einen Querschnitt über Leben und Werk von Kurt Weill, der nach seinem und Bert Brechts Erfolg mit der „Dreigroschenoper“ als Jude vor den Nazis fliehen musste und – wie seine Interpretin viel später auch – nach der Zwischenstation Paris sein Lebens- und Schaffenszentrum in Amerika fand.
Ute Lempers Karriere ist eng mit Kurt Weills Werk verbunden: Mit der „Dreigroschenoper“ feierte sie europäische Erfolge, bevor sie in den Neunzigern zum Broadway-Star wurde. Immer wieder hat sie sich in Liveprogrammen und gleich mehreren Einspielungen mit seinen Chansons, Liedern, Songs beschäftigt. Ihr Abend im fast ausverkauften Schlosshof widmete sich nach einem chronologischen roten Faden dem dann doch kurzen Leben des Komponisten (1900 bis 1950) und seinen Schaffensphasen. In geschmeidigen Übergängen wechselte sie von erzählenden Einführungen zu den in drei Sprachen dargebotenen und gemeinsam mit der kleinen Band als ganz freie Nachschöpfungen, teils als Medleys, gedeuteten Chansons.
Der geniale Glenn Gould, eigenwilliger Pianist aus der E-Fraktion, brachte einst der Stimme von Barbra Streisand (eher Genre U) das Kompliment dar, sie sei mit ihrer „diversity and timbral ressource (…) one of the natural wonders of the age“. Vielleicht wäre ihm zu Ute Lemper Vergleichbares eingefallen, zumal auch ihren Stil auszeichnet, dass sie jedes Lied mit Drama auflädt („…turns every song into a miniature theater piece laden with drama“). Um eine Stimme so werden zu lassen und sie dann so lange auf solchem höchsten Level zu halten, ist neben des lieben Gottes Großzügigkeit oder der Gabe der Natur eminente Schulung und fortdauernder Fleiß vonnöten.
Von tenoral dunklen Lagen über zentrale, sagen wir, Mezzo-Register bis in spitzeste Höhen verfügt Ute Lemper da über alle Farben, Intensitäten und Techniken, auch percussive, auch Sprechgesang, auch Flüstern. Sie setzte sie etwa im Weill-Song auf den Erich-Kästner-Text „Der Abschiedsbrief“ nach der Pause ein. Kästner hatte ihn übrigens zunächst Marlene Dietrich zugedacht, mit der Ute Lemper eine legendäres langes Telefon-Gespräch aus deren später Pariser Eremitage verband.
Die Zusammenarbeit Kurt Weills mit Brecht hörte nach dem Sensationserfolg der beiden Mittzwanziger mit der „Dreigroschenoper“ nie ganz auf. Lotte Lenya, die erste Seeräuber-Jenny und die zweimalige Frau Kurt Weills, stammte aus Wien und weigerte sich zeitlebens, „Nannas Lied“ zu singen, das von jungen Jahren in Wien am Rande von Prostitution und männlicher Ausnutzung auf dem „Liebesmarkt“ handelte. Es entstand in den späten Dreißigern (auch) für das befreundete Paar, als alle längst im Exil waren. Ute Lemper sang es voll Melancholie und In-sich-Gekehrtheit als umjubelte Zugabe.
Ihre Zusammenstellung zeigte, dass man von den berühmten „Dreigroschen“-Liedern abwärts über die weiteren Brecht/Weill-Opern wie „Mahagonny“ oder die „Sieben Todsünden“, auch noch „Jasager/Neinsager“ oder etwa dem „Alabama-Song (Whisky Bar)“ hierzulande immer weniger von Weills Schaffen kennt. Dazu gehört auch das 1934 in Paris entstandene „J’attends un navire“ aus „Marie Galante“, das während Krieg und deutscher Besatzung zur Hymne der französischen Resistance wurde. Im amerikanischen Exil wurde Weills Tonsprache immer jazziger, auch von George Gershwin beeinflusst. Eng arbeitete er schließlich mit dem Dramatiker Maxwell Anderson zusammen, seinem Nachbarn. Das waren Sternstunden des Jazz-Gesangs, ganz herausragend erarbeitet, begleitet und gestaltet von Ute Lempers Pianisten Vana Gierig. Hinzu kamen Ludovic Beier (Akkordeon) und Giuseppe Bassi (Bass), naturgemäß nicht ganz so stilprägend.
Zu den Musicals „Lady in the Dark“, 1949 kurz vor Weills frühem Herztod nahe New York entstanden, hatte es dann zu dunkeln begonnen. „Speak low“, ein paar Jahre früher komponiert, und „The Saga of Jenny“ hießen die empfindsamen Songtexte, in die Ute Lemper noch einmal die gesamte Farb- und Klangpalette, ihre überwältigende Ausdruckskraft und alle Valeurs ihrer großen Stimme einbringen konnte. Aus allen Songs machte sie – nach dem Glenn-Gould-Diktum – Dramen: herzergreifend, anrührend, traumhaft, zärtlich oder auch todtraurig. Ein großes Konzert. Ein Ereignis.
